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Kultur: Erinnerungen aus dem Schrank geholt Filmmuseum gibt Buch über Egon Günther heraus
So richtig wollte Egon Günther da nicht ran. „Aber alle Künstler sind ja irgendwie eitel und heben vieles auf“, sagte Dorett Molitor, Leiterin der Sammlung des Filmmuseums Potsdams.
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So richtig wollte Egon Günther da nicht ran. „Aber alle Künstler sind ja irgendwie eitel und heben vieles auf“, sagte Dorett Molitor, Leiterin der Sammlung des Filmmuseums Potsdams. „Also hat er irgendwann doch seinen großen bunten Bauernschrank aufgeschlossen. Und war selbst überrascht, was er da alles hatte.“ Das Material, eine Art Arbeitsarchiv, wurde für das Archiv des Filmmuseums in der Pappelallee sortiert und aufgearbeitet. Außerdem entstand dabei ein Buch über ihn, einen der wichtigsten Defa-Regisseure. Am Dienstagabend wurde es im Filmmuseum vorgestellt und dazu der Zweiteiler „Junge Frau von 1914“ von Günther gezeigt. Das Buch war zwar bereits 2013 erschienen – damals aber war das Filmmuseum aufgrund der Sanierung geschlossen. Jetzt wurde alles nachgeholt – in einem passenden Rahmen, so Molitor.
Günther, geboren 1927, war und ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramaturg und Regisseur. Traditionelle Ansichten und Arbeitsweisen stellte er stets kritisch infrage. Er probierte gern Neues. „Ich war immer ein Spieler“ heißt das Buch. „Günther spielte mit der Kamera, mit der Musik, mit den Schauspielern“, sagte Molitor. Wie in dem gezeigten Film von 1970: Die bewegte Kamera zieht den Zuschauer unmittelbar ins Geschehen hinein. In Unschärfen und Farbspielen – mal Sepia, mal Schwarzweiß, mal blauer Himmel oder Farbkleckse – stecken Botschaften. „Wir hatten damals komplett in Farbe zu drehen begonnen und nach dem halben Film gemerkt: Das Thema geht nicht in Farbe. Und wir konnten Gott sei Dank noch einmal neu beginnen“, sagte Jutta Hoffmann im Filmmuseum.
Die heute 73-jährige DDR-Schauspielerin spielte damals, mit 29 Jahren, in „Junge Frau von 1914“ ihre erste große Hauptrolle, der Beginn einer intensiven und erfolgreichen Zusammenarbeit mit Günther. Sie war froh, dass der Film wieder einmal zu sehen war. „Auf unseren Vorschlag lief er beim MDR – nach Mitternacht; der RBB hat ihn nicht gezeigt“, sagte sie etwas enttäuscht. Und so war der Kinosaal gut gefüllt, teilweise mit Kollegen aus der Filmbranche aber vor allem mit Gästen, denen es ging wie Jutta Hoffmann. Noch einmal die Stars von damals sehen, wie den jungen Manfred Krug, noch mit Locken auf dem Kopf und Schnauzbart, der in einer Nebenrolle seinen unverkennbaren schnodderigen Charme rausließ. Und weil es eben auch ein echter Potsdam-Film ist: Produziert in Babelsberg und auch hier gedreht, wo die Geschichte von Schriftsteller Arnold Zweig angesiedelt ist. Für Potsdamer eine Freude: Das Personal spaziert durch Sanssouci, am maroden Brandenburger Tor vorbei, und der Blick vom Anwesen der Familie Wahl geht über den Heiligen See zum Marmorpalais.
Heute wird der Film als „untypischer DDR-Film“, so Molitor, gesehen, vor allem wegen der neuen künstlerischen Herangehensweise. Unverkennbar irgendwie DDR bleibt er dennoch – ein Antikriegsfilm, bisweilen im typischen Agitprop-Gestus des Arbeiter- und Bauernstaates. Und so funktioniert das jetzt vom Filmmuseum herausgegebene Buch über Egon Günther auch als wichtige Interpretationshilfe. Aus heutiger Sicht.
Die Autorinnen Dorett Molitor und Ingrid Poss zeigen einen Menschen, der Arbeit und Privates nicht trennen konnte. Im Buch finden sich Textentwürfe, Exposés, Skizzen, Auszüge aus Regiedrehbüchern. Und immer wieder Günthers persönliche Randbemerkungen, hingekritzelte Gedanken zur politischen Lage, über Künstler, über sein Publikum. Dazu Briefe, in denen er Persönliches wie die Verhaftung seines Sohnes reflektiert – und sich gegen die unangenehme Zensur und Einmischung in künstlerische Belange wehrt. „Junge Frau von 1914“, einer seiner Lieblingsfilme, wäre andererseits ohne diesen Frust nie entstanden: Nach Gegenwartsverfilmungen wandte er sich dem unverfänglich historischen Stoff zu. Und entschied sich dennoch 1978, in die BRD überzusiedeln. Erst nach der Wende kehrte er zurück aus seinem Exil. Steffi Pyanoe
Das Buch kostet 24.99 Euro und ist im Handel und im Filmmuseum erhältlich.
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