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Landeshauptstadt: Willkommensfest für die Neu-Babelsberger

Die Flüchtlingshilfe Babelsberg lud am Sonntagnachmittag zum Kennenlernen. Mit so viel Andrang hatte aber keiner gerechnet

Stand:

Mit so vielen Leuten hatte Marc Liebscher von der Flüchtlingshilfe Babelsberg gar nicht gerechnet: „Das sollte eigentlich nur ein kleines Treffen werden, aber dass so viele Menschen kommen, überrascht mich doch.“ Vielleicht hat er sich doch etwas verschätzt, wenn er erwartet hat, dass der typische Babelsberger in seiner Wohnung sitzt und dort ausharrt. Am Sonntagnachmittag zumindest war der kleine Hof zwischen den Leichtbauhallen an der Sandscholle so voll, dass man kaum treten konnte, ein Büfett mit Kuchen, Keksen und Stollen war aufgebaut, dazu knisterte das Lagerfeuer. Der Verein, dessen Vorsitzender Liebscher ist, kümmert sich mit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) als Träger um Unterbringung, Freizeitgestaltung und Sprachkurse für die Geflüchteten. „Integration ist nicht nur ein Sprachkurs, sondern die Vorbereitung der eigenen Leute auf die neue Situation“, sagt Liebscher.

Seit November dieses Jahres sind 88 Flüchtlinge in Babelsberg an der Sandscholle, und mittlerweile 230 Helfer kümmern sich um die Neu-Babelsberger. Eine von ihnen ist Kathrin George, die neun „unbegleitete Minderjährige“ aus Syrien, Afghanistan und Pakistan im Alter von 16 bis 18 Jahren in einer Wohngruppe nahe dem Weberpark unterbringen konnte. Seit September arbeitete sie ehrenamtlich in der Clearingstelle an der Heinrich- Mann-Allee, die Wohngruppe sei ein erster Erfolg. „Die Jungs wären auch heute gern gekommen, aber Sonntag 16 Uhr ist immer Fußballtraining beim SV Babelsberg im Karli – da muss man eben Prioritäten setzen.“ Ein Brüderpaar habe Glück gehabt, da deren Eltern jetzt auch in Potsdam eingetroffen seien. Gibt es derzeit noch Probleme? Kathrin George überlegt kurz: „Na ja, ein paar Topfpflanzen könnten wir vielleicht gebrauchen.“ Allerdings weiß sie schon, dass die Herausforderung erst beginnt. Denn es sollen noch mehr Menschen nach Babelsberg kommen.

Bisher sind an der Sandscholle nur junge Männer untergebracht, für Familien eignen sich die Leichtbauhallen nicht, mit Vierbettzimmern, Gemeinschaftsduschen. Noch ist der Bau nicht abgeschlossen, bald sollen auch Küchen in der Unterbringung sein – das Ziel ist, dass sich die Flüchtlinge selbst versorgen, momentan übernimmt das Essen noch ein Caterer.

Berührungsängste gab es am Sonntagabend nicht, auch wenn die Sprachbarriere noch hoch ist. Wenn Englisch und Deutsch nicht ausreichen, werden Hände und Füße genommen – oder das Handy, um Bilder der Familie zu zeigen. Dass sich die Sprachkenntnisse verbessern, dafür sorgt zum Beispiel Mandy Köppen. Die Doktorandin in Germanistik an der Uni Potsdam gibt Sprachunterricht und bringt den Flüchtlingen Deutsch bei, eine Gruppe Analphabeten betreut sie auch: Die lernen dann Deutsch zumindest schriftlich als Erstsprache. Für sie ist das Engagement in Babelsberg Ehrensache: „Wir haben natürlich Reaktionen der Babelsberger erwartet, und auch nicht immer nur positive – aber es gab gar keine spürbaren Reaktionen.“ Wenn demnächst 60 Flüchtlinge in den Babelsberger Konsumhof einziehen werden, der zu einer Familienunterkunft ausgebaut wird, kommt noch mehr Arbeit auf sie zu. Ihr geht es um die lokale Integration. Was derzeit gut laufe, ist die Fahrradwerkstatt, in der gespendete Fahrräder repariert werden, aber auch die Freizeit-AG, die besonders Sportangebote vermitteln will. Einen Fußballplatz gibt es ja schon gleich nebenan.

„Ich komme aus Syrien“ – diesen Satz kann dank Sprachunterricht schon jeder sagen. Was dahintersteckt, erzählt einer der Flüchtlinge. Er habe sich von Syrien aus in die Türkei durchgeschlagen, zu Fuß, ein Auto könne man da nicht nehmen. Ungefähr 500 Euro koste so eine Schleusung über die Grenze, die Schleuser sind überall in Grenznähe, ein blühendes Geschäft. Von der Türkei aus ging es über den Seeweg nach Griechenland, wieder musste man das bezahlen, mehr als tausend Euro diesmal – wobei die Grenzen nach oben offen sind: Wer tiefer in die Tasche greife, werde auch mit einer Jacht nach Griechenland gebracht. Bezahlt werde über Vertrauenspersonen, die das Geld behalten: Erst wenn ein Zeichen kommt, dass man es geschafft habe, muss die Schleusung bezahlt werden. Von Griechenland aus ging es über Bulgarien und Rumänien nach Ungarn, von dort weiter nach Österreich, von einem Lager an der Grenze ins nächste, zwei Monate lang. In Österreich wurde er dann gefragt, ob er bleiben oder weiterziehen wolle. Für viele sei Schweden das Traumziel, er aber entschied sich für Deutschland, weil er hier studieren wolle – der deutsche Uni-Abschluss habe den besten Ruf. Und jetzt lebt er in Babelsberg.

Dass die Unterkunft keine Dauerlösung sein kann, weiß auch Marc Liebscher. „Wenn man normale Leute ohne Perspektive in Leichtbauhallen zusammenpfercht, bekommen sie irgendwann einen Koller.“ Doch mit der Hilfe der Babelsberger wird das zu verhindern sein.

Wer helfen will, kann sich informieren unter www.fluechtlingshilfe-

babelsberg.de

Oliver Dietrich

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