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Landeshauptstadt: Gegenwind vom Immobilienmarkt

Die Segelbaufirma „Quantum Sails“ muss die Bertinistraße verlassen: Die Stadt Potsdam will das Wassergrundstück verkaufen

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Nauener Vorstadt - Juliane Hofmann hat den „Millionenblick“ jeden Tag vor sich. Die Lastkähne auf dem Jungfernsee fahren förmlich durch ihre Werkstatt, von ihrem Schneidetisch aus bietet sich ein atemberaubendes Panorama über die Wasseroberfläche hinüber zum Königswald. Juliane Hofmann ist Segelmacherin; Segeln und Segelmachen sind ihrer Ansicht nach ineinander übergehende Tätigkeiten. Nur ein guter Segler ist auch ein guter Segelmacher. Viele Weltklassesegler verdienen ihr Geld beim Segelbau, etwa ihr Kompagnon, Mehrfach-Segelweltmeister Greg Wilcox, derzeit der Erste auf der Weltrangliste bei den OK-Jollen, eine Segelbootklasse. Dem Wind soviel wie möglich kinetische Energie entlocken, darum geht es in dem Geschäft von Juliane Hofmann und Greg Wilcox.

Damit könnte es bald vorbei sein. Die beiden Segelmacher arbeiten dort, wo andere gern wohnen und dafür Millionen ausgeben, in der Bertinistraße. Der für das Flächenmanagement zuständige Stadtverwaltungsmitarbeiter hat der Firma „Quantum Sails“ nur noch einen befristeten Pachtvertrag für die kleine Halle mit dem tollen Ausblick gegeben. Ende September 2012 müssen Juliane Hofmann und Greg Wilcox das Jungfernseeufer verlassen. Drei Millionen Euro, habe der Mann gesagt, werde er für das riesige Grundstück zwischen Bertinistraße und Jungfernsee bekommen, auf der die kleine Segelmacherwerkstatt steht. Der Mann hat Juliane Hofmann zufolge noch mehr gesagt. Als sie protestierte und erklärte, ihr werde die Existenzgrundlage entzogen, da habe er erwidert: „Suchen Sie sich einen reichen Mann, dann brauchen Sie nicht mehr zu arbeiten.“

Mit diesem Spruch hat der Verwaltungsangestellte bei Juliane Hofmann auf Granit gebissen. Die Babelsbergerin ist studierte Wirtschafts- und Sozialgeographin, deutsche Vize-Meisterin in der OK-Jolle, Existenzgründerin. Sie ist nicht gewillt, die frauenfeindliche Äußerung hinzunehmen. Hofmann hat sich bei der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Potsdam beschwert. Allerdings erst, nachdem der Stadtmitarbeiter den neuen Pachtvertrag unterschrieben hatte – aus Angst, andernfalls ihren Platz an der Bertinistraße sofort zu verlieren.

Die Stadt Potsdam teilte am gestrigen Mittwoch mit, der entsprechende Mitarbeiter sei bereits eine Zeitlang krank und könne sich nicht zu dem Vorwurf äußern. Dessen Chefin ließ mitteilen: „Der Vorgang wird aufgeklärt, sobald der betroffene Mitarbeiter wieder da ist.“

Auch inhaltlich ist die Segelmacherin vom Vorgehen der Stadt enttäuscht. Der Verkauf sämtlicher Flächen an der Bertinistraße an Wohlhabende führe zur Entmischung von Milieus und somit zu sozialem Unfrieden. Zudem, findet die junge Frau, solle die Stadt doch froh sein, „wenn die Leute es schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen“. Als Gewerbetreibende, die Gewerbesteuer zahle, fühle sie sich von der Stadt nicht unterstützt. Auf ein Angebot für ein Alternativgrundstück warte sie bis heute vergeblich. Die städtische Wirtschaftsförderung teilte den PNN mit, es gebe auf städtischer Ebene „keine Absichten und Möglichkeiten, Flächenerwerb zu fördern“.

Momentan bauen Juliane Hofmann und Greg Wilcox an einem Gennaker-Segel, einem Vorsegel für einen Jollen-Kreuzer. Gelbes und rotes Tuch liegt Quadratmeterweise auf dem Schneidetisch. Es ist ein Segel „für Halbwild-Strecken“, sagt Juliane Hofmann. Für jeden Wind gibt es auch das passende Segel. Dieses Segel ist genau das richtige, „wenn der Wind schräg von hinten kommt“.

Gegenwärtig bläst der Wind aber ins Gesicht. Der September 2012 ist schnell heran, erste Kunden reagierten verunsichert, fragten, was werden soll. Potsdam zu verlassen sei kein Thema für sie, sagt die Segelmacherin. Es gebe gute Beziehungen zu den Potsdamer Segelvereinen, viele Berliner Segler kauften gern bei ihr. Ein Alternativgrundstück sei aber schwer zu finden. Einmal hätte es in Fahrland beinahe geklappt. Das Grundstück liegt ebenfalls direkt am Wasser, ist aber für die kleine Firma mit 600 Euro pro Quadratmeter viel zu teuer.

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