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Das Innere der heutigen Kirche auf dem Bassinplatz hat optisch einiges zu bieten. 
© Andreas Klaer

Potsdams katholische Gemeinde feiert Geburtstag: Gewehre und Gebete

Die katholische Gemeinde St. Peter und Paul feiert ihr 300-jähriges Bestehen. Ihre Gründung ist belgischen Büchsenmachern zu verdanken.

Potsdam - Ohne das Militär und die Waffenfabrikation hätte es diese Kirche so nicht gegeben. Als im Jahre 1722 für die neue Gewehrfabrik in Potsdam Arbeiter aus Lüttich (heute Belgien) angeworben werden, da verlangen sie, dass man ihnen an ihrem künftigen Arbeitsort in der fernen Mark Brandenburg ein katholisches Gotteshaus baut. „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. gibt den Fachkräften aus dem Westen, was sie wünschen: Im Hof der Gewehrfabrik auf dem Gelände des heutigen brandenburgischen Regierungsstandorts nahe der Hoffbauerstraße lässt der militärverliebte Monarch („Soldaten, das ist meine Schwäche“) für die angeworbenen Büchsenmacher eine kleine Kirche errichten: Ein Fachwerkbau, der schon bald zu klein, dann erweitert und wenig später baufällig wird.

300 Jahre ist es nun her, dass die katholischen Handwerker von der Maas an die Havel kamen. 1722 gilt als das Gründungsjahr der katholischen Gemeinde St. Peter und Paul, die das Jubiläum in diesem Jahr mit mehreren Veranstaltungen und einer Open-Air-Ausstellung begehen will. Höhepunkt der Feierlichkeiten soll das Festwochenende vom 2. bis 4. September werden. Dazu hat sich Prominenz angesagt, darunter der Apostolische Nuntius in Deutschland, sowie der Bischof von Lüttich und der belgische Botschafter. An diesen Festtagen im September wird das Jubiläum exakt erreicht sein, denn die Kabinettsordre Friedrich Wilhelms I., mit der er den Lüttichern zusicherte, die Kirche zu bauen, und ihnen zugleich einen Seelsorger in ihrer Sprache garantierte, stammt vom 2. September 1722.

Der Fachwerkbau wurde im 19. Jahrhundert abgelöst. 
Der Fachwerkbau wurde im 19. Jahrhundert abgelöst. 
© Potsdam Museum

Arbeiter aus Lüttich waren nicht die einzigen katholischen Christen in Potsdam

Dass ausgerechnet der Bau einer Gewehrfabrik der Anlass für die Gründung der katholischen Gemeinde in Potsdam war, mag auf manche Christen heute etwas befremdlich wirken. „Das find’ ich schon auch ein bisschen makaber“, sagt etwa Georg Jatzwauk vom Pfarrgemeinderat über die Anfänge von St. Peter und Paul in der Waffenschmiede. Auch Barbara Hirsch, Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, stellt mit Blick auf den historischen Ursprung der Gemeinde die Frage: „Ist das so rühmlich?“

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Die rund 240 Arbeiter aus Lüttich waren damals jedoch nicht die einzigen katholischen Christen in Potsdam. Im Jahr 1723 gehörten zur Gemeinde außerdem „ungefähr 50 auswärtige Katholiken sowie bis zu 400 katholische Soldaten“, schreibt der Historiker Thomas Fischbacher in der Zeitschrift „das münster“, Ausgabe 1/2017. Bei Andreas Kitschke in seinem Buch „Die Kirchen der Potsdamer Kulturlandschaft“ ist zu lesen, dass in der nachreformatorischen Zeit bereits ab 1714 katholische Messen unter der Leitung des Geistlichen der Kaiserlichen Gesandtschaft, Pater Engelbert Borgesi, in Potsdam gefeiert wurden.

Ein Willkommensteam erleichtert den Weg in die Gemeinde

Die Gemeinde wuchs sehr schnell. Schon 1737 lebten hier etwa 2000 katholische Soldaten. Die mittlerweile zu kleine und baufällige Kirche wurde bereits 1738 zugunsten eines Neubaus an gleicher Stelle ersetzt. Dominikanerpater Raymundus Bruns, damals Priester in Potsdam, hatte von Friedrich Wilhelm I. mit Erfolg den Bau einer neuen größeren Kirche erbeten. Für die Zeit der Bauarbeiten stellte der König den katholischen Christen „erst einen Saal im Schloss, dann den unweit gelegenen Langen Stall für den Gottesdienst zur Verfügung“, so Fischbacher.

Weil die erste Kirche bald zu klein war, wurde 1738 eine zweite nahe der Gewehrfabrik errichtet.
Weil die erste Kirche bald zu klein war, wurde 1738 eine zweite nahe der Gewehrfabrik errichtet.
© Potsdam Museum

Nicht nur damals, auch in der jüngeren Vergangenheit war St. Peter und Paul eine stark wachsende Gemeinde. Verzeichnete man zum Ende der DDR rund 3000 Gemeindeglieder, sind es heute mehr als doppelt so viele. Zahlreiche Menschen aus katholisch geprägten Regionen Deutschlands sind nach Potsdam gezogen. „Das ist schon charakteristisch für diese Gemeinde“, sagt Barbara Hirsch vom Pfarrgemeinderat über die vielen Zuzüge. Seit einigen Jahren gibt es ein Willkommensteam, das Neuankömmlingen die Wege in die Gemeinde und ihre zahlreichen Gruppen erleichtern will. Hirsch beobachtet derweil einen dem Wachsen der Gemeinde gegenläufigen Trend: „Es gibt auch wirklich viele Austritte“, sagt die Christin. „In den letzten zwei Jahren ist das ganz verstärkt.“ 

Der Turm der heutigen katholischen Kirche St. Peter und Paul ist ein fast allgegenwärtiger Anblick rund um die Brandenburger Straße. 
Der Turm der heutigen katholischen Kirche St. Peter und Paul ist ein fast allgegenwärtiger Anblick rund um die Brandenburger Straße. 
© Andreas Klaer

Missbrauchsfälle führen zu Kirchenaustritten

Besonders die vielen Missbrauchsfälle innerhalb der Katholischen Kirche, aber auch die innerkirchlichen Machtstrukturen und die Sexualmoral seien für viele Gläubige, auch in Potsdam, Gründe für den Kirchenaustritt gewesen. „Tatsächlich haben die das sehr offen berichtet“, sagt Hirsch über ehemalige Gemeindeglieder, mit denen sie selbst darüber gesprochen habe.

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Zur Zeit kämpft die Gemeinde um Pfarrer Arnd Franke auch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Die Anzahl der Plätze in den Gottesdiensten musste stark reduziert werden, das gemeindliche Leben ist nur eingeschränkt möglich. Man sehe sich gezwungenermaßen untereinander momentan recht wenig, sagt Hirsch.

Pfarrer Arnd Franke.
Pfarrer Arnd Franke.
© Andreas Klaer

Das große Gotteshaus der Gemeinde, die Propsteikirche St. Peter und Paul, kann sich über fehlende Sichtbarkeit – im Potsdamer Stadtbild – hingegen nicht beklagen. Der Bau auf dem Bassinplatz ist weithin zu sehen. Wer etwa auf Potsdams Flaniermeile, der Brandenburger Straße, in Richtung Innenstadt läuft, dem ist der Blick auf die Kirche ein ständiger Begleiter. 

Das Gotteshaus, bis 1870 nach Plänen von August Stüler und Wilhelm Salzenberg errichtet, löste im 19. Jahrhundert den Fachwerkbau ab, den einst Pater Bruns auf dem etwa einen Kilometer entfernten Gelände der Gewehrfabrik vom König erbeten hatte. Nach jenem Dominikanerpater von damals ist heute das Gemeindehaus von St. Peter und Paul in der Straße Am Bassin benannt.

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