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Wird alles gut? Ein Schild an der Laube des Klinikgartens der Potsdamer Kinder- und Jugendpsychiatrie verspricht es. 
© Sabine Schicketanz

Wenn die Seele in Gefahr ist: Notruf aus der Potsdamer Psychiatrie

Mehr als ein Jahr müssen psychisch schwer kranke Kinder auf eine Behandlung in der Potsdamer Klinik warten. Obwohl mit Corona der Bedarf steigt, blockiert das Land mehr Betten. Ein Besuch auf Station.

Potsdam - Die zwei Mädchen unterhalten sich, sie hocken einander gegenüber auf einem Bett. Was um sie herum geschieht, scheint die beiden Teenager in T-Shirts und Jogginghosen nicht zu interessieren. Eine Tür können sie ohnehin nicht schließen. Nur ein Raumteiler, bespannt mit weißem Stoff, grenzt ihren Schlafbereich vom Flur ab. Die Station Opal ist überfüllt, ein Dauerzustand: Regulär hat der Akutbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Potsdamer Klinikums „Ernst von Bergmann“ zehn Betten. 14 Kinder und Jugendliche werden dort an diesem Sommermorgen behandelt – in der Not auf dem Flur.

Alle Mädchen und Jungen, die auf der Akutstation aufgenommen werden, sind schwerstkrank. Manche haben sich selbst verletzt oder andere massiv gefährdet. Manche haben versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie leiden unter Psychosen oder Angstzuständen. Einige sind nicht zum ersten Mal hier. Und nicht wenige haben schon viele Monate auf eine stationäre Behandlung gewartet, bevor sie als Akutfall in die Klinik gekommen sind.

In der Morgenbesprechung, 8.30 Uhr im Aufenthaltsraum, treffen sich sieben der Frauen und Männer, die sich um die Kinder und Jugendlichen kümmern. Niemand trägt einen weißen Kittel, aber alle wegen Corona Maske. Sie sind Psychologinnen, Therapeuten, gehören zum Pflege- und Erziehungsdienst. Die 14 Vornamen der Patientinnen und Patienten werden der Reihe nach genannt, der Ton ist sanft, sachlich, konzentriert. 

Die Klinik in der Gutenbergstraße.
Die Klinik in der Gutenbergstraße.
© Andreas Klaer

Über jedes Kind, jede Jugendliche und jeden Jugendlichen wird kurz berichtet: Wie ist die Nacht verlaufen? Wie der Tag zuvor? Wie ist die Stimmung, gab es Auffälligkeiten, Besserung, Verschlechterung, schlägt eine Medikation an? Gelingt regelmäßiges Essen und Trinken? Oft sind Selbstverletzungen Thema, Schläge gegen die Wand mit der Faust, das Aufkratzen selbst hinzugefügter Wunden. Immer geht es um die Rolle des Kindes oder Jugendlichen in der Gruppe. Und meist darum, wie die Besuchszeit mit Mutter oder Vater am Vortag gelaufen ist.

Stationen sind nach Edelsteinen benannt

Opal. Rubin. Saphir. Jade. Die Stationen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, kurz KJP, sind nach Edelsteinen benannt. Das soll symbolisieren, wie kostbar ihre Patientinnen und Patienten sind. Fünf- bis Elfjährige werden auf der Jade-Station behandelt, Kinder im Übergang zum Jugendalter auf der Saphir-Station, Jugendliche von etwa 14 bis 18 Jahren auf der Rubin, die Opal ist die Akutstation. Auf allen sind die Wände nicht Krankenhausweiß, sondern zart lavendelfarben.

Insgesamt 35 Betten hat die „Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“, wie sie offiziell heißt. Mindestens 20 weitere Betten brauche sie dringend, sagt Chefarzt Dr. med. Stephan Anis Towfigh. Dann würde es keine Lager mehr auf den Fluren geben müssen, und vor allem keine Wartezeiten von einem bis anderthalb Jahren für eine stationäre Behandlung. Zwischen 320 und 330 schwerstkranke Kinder und Jugendliche stehen derzeit auf der Warteliste, sagt Towfigh. Eine Zahl, die man kaum glauben mag.

Chefarzt Dr. Stephan Anis Towfigh im Klinikgarten. Dort sollen sich Patient:innen ausprobieren können.
Chefarzt Dr. Stephan Anis Towfigh im Klinikgarten. Dort sollen sich Patient:innen ausprobieren können.
© Sabine Schicketanz

Für sie alle haben der Chefarzt und seine Kolleginnen und Kollegen festgestellt, dass sie dringlich in der Klinik behandelt werden müssen. „Normalerweise gibt es auch einen Graubereich: Wo muss man unbedingt eine stationäre Behandlung haben, wo wäre sie gut“, sagt Towfigh. Doch in Potsdam sei schon die Schwelle, überhaupt auf die Warteliste zu kommen, sehr hoch. Kein Graubereich mehr, nur noch schwarz, schwerstkrank.

Towfigh macht dies zu schaffen. Das ist dem Chefarzt, 40 Jahre alt, schlank und feingliedrig, schwarzes kurzes Haar, deutlich anzumerken. Es gebe Kollateralschäden der langen Wartezeiten, sagt er – dazu gehört eine Verlängerung des Leidens der Kinder und Jugendlichen mit der Gefahr der Chronifizierung. Aus einer Störung könne schneller eine chronische seelische Erkrankung werden, wenn sie nicht rechtzeitig wie nötig behandelt wird. Die Kinder und Jugendlichen seien schwerer erkrankt, wenn sie dann endlich in die Klinik kommen; es sei entsprechend schwieriger, sie zu heilen, und es dauere länger.

Immer mehr Grundschulkinder sind betroffen

Deutlich mehr als 200 Patientinnen und Patienten behandele die KJP bislang im Jahr, das Durchschnittsalter liege bei 13 bis 14 Jahren, sagt der Chefarzt. Immer mehr Grundschulkinder, die „hohe psychische Belastungen mitbringen“, seien betroffen. Schon jetzt betrage die Verweildauer der Patientinnen und Patienten in Potsdam durchschnittlich 42 Tage – sechs Wochen. Im Bundesdurchschnitt waren es im Jahr 2020 nur 36,6 Tage.

Towfigh und sein Team müssen auch entscheiden, welcher Junge, welches Mädchen auf der Warteliste die stationäre Behandlung am dringendsten braucht, wer zuerst drankommt. „Wir müssen Leid miteinander aufwiegen, das ist eine unglaublich belastende Situation“, sagt der Chefarzt. Jeden Tag damit konfrontiert zu sein, aber meist nicht sofort etwas tun zu können, das sei hart. „Da steigt es innerlich in einem hoch, es tut weh.“ Eigentlich gebe es die Gaußsche Normalverteilung im Leben, jeder habe schwierige und leichte Momente, „aber wir hier haben nur schwierige“, sagt Towfigh.

Wer versucht zu orten, was hinter dem Bettenmangel in der Potsdamer Kinder- und Jugendpsychiatrie steckt – und vor allem, wer dafür verantwortlich ist – bekommt keine tragfähige Erklärung. Die Stadt Potsdam, Gesellschafterin des kommunalen Klinikums, verweist auf das Landesgesundheitsministerium, ebenso das Klinikum selbst.

Stadt Potsdam sieht klare Unterversorgung

Das Ministerium unter Führung von Ursula Nonnemacher (Grüne) gibt auf PNN-Anfrage an, ein Antrag des Bergmann-Klinikums auf 20 weitere Betten liege „der Krankenhausplanungsbehörde vor und befindet sich in Prüfung“. Die Angabe zur Wartezeit von bis zu anderthalb Jahren für eine stationäre Behandlung könne „von Seiten der Landesregierung nicht nachgeprüft werden“. Sie werde „jedoch als hoch wahrgenommen“.

Während die Stadt Potsdam eine klare „Unterversorgung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie“ sieht und mahnt, dass die Aufstockung um „mindestens 20 Betten zum schnellstmöglichen Zeitpunkt“ geschehen müsse und „notwendig und überfällig“ sei, will das Gesundheitsministerium weder einen Bettenmangel noch akuten Handlungsbedarf bestätigen. 

Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne).
Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne).
© Ottmar Winter PNN

Stattdessen heißt es auf die PNN-Fragen, ob die KJP mehr Betten benötigt und ob und wie das Gesundheitsministerium für eine Verbesserung der Lage sorgen will: „Die Landesregierung weist darauf hin, dass eine Entlastung des vollstationären Bereichs nur dann erreicht werden kann, wenn auch die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung für Kinder und Jugendliche in den Regionen ausgebaut (…) wird.“ Dafür sei allerdings nicht das Land zuständig, sondern der Bund und die Krankenkassen.

Heilpädagogin Angela Herbst ist seit Anbeginn dabei

Angela Herbst hilft das wenig. Die 39-Jährige leitet die Rubin-Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diese wurde im Mai neu eröffnet, nachdem der aktuelle Landeskrankenhausplan dem Klinikum immerhin sieben zusätzliche Betten zugestanden hatte. Herbst ist seit Anbeginn dabei, sie leitete nach Eröffnung der Klinik Anfang 2014 die ersten zwei Stationen. Ihr blondes Haar hat die Heilpädagogin in einem Zopf zusammengebunden, sie trägt dunkle Jeans und ein weißes T-Shirt mit schmalen, bunten Streifen. Es verdeckt weitgehend den Bluterguss an ihrem unteren Oberarm. Eine Patientin war handgreiflich geworden. Aus Sicherheitsgründen tragen alle Mitarbeitenden der Station Pieper an Gürtel oder Hemd. Gleich drei Mal gehen sie an diesem Sommertag los, nur einmal ist es ein Fehlalarm.

Heiltherapeutin Angela Herbst leitet die Rubin-Station.
Heiltherapeutin Angela Herbst leitet die Rubin-Station.
© Sabine Schicketanz

Wenn Angela Herbst über die Jugendlichen spricht, die sie auf der Rubin behandelt, sagt sie oft „unsere Kinder“. Sie macht mit ihnen unter anderem SOZ, Sozialkompetenztraining. Dabei sollen vor allem diejenigen, die unter einer Sozialphobie leiden, lernen, mit ihren Ängsten klarzukommen. „Wir haben derzeit viele Kinder mit Sozialphobie“, sagt Herbst. Das sei „wenn quasi alles nicht mehr geht“, fremden Menschen begegnen, zur Schule gehen, Bus- und Bahnfahren. „Wir trainieren Alltag, wir halten notfalls Händchen“, sagt die Heilpädagogin. Viele seien sehr beschämt, wenn sie vor Angst zitterten, hyperventilierten. „Doch die Angst vor den Anfällen reduziert sich, wenn klar ist, wie man wieder rauskommt“, sagt Herbst. 

Die Tage sind straff strukturiert

Sie wirkt zupackend und mitfühlend zugleich. Jede Woche kocht und backt sie mit ihren Patientinnen und Patienten, es gehe um „einen Handlungsplan und den Weg dahin“. Jeder Tag ist straff strukturiert, gemeinsames Frühstück, Unterricht in Kooperation mit der Voltaire-Gesamtschule, Sport-, Erlebnis-, Kunst- oder Musiktherapie am Nachmittag. Es geht früh ins Bett, die Handyzeit ist streng begrenzt, Kontakt zu den Eltern auch.

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es auch einen Raum für die Musiktherapie.
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es auch einen Raum für die Musiktherapie.
© Sabine Schicketanz

Die Corona-Pandemie, sagt Herbst, habe Krankheitsverläufe stärker chronifiziert, weil die Jungen und Mädchen oft lange nicht in der Schule waren oder nur Online-Unterricht hatten, ihre Erkrankungen später bemerkt wurden. Betroffene von Essstörungen seien jünger geworden. Der Druck auf die Klinik steigt.

Viele der Kinder und Jugendlichen litten unter einer Bindungsstörung, seien auch von Eltern abgelehnt oder im sozialen Umfeld gemobbt worden. „Wir sind zumeist die allerletzte Anlaufstelle für die Patienten.“ Manch Verlauf sei hart, aber es könne auch sehr schön sein, zu helfen: „Wir handeln immer zum Wohle unserer Kinder hier, wir bewirken etwas für unsere Kinder – und jeder gibt sein ganzes Herz mit rein.“

Was lief seit Ende 2018 schief?

Was helfen könnte zu helfen? Herbst zögert keinen Moment: „Deutlich mehr Personal, aber vor allem, noch eine Station zu eröffnen, um das alles hier zu entlasten.“ Die lange Wartezeit auf eine stationäre Behandlung sei schlimm. „Es ist furchtbar, was unsere Kinder in der Zeit erleiden müssen, oft ist es so, dass sie suizidal werden“, sagt die Stationsleiterin. Viele landeten deshalb auf der Opal, der Akutstation, „und ich denke dann: Hätte ich dieses Kind vor anderthalb Jahren aufgefangen, dann wären wir jetzt nicht hier“.

In Kooperation mit der Voltaire-Gesamtschule findet in der Schule der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Kunstprojekt statt.
In Kooperation mit der Voltaire-Gesamtschule findet in der Schule der Kinder- und Jugendpsychiatrie ein Kunstprojekt statt.
© Sabine Schicketanz

Dabei war Ende 2018 noch alles einigermaßen im Lot. Mädchen und Jungen hätten damals zwischen drei und fünf Monate auf eine stationäre Behandlung in seiner Klinik warten müssen – ein im Vergleich normaler Zeitraum, sagt Chefarzt Towfigh. Über das, was dann schieflief, gehen die Angaben von Klinikum und Gesundheitsministerium weit auseinander.

Versorgungsbereich wurde verdoppelt, Zahl der Betten nicht angepasst 

Das Bergmann und die Stadt Potsdam als Gesellschafterin erklären, im Dezember 2018 habe das Land den Versorgungsbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums der Landeshauptstadt verdoppelt – ohne jedoch die Zahl der Betten anzupassen. Sei die KJP vorher allein für Potsdam zuständig gewesen, seien es seitdem zusätzlich der gesamte Landkreis Teltow-Fläming sowie die Gemeinden Kleinmachnow und Stahnsdorf und die Stadt Teltow. „Mit Erweiterung des Versorgungsgebietes musste mit gleicher Bettenzahl auf einmal eine Bevölkerungszahl von über 410.000 Patienten versorgt werden – vorher waren es 175.710 in Potsdam“, so das Rathaus auf PNN-Anfrage.

Die Gesundheitsministerium sieht die Lage komplett anders, argumentiert formal: Die Erweiterung des Versorgungsgebiets beziehe sich nur auf Unterbringungen nach dem Brandenburgischen Psychisch-Kranken-Gesetz. Das sind Fälle, in denen Kinder oder Jugendliche nach Richterbeschluss zwangsweise in der Psychiatrie behandelt werden. Für 2019 und 2020 seien keine Unterbringungen in Potsdam bekannt, so das Ministerium. Von einer Mehrbelastung durch das größere Versorgungsgebiet, wie Potsdam und das Klinikum sie anführen, könne also keine Rede sein. Und das Ministerium behauptet sogar, aus der „Änderung des Versorgungsgebiets folgt keine Verpflichtung für die stationäre Versorgung im Allgemeinen“. Wer hat nun Recht? Die Warteliste, die Lage in der Klinik geben eine eindeutige Antwort.

„Besonderer Handlungsbedarf“ schon vor Jahren dokumentiert

Wofür es wie viele Betten gibt, werde ausschließlich über den Krankenhausplan geregelt, dessen vierte Fassung am 1. August 2021 in Kraft trat, gibt das Ministerium auch noch an. Mit keinem Wort erwähnt es, dass bereits der dritte Krankenhausplan aus dem Jahr 2013 eine sehr angespannte Lage in Potsdam dokumentierte. Den „vorliegenden Falldaten“ sei zu entnehmen, hieß es dort, dass „für die Stadt Potsdam ein besonderer Handlungsbedarf besteht“. 

In Potsdam lebten landesweit die meisten Kinder und Jugendlichen, hier sei mit deutlichem Abstand der größte Zuwachs prognostiziert. Schon damals erreichte „das vollstationäre Behandlungsangebot die Kinder und Jugendlichen in diesem Versorgungsgebiet (...) nur weit unterdurchschnittlich“. In der Konsequenz wurde 2014 die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Bergmann-Klinikums mit 24 Betten eröffnet.

Blick in die Rubin-Station.
Blick in die Rubin-Station.
© Sabine Schicketanz

Doch selbst diese deckten den Bedarf nur kurzfristig, bald musste auf 28 Betten aufgestockt werden. Und 2021, als sowohl klar war, dass die Corona-Pandemie den Druck noch erhöht, als auch die überlangen Wartezeiten in Potsdam bereits bekannt waren, gab es kein Bestreben des Ministeriums, die Bettenzahl am Bergmann über 35 hinaus deutlich zu erhöhen.

Im Haus V des Potsdamer Klinikums, ehemals Reha-Klinik und seit 2020 Sitz der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ist der ovale Tisch im großen Besprechungsraum voll. Punkt 12 Uhr treffen sich die Verantwortlichen der vier Stationen, von Kinder-Notaufnahme und Psychiatrischer Institutsambulanz, zur Mittagsrunde. Im Flur davor stehen Rollstühle. Sie sind für Anorexie-Patientinnen bestimmt, die durch die „Magersucht“ so geschwächt sind, dass sie nicht einmal mehr laufen können. 

Ambulante Versorgung ist überlastet

Die Ärztinnen und Ärzte in der Runde berichten von den aktuellen Fällen. Darunter sind zwei Mädchen, die in die Notaufnahme gebracht worden waren, weil sie einen Suizid versucht oder angekündigt haben, eines 13, eines 16 Jahre alt. Das jüngere, ist die Mittagsrunde einig, sollte am besten sofort stationär aufgenommen werden. Doch es bleibt wie so oft nur die lange Warteliste – und ein ungutes Gefühl. Denn die ambulanten Hilfen, die Wohngruppen für Krisenfälle, sind alle voll. So kann das Kind, das schon die Mutter durch einen Suizid verloren hat, vorerst nur notdürftig untergebracht werden. Kein Einzelfall, sagen die Expertinnen und Experten. Die ambulante Versorgung sei überlastet.

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Aber genau auf diese setzt das Landesgesundheitsministerium. Die Bundesregierung habe sich, so schreibt das Ministerium auf PNN-Anfrage, „im Koalitionsvertrag eine Reformierung der psychotherapeutischen Bedarfsplanung zum Ziel gesetzt“. Am 3. März habe der Gemeinsame Bundesausschuss dazu beschlossen, die Beratungen aufzunehmen. Ende bislang offen.

Chefarzt Towfigh setzt auf das Prinzip Hoffnung

Chefarzt Towfigh will dennoch nicht hadern. Er setzt auf das Prinzip Hoffnung, nicht nur, was die Bettenzahl angeht. Im grellen Sonnenlicht im Klinikgarten, gelegen zwischen zwei Parkplätzen auf dem innerstädtischen Bergmann-Gelände, wirkt er ganz eins mit seinen Überzeugungen, wie eine Kinder- und Jugendpsychiatrie funktionieren sollte. Auf dem grünen Grundstück arbeiten und spielen die Kinder und Jugendlichen, können sich ausprobieren, etwas schaffen. 

Es gibt eine selbstgebaute Draußen-Küche, einen Werkblock, Beete und Töpfe, aber auch verwilderte Bereiche. Perfekt ist nichts, was ganz gut zur Psyche eines jeden Menschen passe, findet Towfigh: „In manchen Ecken herrscht Unordnung, nicht alles blüht, manches vertrocknet auch.“ Neben einer Sitzecke steht eine betagte Laube, in alten Medizinschränken lagern Werkzeuge. An einer Wand prangen Handabdrücke in blauer Farbe, darüber ein Schild mit der Aufschrift: „Alles wird gut“. Wirklich?

„Jede Wahrnehmung eines Kindes ist wichtig“

„In meiner Überzeugung ist ein dunkler Raum dunkel, weil kein Licht darin ist – nicht, weil es das böse Dunkle gibt“, sagt Towfigh. Das Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie brauche ein festes Weltbild, getragen vom Hoffnungsvollen, „sonst könnte man sich vorstellen, dass wir verzweifeln – aber wir sind nur dann wirksam, wenn wir uns nicht von der Verzweiflung erfassen lassen“. 

Towfigh setzt auf seine rund 90 Mitarbeitenden verschiedener Disziplinen. Klassische Diagnose-Schablonen passten selten: „Jede Wahrnehmung eines Kindes ist wichtig – weil es unser höchstes Ziel ist, zu verstehen, worunter ein Kind leidet.“ Noch immer seien Stigmatisierung, Scham und Schuldgefühle bei seelischen Erkrankungen groß. Dabei könne jeder Mensch psychisch erkranken: „Dass wir alle eine Psyche haben, die verletzbar und verwundbar ist, das wissen wir, aber wir verdrängen es gern.“

Kinder- und Jugendpsychiater seien in gewisser Weise Seismografen für Veränderungen der Gesellschaft, sagt der Chefarzt. Es komme für die Mädchen und Jungen stark darauf an, wie gut die Generation der Eltern vorlebe, dass Konflikte und schwierige Situationen bewältigbar sind. Derzeit werde mit Corona, Ukrainekrieg und Klimakrise allen Erwachsenen die Fähigkeit abverlangt, mit Unsicherheit umzugehen. Die ganze Gesellschaft sei „in Erregung“.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie mit ihren lavendelfarbenen Wänden, abgeschottet vom Alltagsleben, wirkt wie ein Gegenentwurf dazu. „Wir sind hier der absolut geschützte Raum. Hier darf man mal daneben sein“, sagt Stationsleiterin Herbst. „Und trotzdem sind wir am nächsten Tag wieder da.“

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