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Kultur: „Es gab allein 40 Gutachten“

Dagmar von Gersdorff über die vergebliche Liebe zwischen Elisa Radziwill und Wilhelm von Preußen

Stand:

Frau von Gersdorff, wie sind Sie auf die tragische Liebe zwischen Prinzessin Elisa Radziwill aus Polen und Wilhelm von Preußen gestoßen?

Diese traurige Geschichte war nicht unbekannt. Schon um 1900 ist ein Buch mit Briefen von Elisa an eine Freundin erschienen, aus denen deutlich wurde, dass es sich um eine tragische Beziehungen zum Prinzen Wilhelm, Sohn von Königin Luise und Friedrich Wilhelm III., handelte. Und das hat mich nicht mehr losgelassen.

Sie haben mit „Auf der ganzen Welt nur sie“ selbst ein Buch darüber geschrieben, das Sie in Potsdam vorstellen. Was macht diese gescheiterte Liebe so erzählenswert, schließlich stand bei königlichen Eheschließungen nie die Liebe, sondern dynastische Interessen im Vordergrund?

Aber dieser Fall ist schon sehr ungewöhnlich. Denn die Radziwills waren ja nicht irgendwer. Es sind damals allein 40 Gutachten seitens des Königshauses geschrieben worden, um festzustellen, ob Elisa ebenbürtig war und ob Preußen sich auf dieser Ebene mit Polen verbinden kann. Darüber wurde heftig gestritten.

Letztendlich zum Nachteil von Elisa Radziwill und Wilhelm von Preußen. Was waren die Gründe dafür?

Weil der damalige König, Friedrich Wilhelm III., es ablehnte, mit Polen in dynastische Verhältnisse zu treten. Denn das hätte bedeuten können, dass eine Polin Königin von Preußen werden würde.

Aber Wilhelm von Preußen war nicht der Thronfolger, sondern der spätere Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker auf dem Thron.

Aber es zeigte sich schon, dass er kinderlos bleiben würde. Und Wilhelm von Preußen ist der nächste und dessen Kinder folgten auf den Thron. Hätte er Elisa geheiratet und mit ihr Kinder bekommen, hätte es einen polnischen Thronfolger geben können.

Wilhelm von Preußen wurde ja nicht nur König, sondern auch Kaiser.

Ja, und dann hätten wir eine polnische Kaiserin gehabt.

Was immer auch im Bereich des Möglichen blieb, denn Elisa und Wilhelm durften immer wieder hoffen.

Diese ganze Geschichte zog sich zehn Jahre lang hin. Und das hat diese Liebe auch so besonders gemacht. Denn zehn Jahre haben sie sich dafür eingesetzt, gekämpft und mit allen Mitteln den König bestürmt. Schließlich ist der König selbst ins Hirschberger Tal zum Schloss Ruhberg gereist und hat sich die Elisa noch einmal angeschaut. Da waren der Prinz Wilhelm 30 und Elisa 24 Jahre alt. Und der König musste zugeben: Tatsächlich, die ist enorm. Er fragte dann, ob man sie nicht adoptieren könne.

Adoptieren?

Ja, der Zar wurde gefragt, ob er sie nicht adoptieren würde, dann wäre sie eine russische Großfürstin.

Es ging also wieder einmal um die Frage, ob sie für eine Ehe mit Wilhelm überhaupt standesgemäß ist?

Genau, aber der Zar hat abgelehnt. Es gab dann noch einige andere Überlegungen, die dann aber verworfen wurden. Es ist schon schicksalhaft, was da alles versucht, getan und unternommen wurde.

Letztendlich vergeblich.

Weil der König Friedrich Wilhelm III. einfach zu zögerlich war. Sehr trocken und sehr starrsinnig. Gegenüber Napoleon hat er sich doch nur dadurch bewährt, dass er gar nichts tat. Und genauso machte er es auch in dieser Angelegenheit. Erreichte ihn ein Schreiben dazu, kam monatelang keine Antwort, weil er hoffte, dass es sich schon so irgendwie auflösen würde. Doch da löste sich nichts auf und dann bestürmte Wilhelm seinen Vater, sagte, dass er schon 28 Jahre alt ist, von sieben Kindern noch immer der Einzige unverheiratete und dass er Elisa wolle, denn, so auch der Titel meines Buches: „Auf der ganzen Welt nur sie.“

Wilhelm musste dann aber Augusta von Sachsen-Weimar heiraten.

Ja, und das wird eine sehr unglückliche Ehe. Als er wusste, dass es so kommen wird, schrieb er an seine Schwester Charlotte: „Es ist alles aus. Ich heirate Augusta, sie ist schön, aber sie lässt mich kalt.“ Später schrieb er dann: „Ich komme mit Augusta in kein Einvernehmen und Du weißt, wie ich es vorher kannte und liebte.“ Wilhelm und Augusta stritten sich bis aufs Messer und haben dann nur noch schriftlich miteinander kommuniziert. Wilhelm hat Augusta so intensiv mit Elisa verglichen, dass die ihm versicherte: „Ich will Dir die ersetzen, die ich ersetzen soll.“

Aber wurde diese Liebe nicht nur von Wilhelm so stark verklärt? Schließlich soll sich Elisa nach dem Scheitern sehr schnell wieder sehr leidenschaftlich verliebt haben?

So wird es wohl gewesen sein. Denn Elisa war in die passive Rolle gedrängt. Sie wurde geliebt, Wilhelm ließ es sie durch seine zahlreichen Briefe auch deutlich spüren. Sie malte sich diese Ehe auch sehr schön aus, wie sie da mit Wilhelm auf der Pfaueninsel lebt und er ihr wie versprochen ein Schloss auf dem Babelsberg baut. Aber als sie den Fürsten Schwarzenberg kennenlernt, einen feurigen, schönen und jungen Offizier, schreibt sie: „Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist.“

Ziemlich bitter für Wilhelm, der ihr Bildnis bis zu seinem Tod 1888 in seinem Arbeitszimmer hatte.

Sie hatte auch hochverliebte Momente in der Wilhelmphase. Vor allem aber war sie Wilhelms Ideal. Ob er auch ihr Ideal war, das aber ist sehr fraglich.

Das Gespräch führte Dirk Becker

Dagmar von Gersdorff liest aus „Auf der ganzen Welt nur sie“ (Insel Verlag, 22,95 Euro) am Donnerstag, dem 17. Oktober, um 19 Uhr im Pfingstberghaus, Große Weinmeisterstraße 45a (Eintritt 12 Euro) und am Mittwoch, dem 6. November, um 19 Uhr im Palais Lichtenau in der Kurfürstenstraße 4 (Eintritt 13, ermäßigt 10 Euro, Reservierungen unter Tel.: 0331 29 17 41)

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