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Homepage: Spionage im Kalten Krieg

Der Historiker Enrico Heitzer präsentierte sein Buch über die „Affäre Walter“

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Anfang der 50er Jahre tauchten in der gerade erst gegründeten DDR Flugblätter auf, die eine rot eingefärbte Ratte zeigten. Das Tier war mit Hammer und Sichel gekennzeichnet und wurde von einer sauberen Hand am Genick gehalten. Erklärend stand daneben: „Rattenbekämpfung ist nationale Pflicht“. Es handelte sich nicht um übriggebliebendes Propagandamaterial aus der Nazi-Zeit. Entworfen hatte das Flugblatt der 1930 geborene Martin Hoffmann. Im Zuge der „Affäre Walter“, die zu etwa 200 Verhaftungen führte, wurde er 1951 festgenommen und von den sowjetischen Militärbehörden zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Mehr als 40 Personen wurden damals hingerichtet.

Enrico Heitzer, Doktorand am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, zeichnet in einer Studie, die er unlängst in Berlin vorstellte, diese vergessene frühe Verhaftungswelle in der DDR nach. Sie traf die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU), die 1948 gegründet worden war, um politische Verbrechen in der sowjetischen Besatzungszone anzuzeigen und einen Suchdienst für vermisste Personen anzulegen. Dabei blieb es aber nicht, alsbald kamen Spionage, Sabotage und Terrorakte gegen die DDR und sowjetische Einrichtungen auf ihrem Boden hinzu. Ab 1949 wurde die Gruppe von der CIA finanziert.

Es war die Zeit des Kalten Krieges. Ein Krieg der Ideologien, den sich die vormaligen Koalitionsmächte lieferten, die eben noch gemeinsam gegen das faschistische Deutschland gekämpft hatten. Zum zentralen Austragungsort wurde das besiegte Deutschland, das die Alliierten zunächst in vier Besatzungszonen teilten, um es daran zu hindern, je wieder einen Krieg zu führen. Doch schon ab 1947 zeichnete sich eine Verschiebung der Frontlinie ab, die westlichen Alliierten schlossen sich in dem Willen zusammen, den Kommunismus aus Europa zu verdrängen. Der Konflikt wurde erbittert ausgetragen, wobei den Geheimdiensten auf beiden Seiten eine maßgebliche Rolle zufiel. Es fehlte ihnen nicht an engagierten Zuläufen. Als ein wichtiger Kooperationspartner für die westlichen Geheimdienste sollte sich die KgU erweisen.

Zwei Jahre gehörte ihr jemand mit dem Decknamen „Fred Walter“ an. Kaum 20-jährig hatte er Leitartikel im „Tagesspiegel“ verfasst, in denen er darauf drang, dass die Bundesrepublik als „das Mutterland all seine Bestrebungen darauf ausrichten“ müsse, „das abgetrennte Gebiet und seine Bevölkerung heimzuholen“. 1949 wurde „Walter“ Angestellter der KgU und baute ein nachrichtendienstliches Netz in Sachsen auf. Als die CIA zunehmend auf Militanz drängte, wandte er sich von der KgU ab und dem britischen Geheimdienst zu. Doch dieser zögerte. Der geheimdienstunerfahrene „Walter“, der die Verantwortung für ein weites Netz von Verbindungsleuten trug und deshalb eine Schlüsselfigur der KgU war, tappte in eine Falle. Noch in der gleichen Nacht begann die nach ihm benannte Verhaftungswelle. Dank seiner Kooperation mit dem sowjetischen Geheimdienst überlebte „Walter“, kam nach nur einem Jahr wieder frei und lebte fortan in der DDR.

Enrico Heitzer geht indes nicht davon aus, dass die Verhaftungen einzig auf „Walters“ Aussagen zurückzuführen sind. Die sowjetischen Militärbehörden schienen auch ohne ihn informiert gewesen zu sein. Bei der Darstellung seiner Thesen stieß der junge Historiker auf erbitterten Widerstand einiger Überlebender, die im Publikum saßen. Sie beharrten darauf, vor 60 Jahren ausschließlich humanitäre Arbeit geleistet zu haben. Von den geheimdienstlichen und terroristischen Aktivitäten wollten sie nichts wissen. Da ein großer Teil der KgU tatsächlich nur Flugblätter verteilte und Informationen für die Suchkartei sammelte, entspricht diese Selbsteinschätzung den Tatsachen.

Dennoch stellt sich die Realität weitaus komplizierter dar. Heitzer Aktenfunde belegen zudem eine moralisch weniger einwandfreie Wurzel des selbstverständlichen Antikommunismus der Mehrheit der Männer, die mit „Walter“ zusammenarbeiteten. Die meisten hatten eine nationalsozialistisch aktive Vergangenheit – unter ihnen waren ehemalige SS-Mitglieder, KZ-Wächter und Wehrmachtsoffiziere.

Resümierend schreibt Heitzer: „Nimmt man die ... Lebensläufe genauer in den Blick, ist es schwer vorstellbar, dass es sich bei ihnen um leidenschaftliche Streiter für demokratische Ziele gehandelt hat.“ Lene Zade

Enrico Heitzer: „Affäre Walter“. Die vergessene Verhaftungswelle. Metropol Verlag 2008, (incl. DVD) 18 €

Lene Zade

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