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Frank Gaudlitz reiste für seine Foto-Serie über Alexander von Humboldt von Sankt Petersburg bis nach Tobolsk. 
© Thilo Rückeis

Frank Gaudlitz auf Humboldts Spuren: Mit Uniform und Sturmgewehr

Der Fotograf reiste in den vergangenen Jahren mehrfach durch Russland. Im Nachhinein sieht er auf den Bildern eine Gesellschaft, die tief von staatlicher Propaganda geprägt ist.

Potsdam - Frank Gaudlitz erschrak, als er sich die Bilder seiner Russlandreise aus den Jahren 2017 und 2018 ansah. In der AE Galerie in der Charlottenstraße hängen sie jetzt unter Fotos einer Reise aus den letzten Jahren, die der Potsdamer Fotograf auf den Spuren Alexander von Humboldts durch Russland, von St. Petersburg bis zum sibirischen Tobolsk, unternommen hat. Die großformatigen Fotos der Reise aus dem vergangenen Jahr sind in Glasrahmen eingefasst, die unteren auf Papier ausgedruckt und mit abstehenden Nägeln an der Wand befestigt.

„Man sieht die Fotos heute natürlich anders“, sagt Gaudlitz. 2017/2018 habe er zur Vorbereitung eines weiteren Fotoprojektes Menschen in den Städten, auf den Straßen, in Museen und anderen Räumen aufgenommen. „Das waren eigentlich Notizen, die gar nicht zur Veröffentlichung gedacht waren“, sagt er. Viele der Menschen auf den Fotos der vor vier Jahren gemachten Reise schwenken Fahnen, halten Plakate oder Fotos des russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Nach dem Unterricht gibt es eine freiwillige Ausbildung für die Jugendarmee, der Kinder- und Jugend-Militärorganisation Russlands, gegründet 2016 durch Präsidentenerlass“, steht unter einem Foto aus einer Ballettschule, auf dem Jugendliche in Uniform zu sehen sind.

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Im Nachhinein betrachtet falle einem auf, dass die Zivilgesellschaft schon damals erheblich von der breit angelegten staatlichen Propaganda geprägt gewesen sei und Teile des öffentlichen Lebens als Vorbereitung auf den nun stattfindenden Krieg gelesen werden könnten, sagt Gaudlitz. Eine Mädchengruppe mit roten Uniformen, ein Junge, der mit einem orangefarbenen Maschinengewehr hantiert, Panzer in einer russischen Stadt, auf denen eine rote Flagge weht. Zufällige Bilder, die aber nun den Eindruck erwecken, dass die russische Gesellschaft lange auf den Krieg in der Ukraine eingeschworen worden ist.

Auch diese Aufnahme eines Putin-Kritikers findet sich in der Ausstellung von Gaudlitz’ Fotos.
Auch diese Aufnahme eines Putin-Kritikers findet sich in der Ausstellung von Gaudlitz’ Fotos.
© Frank Gaudlitz

Im deutlichen Gegensatz stehen dazu die großformatigen, gerahmten Fotos mit denen Gaudlitz auf den Spuren Humboldts wandelt. Vorwiegend menschenleere Räume und Bauwerke sind darauf zu sehen. „Das sind keine trostlosen Vorstädte. Das sind ganz normale Ortschaften und Wohnhäuser wie sie überall in Russland abseits von Moskau zu finden sind, der Lebensraum“, sagt Gaudlitz. 

7500 Kilometer durch Russland gereist

Mit Mitteln des Europaministeriums gefördert ist der Fotograf mit einem Begleiter, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll, 7500 Kilometer durch Russland gereist. Geplant war eigentlich, die Bürgermeister und Beamten der besuchten Städte zu fotografieren. „Das ließ sich trotz vieler Vorbereitungen allerdings nicht realisieren. Die haben sich gefragt, was will der Deutsche überhaupt und waren sehr skeptisch“, sagt Gaudlitz. Daher galt es ein neues Konzept zu entwickeln, „Humboldt war der Ansicht, dass Reise und deren Dokumentation auch immer etwas über den sozialen und kulturellen Zustand des Landes aussagen müsse.“ 

Gaudlitz möchte Menschen anhand der sie prägenden und umgebenden Architektur beschreiben. Trotz der Umstellung des Konzept und den augenscheinlich technisch perfekt fotografierten und komponierten Bildern will Gaudlitz aber nur wenige der Fotos gelten lassen. Er, der schon häufig in Russland fotografiert hat, vermutet, dass dies wegen des Krieges in der Ukraine wohl für lange Zeit die letzte Reise dorthin gewesen sei. „Es ist für mich moralisch unmöglich, in Russland Städte zu fotografieren, wenn das russische Militär ukrainischen Städte zerbombt“, sagt Gaudlitz.

Frank Gaudlitz: „Und das Ende ist der Krieg“, noch bis 4. September in der AE-Galerie, Charlottenstraße 13. Geöffnet mittwochs bis freitags von 15 bis 19 Uhr sowie samstags von 12 bis 16 Uhr.

Richard Rabensaat

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