Kreativ-Kiez Potsdam-West: Scholle in Bewegung
Warum das Viertel rund um die Geschwister-Scholl-Straße Kreative aus Potsdam anzieht – trotz der hohen Mieten.
Stand:
Potsdam-West – Die Geschwister-Scholl-Straße wirkt manchmal wie die Hauptstraße in einem kleinen Dorf. Enge Bürgersteige, kleine Läden, ständig bleiben Passanten stehen, grüßen sich vertraut, halten ein kurzes Schwätzchen. Und tatsächlich herrscht hier in Potsdam-West und der Brandenburger Vorstadt eine besonders enge Nachbarschaft. Man kennt sich – auch von den vielen gemeinsamen Aktivitäten, die im Kiez stattfinden. Die Atmosphäre zieht an: Immer mehr wird die Geschwister-Scholl-Straße zur Heimstatt von Künstlern und Musikern. Sie haben sich in den Gründerzeithäusern oder den eher effizienten Bauten der Wohnungsbaugenossenschaft (WBG) 1903 angesiedelt, zahlreiche Initiativen kümmern sich um die Vernetzung untereinander. Hier ist die „Graswurzelbewegung“, durch die gesellschaftliche Initiativen von der Basis angestoßen werden, fast greifbar.
Scholle 51, Westkurve, Stadtteilnetzwerk: Der Kiez ist gut vernetzt
Ein gutes Beispiel ist die Scholle 51, ein Künstlerhaus in der Geschwister-Scholl-Straße 51. Rund 30 Künstler sind hier fest etabliert, knapp 200 Menschen profitieren davon, etwa durch den Musikunterricht. Noch im vergangenen Jahr sah es danach aus, dass der Kreativtreffpunkt schließen muss. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde hatte als Eigentümer die Immobilie bereits verkauft. Der Deal kam dann aber doch nicht zustande, woraufhin die Kirche den Künstlern das Haus zum Kauf anbot. Jetzt steuert die Scholle 51 in ruhigeres Gewässer, wie Jan Gabbert berichtet, einer der Mitinitiatoren. Die Mieter haben einen Hausverein gegründet, um darüber Eigentümer zu werden: „Wir wollen das Gebäude dauerhaft dem Immobilienmarkt entziehen.“ Gabbert ist Chef seiner eigenen Firma für Animationsfilme in der Scholle 51 – und bekannt im Kiez.
Kreative Orte gibt es im „Scholle-Kiez“ viele weitere. Motor der Initiativen ist das Stadtteilnetzwerk Potsdam-West, das die Aktionen bündelt und kanalisiert. Dabei geht es zum Beispiel um den Ausbau eines alten Sport- und Freizeitplatzes, der Westkurve, oder um die Gründung des Nachbarschaftshauses „Scholle 34“. Hier soll in den kommenden Wochen das Nutzungskonzept überarbeitet und abgestimmt werden. Auch der Erhalt des Brausehauses, in dem seit mehr als 15 Jahren unter anderem Bands im Keller proben können, beschäftigt den Kiez. Treibende Kraft sind unter anderem die Netzwerk-Geschäftsführer Pierre Wilhelm und Daniel Zeller.
Potsdam-West wird von Familien, Junggebliebenen und eher grünem Bürgertum geschätzt
Und auch in den Cafés, der „Waschbar“, dem „Zweitwohnsitz“ oder dem „Viktoriagarten“ mit integrierter Buchhandlung zeigt sich ein anderes Potsdam als vielleicht an der nahen Breiten Straße. Junge oder jung Gebliebene, Eltern mit ihren Kindern, eher grünes Bürgertum mit entsprechenden Vorstellungen und Wünschen für ein gelungenes Gemeinwesen. Es fühlt sich ein wenig an wie Klein-Berlin. Eher Kollwitzplatz als Kreuzberger Oranienstraße.
Es gehe nicht um Ideologie, sagt Gabbert, während er in der Herbstsonne vor dem „Viktoriagarten“ an einem Eis löffelt. Ihm sei bürgerschaftliches Engagement wichtig, Eigeninitiative. „Das ganze Heulen über die Zustände bringt doch nichts. Einfach machen!“, betont der 35-Jährige energisch und seine Augen blitzen. Die Mieten sind ein Problem in dem Künstlerviertel. Unter zehn Euro pro Quadratmeter sei hier kaum etwas zu finden, sagt Gabbert. Es sei fast alles durchsaniert. Ziel der Initiativen sei es, mehr Freiräume zu bekommen oder alte zu erhalten – und kein „Fake-Barock-Umbau“ wie in der historischen Stadtmitte. Es dürfe nicht nur darum gehen, ob das Hotel Mercure abgerissen werde oder nicht, ob die Garnisonkirche gebaut werde oder nicht. „Wir brauchen Lebensraum, Arbeitsraum, Wohnraum“, sagt er.
Ein wichtiges Thema im Kiez: Freiräume für Künstler schaffen oder zu erhalten
So sieht es auch André Falk. Er ist Sprecher der Bürgerinitiative Westkurve. Seit 2007 kümmert er sich mit anderen um den Bolzplatz und baute mit Hilfe der Stadt dort einen Kinderspielplatz. Ein fester Kohlegrill steht am Eingang neben einem Bauwagen. Dort gibt es im Sommer Kaffee oder Tee. Das Areal an der Hans-Sachs-Straße soll nun saniert werden. Dafür sind 300 000 Euro bis 2017 eingeplant, wie Stadtsprecher Markus Klier sagt.
Allerdings will der Kommunale Immobilien Service (KIS) den Schotterplatz für den Schulsport umbauen. Nachbarschaftsfeste wie an diesem Samstag ab 11 Uhr die Spartakiade wären dann laut Falk kaum noch möglich. In einem ersten Gespräch mit dem KIS und der WBG 1903 habe die Initiative ihre Bedenken geäußert, sagt er und betont, dass man an dem Schotter weitgehend festhalten wolle. „Wir brauchen keine 300 000 Euro.“ Graswurzelbewegung von unten bedeutet eben auch, unbequem zu sein und der Stadtverwaltung mal nicht alles durchgehen zu lassen.
Stefan Engelbrecht
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid: