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Stefanie Sloboda aus der Ukraine ist seit Dienstag in Potsdam. 
© Ottmar Winter PNN

Ukrainerin flüchtet nach Potsdam: Dem Bombenterror entkommen

Auf ihrer Flucht aus dem mittlerweile stark zerstörten Charkiw nach Potsdam musste Ukrainerin Stefanie Sloboda mit vielen Schwierigkeiten kämpfen. Und sie bezweifelt, nun dauerhaft in Sicherheit zu sein.  

Von Erik Wenk

Potsdam - Stefanie Slobodas Heimat liegt in Trümmern: Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, wird seit Tagen von den russischen Streitkräften bombardiert. „Am Mittwoch war es die Hölle, über die ganze Stadt wurden Bomben geworfen“, sagt Sloboda. Die 30-Jährige weiß dies von Verwandten und Freund:innen, die sich nach wie vor in Charkiw aufhalten. Sie selbst war bereits am 24. Februar geflohen und befindet sich seit Dienstag in Potsdam, wo ihre Eltern leben. 

Auch wenn fast alle strategisch wichtigen Einrichtungen in der Stadt mittlerweile zerstört seien, gibt es nach wie vor Handyempfang, wodurch Sloboda weiter Kontakt nach Charkiw halten kann. „Es ist gerade sehr schwer, Menschen aus der Stadt zu holen, der Bahnhof war in den letzten Tagen überfüllt und wurde mittlerweile geschlossen“, sagt sie. „Es sitzen seit Tagen viele Familien mit Kindern in der Metro.“ 

Viele vom Angriff überrascht

Viele Menschen in der Stadt hatten nicht erwartet, dass Putin tatsächlich einmarschieren könnte: „Wir wussten zwar, dass das Militär an der Grenze steht, aber wir haben normal weitergelebt“, sagt Sloboda. Sie selbst hatte lange mit dem Angriff gerechnet; am 24. Februar um 5 Uhr morgens war es soweit: „Ich habe draußen einen lauten Knall gehört – das war für mich das Zeichen.“ 

Sie packte ihre Sachen und fuhr zwei Stunden später mit dem Auto in den Westen der Ukraine, wo ihr sechsjähriger Sohn gerade seine Ferien bei Verwandten verbrachte. Ihre Schwester hatte ihr zuvor noch ihr kleines Kind mitgegeben; sie war völlig unvorbereitet auf den Angriff gewesen und blieb vorerst in Charkiw. 

Stundenlanges Warten an ungarischer Grenze

33 Stunden dauerte die Fahrt quer von einem Ende des Landes zum anderen, zwischendurch hatte Sloboda Schwierigkeiten, an Benzin zu kommen. „In der Nähe von Kiew habe ich Bomberflugzeuge am Himmel gesehen“, sagt Sloboda. „Es war ein totaler Schock, ich wollte es erst gar nicht richtig wahrhaben. Man kann es nicht in Worte fassen.“ 

Obwohl Sloboda zu den ersten gehörte, die das Land nach dem Angriff verließen, gab es schon kurz darauf lange Schlangen an der ungarischen Grenze: „Wir haben neun Stunden lang an der Grenze gestanden und gewartet.“ Bei winterlichen Temperaturen wurden die Geflüchteten von vielen freiwilligen Helfer:innen mit Essen und Trinken versorgt: „Die Menschen waren sehr freundlich und hatten sehr viel Beileid.“ Als sie endlich über der Grenze war, nahm Sloboda noch eine Frau und ihr Kind ein Stück des Weges in Richtung Slowakei mit. 

Getrennt vom Partner

Ihren Freund musste Sloboda in der Ukraine zurücklassen, da er im wehrfähigen Alter ist und das Land nicht verlassen darf, er kämpft derzeit in der Territorialverteidigung gegen die russische Armee. Auch Teile ihrer Familie blieben zunächst in Charkiw. „Sie haben die ganze Hölle miterlebt“, sagt Sloboda. Mittlerweile befänden sich ihre Verwandten aber auf dem Weg nach Deutschland. 

Wie es jetzt weitergeht, wisse sie noch nicht genau: „Ich bin noch gar nicht richtig angekommen.“ Zusammen mit anderen Menschen hilft auch Sloboda dabei mit, Hilfslieferungen in die Ukraine zu schicken, vor allem Medikamente würden derzeit dringend gebraucht.

Zukunftspläne zunichte gemacht

Der Krieg hat ihre Zukunftspläne über den Haufen geworfen: Eigentlich wollte sie ihren Sohn dieses Jahr in Charkiw einschulen. „Diese Entscheidung wurde uns genommen“, sagt Sloboda. Sie selbst spricht gut Deutsch, ihr werde es nicht schwerfallen, eine Arbeit zu finden. Potsdam ist ihre zweite Heimat, viele Jahre ist sie zwischen beiden Städten gependelt.

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Obwohl Sloboda vorerst in Sicherheit ist, zweifelt sie daran, dass dies so bleibt: „Ich habe mittlerweile das Gefühl, das man sich nirgendwo mehr sicher fühlen kann.“ Sie macht sich keine Hoffnungen, dass Putin schnell klein beigeben werde: „Die Leute müssen begreifen, dass er noch weiter gehen wird“, sagt Sloboda. „Und die Europäer müssen begreifen, dass der Krieg nicht weit weg ist, sondern bei ihnen um die Ecke.“ 

Aufgeben kommt nicht infrage

Sie freue sich über die große Einigkeit, die in Europa über den Krieg herrscht. Die Sanktionen seien gut, aber Sloboda bezweifelt, dass sie Putin stoppen können. 

Aufgeben ist für sie keine Option: „Wir kämpfen für die Demokratie und für unsere Unabhängigkeit. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist riesig. Aber wir werden stark bleiben, solange es geht.“

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