
© M. Thomas
Landeshauptstadt: Musik am Mittag
Aaron Lordson spielt Soulhits in den Bahnhofpassagen. Nebenan gibt es Wurst
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Kurz vor zwölf macht sich der Musiker bereit. Nimmt mit Gitarre auf einem Hocker auf einer improvisierten Bühne Platz. Doch es ist noch nicht Zeit für das tägliche Mittagskonzert von Soulsänger Aaron Lordson in den Bahnhofspassagen. In Potsdam geht es pünktlich los – also auch nicht zu früh. Erst mal wird geputzt. Während Lordson schon an den Saiten zupft, fährt dröhnend die Putzmaschine vom Typ „Tripla65“ an ihm vorbei. Die Bodenfliesen werden zum Glänzen gebracht. Als die lärmende Putzmaschine weg ist, kann es mit der Musik losgehen.
Am oberen Ende der Rolltreppen am Eingang Babelsberger Straße ist das Dach hoch – ohne Verstärker geht es hier nicht. Dabei hat Lordson eigentlich eine kräftige Stimme. Beherrscht die lauten und die leisen Töne. Mit hellblauem Hemd und Jeans sitzt er da. Das schwarze Jacket hat er beiseite gelegt. Sein linker Fuß wippt im Takt der Musik.
Lordson kommt aus Togo, einem kleinen Land im Westen Afrikas. Dort wurde er vor gut 40 Jahren geboren, genauer weiß man es nicht. Die Liebe zur Musik hat er von seinem Großvater auf den Weg bekommen, der einen Gospelchor leitete. Und sie hat ihm viel besser gefallen als sein erlernter Beruf. Lordson hat studiert und zwei Jahre als Gynäkologe gearbeitet. Das Studium sei ein Wunsch der Eltern gewesen.
Seine musikalischen Einflüsse beginnen bei Louis Armstrong und reichen über Aretha Franklin bis zu James Brown – im Grunde sind sämtliche großen Blues- und Soulsänger dabei. Einer sticht etwas heraus: Ray Charles. Wie dieser trägt auch Lordson eine Sonnenbrille, die Pose auf dem Plakat gleicht der des im Jahr 2004 verstorbenen Musikers. Seine Musik erwartet man eher auf einer Bühne in einem kleinen Kellerklub, bei etwas spärlichem Licht und vor allem nicht mittags.
Doch Lordson, der viele Jahre auch als Straßenmusiker aufgetreten ist, ist ein Profi. Die Szenerie lächelt er gekonnt weg. An dem Stand links neben Lordson hat mittlerweile die „Tripla65“-Putzmaschine geparkt. Hier gibt es überwiegend Wurst. „Bäuerliche Schmankerl aus den Bergen“ werden angeboten. Rechts der Bühne steht ein mit hellgrünem Stoff verkleideter Stand, obendrauf Eier- und Hasendeko. Verkauft werden Shirts der bemüht lustigen Art. „Meine Alkoholmannschaft hat ein Fußballproblem“ steht auf einem geschrieben. Passanten tragen ihre prall gefüllten Einkaufstüten aus dem benachbarten Supermarkt und schauen sich die Auslagen des Blumenladens an. Zurzeit sind offenbar Tulpen und Hyazinthen angesagt. „I don’t need flowers“, singt Aaron Lordson. Er braucht keine Blumen. Als das Lied vorbei ist, klatschen etwa zehn Zuhörer, die in den letzten paar Minuten stehen geblieben waren. Lordsons Assistentin geht herum und verteilt Flyer, bietet CDs an. Absatz findet sie zunächst nicht. Am Montag sei es besser gelaufen. Am Dienstagmittag sind die Zufallskonzertgäste unwillig. Während Lordson singt, naschen sie von Streuselschnecken und Pizzaschnitten. „I only need happiness“, singt Lordson. Er braucht nur Fröhlichkeit. Zwei Bundespolizisten stecken sich einen Flyer ein.
Vielleicht werden sie die nächsten Facebook-Fans von Aaron Lordson. Mehr als 2700 gefällt seine Seite in dem sozialen Netzwerk. Lordson hat keinen Plattenvertrag und managt sich selbst. 16 Alben habe er auf seinem eigenen Label herausgebracht. Außerdem sammelt er Geld für eine Stiftung, die benachteiligten Kindern bei der Berufsausbildung hilft. In den letzten Wochen hat Lordson in vielen deutschen Einkaufszentren gespielt. In anderen europäischen Ländern wie Spanien und Tschechien war er schon häufig unterwegs, ist auf der Straße aufgetreten, aber auch mit einem Orchester oder mit zwei, drei Backgroundsängerinnen. In Potsdam ist er zum ersten Mal. Noch bis zum morgigen Donnerstag ist er von 12 bis 14 Uhr und von 17 bis 18 Uhr zu hören. Marco Zschieck
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