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Zeitzeuge. Der Potsdamer Wilhelm Stintzing hat den 21. März 1933 selbst erlebt.

© M. Thomas

Zeitzeugen-Interview: „Ich bin ein Tröpfchen im Meer gewesen“

1914 in Namibia geboren, erlebte der spätere Pfarrer von Bötzow, Wilhelm Stintzing, den "Tag von Potsdam" als Jugendlicher mit. Angst vor einem neuen Krieg hatte er damals nicht, sagt er.

Herr Stintzing, wo standen Sie am Vormittag des 21. März 1933?

An der Breiten Straße. Ganz genau am Marstall. Der hatte an seinem Ende in Richtung Garnisonkirche eine Schmiede. An dieser Schmiede habe ich gestanden.

Wie war das Wetter an diesem Tag?

Es war sehr schön,die Sonne schien.

Was haben Sie gesehen?

Oh, eine ganze Menge. Das erste sehr Beeindruckende ist die Menschenmasse. Unvorstellbar. Es ging von der Langen Brücke eine Riesenmenschenmasse bis zur Kirche. Ich bin schon damals ziemlich lang gewesen und habe über die Köpfe gucken können. Ich sah die Köpfe derer, die da marschiert sind.

Wie war die Atmosphäre?

Eine unwahrscheinliche Stimmung. Die Menschen waren voller Erwartung, dass jetzt etwas Neues, etwas Besseres kommt. Unter den Mitwirkenden waren alleine vier Kaisersöhne. Auch der Kronprinz in seiner schönen Uniform – die Mädchen haben ihn ja alle sehr verehrt. Und dann Oskar und August Wilhelm, ,Auwi’, der war bei der SA, und Friedrich und Oskar, die waren beim Stahlhelm. Das ganze offizielle Potsdam war dort. Hindenburg stand im Mittelpunkt. Das Ganze hat begonnen in der Nikolaikirche für die evangelischen und in der Katholischen Kirche für die katholischen Abgeordneten. Man erwartete auch Hitler, für ihn war ein Stuhl bereit in der Katholischen Kirche, aber er ist nicht gekommen. Er erschien erst nachher mit Herrn von Papen. Das berühmte Foto zwischen Hindenburg und Hitler soll, habe ich mir erzählen lassen, nicht zu Beginn entstanden sein, sondern zur Verabschiedung.

Sie haben diese Szene nicht gesehen?

Nein, ich bin eben wirklich nur ein kleines Tröpfchen im Meer gewesen.

Waren viele einfache Leute da?

Das ganze Volk. Es war ein Tag der Hoffnung. So muss man das Ganze nennen.

Worauf gründete diese Hoffnung? In der Person Hitlers?

Etwas, natürlich, zweifellos. Ach, die Menschen litten unter der fürchterlichen Zwietracht der Parteien. Man muss sich vorstellen, dass jede Partei ihre eigene Truppe hatte und die haben sich gegenseitig geschlagen. Das ging so weit, dass im Reichstag ein kommunistische Abgeordneter einen Stuhl aus dem Boden riss und mit ihm auf die Nazis zugestürmt ist. Derartige Szenen haben dem Reichstag natürlich keine Würde gegeben. Die Leute sagten, wenn das Theater doch bloß einmal zu Ende wäre. Dass es so zum Theater kam, war sicher auch die Schuld der Nazis. Das andere, worunter die Menschen ganz stark litten, das war der Vertrag von Versailles, der Deutschland gedemütigt hat und wirtschaftliche Zustände geschaffen hat, die unmöglich waren. Viele waren arbeitslos. Und jetzt hofften die Menschen, dass eine neue Zeit kommt, wenn sich die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten zusammentun. Und diese Hoffnung ist eigentlich der Flügel dieser Veranstaltung. Etwas noch ganz Wichtiges: Der ,Tag von Potsdam’ ist nur der Vormittag. Am Nachmittag ist dann in der Krolloper in Berlin der neue Reichstag zusammengetreten und da begann eigentlich erst die nationalsozialistische Zeit.

Sie waren ein junger Mann, hatten Sie nicht Angst vor einem neuen Krieg?

Erstaunlicherweise: nein. Die Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg und die Stimmung nach dem Zweiten Weltkrieg sind zwei völlig verschiedene Dinge. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Menschen das Gefühl, man hat uns betrogen. Also ich denke da an einen Onkel von mir, der ist einfach Typ für die damalige Zeit. Der sagte sinngemäß: ,Wir haben bis zuletzt die Front gehalten im Graben, uns hat keiner besiegt. Und mit einem Mal mussten wir kehrt machen, nach Hause gehen und waren besiegt. Und haben dann diesen schlimmen Vertrag von Versailles bekommen.’

Steckt nicht in einer Revision des Versailler Vertrages der Revanche-Gedanke schon drin, der unweigerlich Krieg bedeutet?

Es ist ganz sicher, dass der Vertrag von Versailles der Vater des nächsten Krieges geworden ist. Es ist schon so. Die Leute haben einfach gelitten. Der Mensch soll eigentlich aus der Geschichte lernen. Und das haben wir nicht. Alle haben nur noch im Hass gelebt. Hass gegen die Franzosen, Hass der Franzosen gegen uns. Und und und. Wenn Sie sich die ganze Geschichte des vorigen Jahrhunderts ansehen, es ist vom ersten bis zum letzten Atemzug Hass. Auf allen Seiten. Auch der Versailler Vertrag war ein Hassvertrag. Das hat Bitterkeit ausgelöst.

Aber worin bestand am 21. März 1933 der rationale Kern der Hoffnung?

Jetzt haben wir wieder Selbstbewusstsein, jetzt wird es anders. Bis dahin hatten ja Sozialdemokraten und so weiter die Verantwortung, die Regierung, und jetzt kommen die nationalen Kräfte, und die waren in Potsdam doch recht stark. Es gab noch eine ganze Anzahl von Geschäften, die hatten als Überschrift ,Hoflieferant’. Das heißt also, in Potsdam war noch viel Geschichte aus der Zeit vorher lebendig. Und das spielte sicher in der Atmosphäre eine Rolle.

Sehnsucht nach der sogenannten guten alten Zeit?

Ja, man hat die Vergangenheit positiver gesehen als wir heute. Heute haben wir eine gewisse Krankheit, dass alles, was wir erlebt haben, die Vergangenheit, immer schlecht ist. Aber es war unsere Jugend, es war die Zeit, in der wir fröhlich waren, in der wir Ski gelaufen sind, also für uns war es eigentlich eine schöne Zeit.

An welche Bilder des Tages von Potsdam erinnern Sie sich noch?

Eigentlich vorwiegend die Köpfe. Die unvorstellbar vielen Menschen, die da waren. Und die ganz große Verehrung gegenüber Hindenburg. Hitler hat in Potsdam nicht so viel Anhänger gehabt. Aber Hindenburg, der wurde verehrt. Und wenn er seine Schwester besucht hat – sie wohnte in der Großen Weinmeisterstraße – dann haben sich vor diesem Haus eine ganze Menge Menschen versammelt, die darauf gewartet haben, ihn zu begrüßen. Es ist also nicht der Tag Hitlers, sondern der Tag Hindenburgs. Und Hindenburg soll auch – er oder sein Büro – mitgewirkt haben, dass die Nazis da nicht allzuviel reinmischen.

Die Hoffnung, dass Hindenburg Hitler am Zügel halten kann, hat sich nicht erfüllt.

Also Hitler hat Methoden entwickelt, wie es kein anderer konnte. Was jetzt passierte, das war für die Leute erstaunlich, ob man dafür oder dagegen war. Denn viele gute Ideen, die die Menschen vorher hatten, was man machen muss, damit es Deutschland wieder besser geht, die hat er einfach umgesetzt. Das war der große Unterschied. Er hat keine Gegner gehabt, die gegen ihn stimmten, sondern es wurde einfach durchgeführt. Für viele war das die Möglichkeit, jetzt überhaupt eine Arbeit zu bekommen. Die Wirtschaft erholte sich erstaunlich schnell. Stellen Sie sich eine größere Familie vor, der Vater ist seit so und so vielen Jahren arbeitslos, und plötzlich kommt er nach Hause und sagt: ,Mutter, hier ist Geld!’. Was das für ein Lebensgefühl war, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe am Alexanderplatz für die Winterhilfe gesammelt. Die Antwort, die ich fast bei jedem bekam, hieß: „Bin arbeitslos.“ „Bin selber arbeitslos.“ „Bin seit sechs Jahren arbeitslos.“ In diese Stimmung hinein kommt ein Mann und gibt ihnen wieder Geld, Arbeit und Sinn. Das kann man heute schwer nachempfinden. Vielleicht bei denen, die heute noch arbeitslos sind. Aber heute wird ja auch mehr gesorgt. Damals sind die mehr ins Vakuum hineingefallen.

Aus heutiger Sicht, wie bewerten Sie die Person Adolf Hitler heute?

Ein Mann, der zwei Gesichter hat, und zwar beide sehr ausgeprägt: Eines ist das des geschickten Landesvaters, und das andere ist das des Verbrechers, der vom Hass gefressen wird. Ich sehe ihn jetzt im Wesentlichen unter dem Gesichtspunkt dieses Hasses. In der Zeit, in der wir Soldaten waren, waren wir relativ objektiv. Aber an Hitler hat keiner Kritik geübt. Ich nehme an, dass es die sehr geschickte Politik von Goebbels war, aber auch von Hitler selbst. Er hatte einen Nimbus, der erstaunlich war. Und dass Hitler hinter all diesen Scheußlichkeiten, die man ja doch irgendwo mitkriegte, steckte, und nicht nur die SS, das habe ich eigentlich erst in amerikanischer Gefangenschaft erfahren. Und für mich sehr interessant: Ich kam nach Hause, und mein Vater war krank und wir sprachen darüber, und so erzählte ich ihm von den Grausamkeiten, und er sagte: Nein, so etwas tun Deutsche nicht. Und dann sagte ich: Doch, Vater, sie haben es getan.

Die jüngeren Generationen verstehen kaum, wie ein Mensch wie Hitler so eine Wirkung erzielen konnte.

Es gehört natürlich zu den Dingen, die man schwer verstehen kann. Aber er hat eben diese zwei Seiten gehabt. Und die Seite, die die Menschen erlebt haben, war: Er gibt Arbeit, er macht große Veranstaltung, Reichsparteitag und so weiter. Hitler hat unwahrscheinlich für die Show gearbeitet. Wir sind damals zu Veranstaltungen bei Kommunisten und auch bei Nationalsozialisten gewesen. Und ich muss sagen: Die Nazis hatten Schwung, und die anderen nicht. Was haben wir denn von den KZs gewusst? Nur, dass es so etwas gibt.

Haben Sie später, etwa im Krieg, an diesen Tag gedacht?

Nein. Das Komische ist, dass Sie über solche Dinge als Soldat gar nicht nachdenken. Ich habe meinen Wehrdienst gerade gemacht, da hieß es, jetzt gehts gegen Polen. Das ist das Erstaunliche, dass keiner gefragt hat: Warum? Als wir die Kaserne verließen, standen die Leute an der Straßen und riefen uns zu: Kommt wieder! Und ich habe gedacht, klar, kommen wir.

Das war bei Ihnen der Fall.

Die Hälfte meiner Klasse ist gefallen. Wir hatten einen einzigen Nazi in unserer Klasse, der hat sich später beim Klassentreffen bei uns entschuldigt.

Das Interview führte Guido Berg

Biographisches:

Wilhelm Stintzing wurde am 28. Juni 1914 in Omaruru in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, heute Republik Namibia, geboren. Es ist der Tag des Attentats von Sarajevo. Mit fünf Jahren siedelte Stintzing mit seinen Eltern nach Potsdam über, wo seine Großeleltern wohnten.

In Potsdam machte Stintzing Abitur. Als Jugendlicher erlebte er den „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, den inszenierten Schulterschluss von Hindenburg und Hitler. Nach dem Abitur studierte Stintzing Theologie in Berlin und Tübingen.

Den Zweiten Weltkrieg erlebt Stintzing als Soldat vom ersten bis zum letzten Tag. Einen Fronturlaub nutzte der junge Mann, um sein zweites Examen zu machen. Nach dem Krieg übernahm Stintzing zunächst eine Pfarrstelle in Bötzow. 1947 zog er mit seiner Frau nach Groß Glienicke. Als Pfarrer gelang ihm in dem geteilten Ort ein grandioser Coup. Ein Teil Groß Glienickes lag in der sowjetisch besetzten Zone, der andere im britisch besetzten Teil Westberlins. Ab 1950 konnten die Christen aus dem zu Westberlin gehörenen Ortsteil nicht mehr die Kirche im DDR-Teil besuchen. Bei Beerdigungen standen sie am anderen Ufer des Sees und hörten nur das Läuten der Glocken. Kurzerhand baute Stintzing gemeinsam mit vielen Helfern eine Kapelle auf der Westseite, die geografisch gesehen, im Osten lag. 1964 übernahm er die Gemeinde in der Waldstadt II und 1979 ging er in den Ruhestand.

Stintzing engagiert sich sehr für soziale Projekte sowie den Wiederaufbau der Garnisonkirche. 2007 sorgte er mit einer Rede in Erinnerung an die Potsdamer Bombennacht für kritische Reaktionen. Hitler habe die Arbeitslosigkeit weitgehend beseitigt, so Stintzing damals. Er habe damit lediglich verdeutlichen wollen, warum Hitler so viele Anhänger hatte. gb

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