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Anna Massoni in "Rideau", einer Deutschen Erstaufführung bei Made in Potsdam.
© Angela Massoni

Deutsche Erstaufführung bei Made in Potsdam: Immer wieder Anfang

Die französische Tänzerin Anna Massoni untersucht in dem Solo-Stück „Rideau“ virtuos, was Auf- und Abtritte auf der Bühne für Künstler*innen bedeuten. Nicht zuletzt in Zeiten der Pandemie. 

Potsdam - „Rideau“ ist das französische Wort für Vorhang, und in der jüngsten Erstaufführung in der fabrik hebt und senkt er sich gewissermaßen zugleich. Man ist davor und dahinter, kurz vor dem Auftritt und kurz nach dem Abtritt, ist im Dunkel und im Rampenlicht, eben noch mitten drin in größter Dramatik – und dann schon wieder weht nur eine Ahnung davon herüber, wie aus dem Nebenzimmer. „Rideau“ spielt mit den Konventionen des Bühnenauftritts, und es spielt mit uns.

Anna Massoni heißt die Tänzerin, die solche Wunder im Rahmen von Made in Potsdam vollbringt, im Alleingang. Oder fast. Denn auch wenn sie hier allein auf der Bühne steht, hat sie Mitspieler, die ebenso virtuos zum Zuge kommen wie sie selbst: Licht und Musik. Zu hören sind Auszüge von großen Orchesterstücken, gewaltige Emotionen der Romantik, darunter Tschaikowskis „Pathétique“. 

Wenn es am schönsten ist, ist Schluss

Musik, von der man sich packen lassen, in der man sich suhlen will – aber Anna Massoni spielt auch hier mit dem Kippmoment: Immer dann, wenn es am schönsten ist, ist abrupt Schluss. Immer dann, wenn Bewegung und Musik sich gerade im harmonischen Duett zusammengefunden haben, bricht der Ton ab. Die Bewegungen fließen weiter, werden zur Erkundung der Stille, die eben noch voller großer Melodiebögen war.

Einen tatsächlichen Vorhang auf der Bühne gibt es nicht – oder nicht dort, wo man ihn vermuten würde: an der Rampe. Die Zweiteilung, die ein Vorhang bedeutet, findet sich hier ganz hinten auf der Brandmauer wieder. Links ein schwarzer Vorhang, rechts der weiße Stein. Die Symmetrie, die hierin steckt, das parallel geführte Nebeneinander von Gegensätzlichkeiten, es bestimmt dieses Stück auch insgesamt. 

Zögern, Angst, erzwungene Demut

Der Bühnenvorhang trennt „echt“ von „Kunst“, öffentlich von privat, markiert Anfang und Ende. Das Thema von „Rideau“ scheint zu sein: Die Unsicherheit, wo das eine beginnt das andere endet. Das Zögern, die Angst, der innere Impuls, einen Rückzieher zu machen, bevor man sich „ins Licht“ wagt. Oder die erzwungene Pose der Demut, die folgt, wenn der Vorhang fällt: die Verbeugung.

Einmal geht Anna Massoni minutenlang in einer Verbeugung, die bis zum Boden reicht, über die Bühne. Die Knie durchgedrückt, die Arme lang, die Hände zur Faust geballt. Kein Mensch mehr, ein kopfloses Fabelwesen wie bei Hieronymus Bosch. So verschwindet sie hinter dem Vorhang, so kommt sie wieder hervor. Das ist die irgendwie wehe, aber auch hoffnungsvolle Komponente dieses Stücks: Hier ist immer wieder Ende. Und immer wieder Anfang.

Einmal weht von Ferne Applaus. Einmal tanzt Anna Massoni im Dunkel. Einmal sitzt das Publikum im Licht. Mit welcher Präzision Anna Massoni dieses Zögern in Bewegungen gießt, wie sie eigene Körperteile abzumessen und auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen scheint, ist ein Ereignis.

Wände, die eingrenzen - und draußen: entgrenzter Tanz

Gegen Schluss holt Anna Massoni immer wieder Anlauf zum Sprung, läuft diagonal den Raum ab – bis zu den Wänden, die ihn eingrenzen. Vielleicht ist „Rideau“, im August 2021 während eines Aufenthalts in der fabrik zu Ende geprobt, auch ein Stück über die Sehnsucht nach dem da Draußen für Tänzer*innen – nach einem Auftritt in Zeiten, da Bühnenauftritte Seltenheitswert haben?

Im tatsächlichen Draußen, auf der Openairbühne vor dem Waschhaus, hatte am gleichen Abend eine Art entgrenztes Gegenüber dieses intimen Bühnenstücks Premiere. „Ex.Pose“ ist eine riesige Videoprojektion von Anja Kozik und den Lichtkünstlern von Xenorama, zugänglich für alle, kostenfrei. Auch hier tanzen Hände und Muster, in unzählige Male wiederholter Großaufnahme. „Ex.Pose“ ist bis zum 25. März täglich von 18 bis 22 Uhr zu sehen. „Rideau“ genau zweimal.

Nochmals am 12.2. um 19.30 Uhr in der fabrik Potsdam

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