
© Andreas Klaer
Landeshauptstadt: Die Erben des Hoflieferanten
Seit 120 Jahren verkaufen die Meissners Fleisch und Wurst. Etwas anderes kommt ihnen auch nicht in die Tüte
Stand:
Mit einer Torte muss ihm keiner kommen. Christian Meissner kann auch im Jubiläumsjahr süßen Sachen wenig abgewinnen. Er ist Fleischer mit Leib und Seele, bis hin zum eigenen Speiseplan.
Vor allem ist der 58-Jährige Verkäufer. „Ich gehöre in den Laden, zu meinen Kunden“, sagt er. Für die nimmt er sich viel Zeit, da darf es auch mal etwas mehr sein, nicht nur bei der Wurst, auch wenn es um ein paar Minuten für Beratung und Rezeptaustausch geht.
Jetzt sind es 120 Jahre, seitdem Heinrich Meissner in Potsdam die Familiendynastie begründete. In der Breiten Straße, wo jetzt das Haus der IHK steht, befand sich das erste Geschäft. Der Fleischer hieß bald „Hammelkönig“, weil die Qualität der Produkte so gut war, und wurde wenig später, 1910, sogar zum kaiserlichen Hofschlächter und Hoflieferanten ernannt – eine große Ehre. „Dem Kaiser haben wohl die Koteletts geschmeckt“, sagt Firmenchef Christian Meissner heute, denn warum genau es damals dazu kam, sei heute nicht mehr nachvollziehbar. Viele Unterlagen, Bestelllisten beispielsweise, sind mit dem Abriss des Hauses in der Breiten Straße verloren gegangen.
Heinrich Meissner ging es damals gut, sein Sohn Heinrich junior eröffnete bald eine zweite Filiale in der Kastanienallee. Dessen 1932 geborener Sohn, wieder ein Heinrich, Vater von Christian Meissner, wollte dann eigentlich Tierarzt werden, sagt der jetzige Chef. Doch der Vater war in der Nachkriegszeit beim Schmuggeln von Fleisch erwischt und im Schnellverfahren zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden – der junge Heinrich flog vom Helmholtz-Gymnasium, es wurde nichts aus dem Studium. Es blieb dann doch nur die Fleischerkarriere.
Die Nachkriegszeit war schwierig: Während der Firmenchef fünf der sieben Jahre absaß, wurde das Geschäft enteignet. Zwar wurde Heinrich Meissner nach der Wende rehabilitiert, sagt Christian Meissner, aber fast würde es deshalb das Familiengeschäft jetzt nicht mehr geben. Erst ab 1960 ging es wieder aufwärts, freilich als Konsum-Fleischerei in der Brandenburger Straße, die sie übernehmen konnten, seit 1984 mit Christian Meissner als Geschäftsführer, immer unterstützt von Ehefrau Karin. „Die hält den Laden zusammen“, sagt er über seine Frau. Den Schritt nach Babelsberg machte er noch kurz vor der Wende. „Die HO (staatliche Handelsorganisation der DDR, d. Red.) suchte ein engagiertes, junges Ehepaar“, erinnert er sich. Der Laden in der Karl-Liebknecht-Straße war nagelneu, und nur drei Jahre später konnte er diesen von der Treuhand übernehmen.
Jetzt sitzt er in einem kleinen Büro hinter Verkaufsraum, Küche und Lagerräumen, an der Wand hängt ein Schlüssel mit einem riesigen Rindsknochen als Anhänger. „Weil ich den sonst immer verliere“, sagt Meissner und lacht. Er ist vielleicht nicht mehr jung und in fünf Jahren sollen die Söhne Clemens und Alexander das Geschäft übernehmen. Aber er ist ein ruheloser Geist, macht sich Gedanken, hat immer wieder Ideen. Ob er noch mal eine neue Filiale eröffnet, weiß er nicht – eigentlich, sagt er, komme er ja mit seinem Marktwagen überall hin. Aber insgeheim liebäugelt er mit einem Laden in Berlin, gesteht er. „In der Hauptstadt, das wäre doch was!“
Doch zuallererst geht es ihm wie einst seinem Urgroßvater um Qualität. Vor einigen Jahren wagte er eine wichtige Veränderung: Er stellte sein Angebot komplett auf Bio um. Das war riskant, sagt er, alles wurde plötzlich teurer und manche Kunden blieben weg. Aber es kamen neue, und heute ist er froh, dass er den Schritt gemacht hat. Er ist der Einzige in Potsdam, der Neuland-Fleisch anbietet. Dort werden die Tiere artgerecht gehalten, anderes Fleisch kommt für ihn nicht mehr infrage.
Heute bietet er seiner Stammkundschaft Erlesenes, ebenso Essen auf Rädern, das an kleinere Firmen geliefert wird, und deftigen Ladenimbiss. 14 Mitarbeiter inklusive eines Lehrlings sind sie mittlerweile, aber nach wie vor steht Meissner gern selbst hinter der Theke und schwatzt mit den Kunden. Er kann mit allen, dem Taxifahrer, der auf eine Bockwurst reinkommt, oder Promis wie Wolfgang Joop und Moderatorin Vera Int-Veen. Die kaufen bei ihm auf dem Markt am Nauener Tor ein. Dort steht Meissner seit zehn Jahren als einer der ersten Markthändler mit einem Wagen. Hoflieferant bleibt eben Hoflieferant.
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