Ausgesprochen KAPUSTE: Altmänner- Bosheiten
Ich gehe gerne ins Kino, meist zusammen mit Klaus Hagelmann. Ein etwas ungewöhnliches Vergnügen für Leute unseres Alters.
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Ich gehe gerne ins Kino, meist zusammen mit Klaus Hagelmann. Ein etwas ungewöhnliches Vergnügen für Leute unseres Alters. Am liebsten besuchen wir das Thalia. Das Programm ist gut und man wird von den andernorts bis zu 25 Minuten dauernden, ohrenbetäubenden Reklamen und Filmvorschauen weitgehend verschont, einem unerträglichen Mist, dem man nur durch Zuspätkommen entgehen kann. Zudem behandelt das Thalia Rentner sehr zuvorkommend. Nach kurzer, wohlwollender Gesichtskontrolle erhalten wir verbilligte Karten.
Wir haben uns voll den heutigen Kinobesuchs-Gebräuchen angepasst. Auch wenn wir sonst nie Popcorn anrühren, hier kaufen wir uns die großen Portionen und für jeden eine Flasche Bier. Dass wir durch das Popcorn-Mampfen nervende Geräusche erzeugen und dass eine auf dem Boden abgestellte Bierflasche auch mal scheppernd durch die Gegend kullert, stört uns nicht. Schließlich haben wir dafür bezahlt.
Wir achten wie alle Besucher darauf, auf den Plätzen zu sitzen, die auf den Karten aufgedruckt sind. Auch wenn die großen Säle 1 und 2 gähnend leer sind und wenn wir damit bereits hinter uns Sitzenden die Sicht versperren – Hagelmann ist einen Meter 90 groß und ziemlich massig. Ordnung muss sein. Die Opfer dulden dies in der Regel, denn Hagelmann hat trotz seines Alters etwas Türstehermäßiges an sich. Es steht den hinter uns Sitzenden ja frei, die Plätze zu wechseln.
Dauert ein Film lange, so ist wegen des Biergenusses auch mal ein Aufsuchen der Toilette erforderlich. Hagelmann muss allerdings zuvor erst mal seine ausgezogenen Schuhe ertasten. Das dauert. Sind die Reihen gut gefüllt, bereitet das Durchzwängen einige Mühe. Es gibt immer Leute, die meckern, wenn wir ihnen auf die Füße treten oder fast auf sie drauffallen. Sie hätten halt aufstehen sollen, wie man das früher in der Tanzstunde gelernt hat. Der jeweils Zurückgebliebene berichtet dann dem Zurückkommenden präzise und gut hörbar den Inhalt, den er versäumt hat. Dann ertönt es aus der Umgebung genervt „Pst! Pst!“, aber das nehmen wir hin. Wir bekennen uns zu unserer Schwerhörigkeit. Ist der Film zu Ende, bleiben die meisten Zuschauer erst mal ergriffen sitzen. Ist ja auch interessant, die ellenlangen Abspanne bis zum letzten Beleuchtungsassistenten zu betrachten. Wir rumpeln immer gleich hoch und versauen ihnen die Stimmung.
Schade, dass es am Ausgang nicht mehr Benotungsapparate gibt. Hagelmann und ich waren stets der gleichen Meinung, nur nicht bei den französischen Wohlfühlfilmen. Er hat immer Bestnoten verteilt, ich dagegen habe hinter seinem Rücken heimlich das Gegenteil gedrückt. Im Alter sind Bosheiten ein wichtiges Lebenselixier.
Unser Autor ist ehemaliger Stadtverordneter der CDU und war Vorsitzender des Ausschusses für Kultur. Er lebt in Eiche.
Eberhard Kapuste
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