Von Dirk Becker: Rechtlos, namenlos, existenzlos
Steven T. Wax stellt heute sein Buch „Kafka in Amerika“ im Einstein Forum vor
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Mit dem Sicherheitsriegel fing es an. Nie hatten Mona Mayfield und ihr Ehemann Brandon diesen Sicherheitsriegel benutzt. Doch als Mona Mayfield am 8. April 2004 gegen 16 Uhr die Tür zu ihrem zweistöckigen Holzhaus in Beaverton im Bundesstaat Oregon öffnen will, ist genau dieser Sicherheitsriegel gegen alle Gewohnheit eingerastet. Vorsichtig betritt sie die Wohnung, und obwohl alles wie immer scheint, hat sie ein ungutes Gefühl, glaubt, auf dem weißen Wohnzimmerteppich einen Fußabdruck zu erkennen, der nur von einem Fremden stammen kann.
Das ist der Anfang eines Albtraumes. Zwei Wochen später wird Brandon Mayfield vom FBI verhaftet. Der Vorwurf: Angeblich war Mayfields Fingerabdruck auf einer blauen Plastiktüte gefunden worden. Eine blaue Plastiktüte mit nicht explodierten Zündern, die in einem Lieferwagen in Madrid entdeckt wurde, kurz nach den verheerenden Bombenanschlägen vom 11. März 2004, bei denen 191 Menschen ihr Leben verloren. Mayfield, gebürtiger Amerikaner aus einer christlichen Familie, der aus Liebe zu seiner Frau, Tochter eines ägyptischen Professors, zum Islam konvertiert war. Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei, Vater zweier Kinder, ein unbescholtener Bürger, der hier nur einem Irrtum zum Opfer gefallen war? Ja, aber ein Irrtum, der Mayfield über zwei Wochen ins Gefängnis brachte und dazu drei Jahre lang nervenaufreibende Prozesse, an deren Ende eine Entschuldigung durch den FBI-Direktor und eine Entschädigung von zwei Millionen Dollar standen.
Der Rechtsanwalt Steven T. Wax erzählt von Brandon Mayfields Schicksal in seinem Buch „Kafka in Amerika. Wie der Krieg gegen den Terror Bürgerrechte bedroht“. Es ist ein nüchterner, nicht immer einfach zu lesender Bericht über juristische Spitzfindigkeiten und haarsträubende Verdrehungen, die in Amerika nach dem 11. September 2001 im Rahmen der Terrorbekämpfung betrieben wurden und den Leser in kalkulierte Abgründe blicken lassen, wie die USA als Vorreiterin der Demokratie Bürgerrechte und demokratische Grundsätze ausgerechnet für ihren Kampf im Namen der Freiheit aushebelt. Heute stellt Steven T. Wax sein Buch „Kafka in Amerika“ im Rahmen einer Diskussion im Potsdamer Einstein Forum vor.
Würde sein Name nicht schon im Buchtitel auftauchen, spätestens bei der Lektüre der knapp 500 Seiten müsste man immer wieder an den Schriftsteller Franz Kafka und die in seinen Romanen und Erzählungen so typischen, kafkaesk bezeichneten Situationen denken. Da werden Menschen aufgrund hanebüchener Verdachtsmomenten verhaftet, ohne dass sie dann genau darüber aufgeklärt werden, warum sie festgehalten werden. Alles bleibt vage und damit verbunden wird ein Gefühl spürbar, das nur mit absoluter Ausgeliefertheit zu beschreiben ist. Eine abstruse, nicht greifbare Willkür, die ihre perverse Fratze hinter der Maske Demokratie versteckt. Und was einen am meisten erschreckt und gleichzeitig auch kaum noch verwundert, ist die Tatsache, dass zahlreiche Juristen in den Vereinigten Staaten dieser perversen Fratze in dem Glauben dienen, ihr Handeln sei richtig und rechtens.
Mag uns westeuropäischen Lesern ein Schicksal wie das von Brandon Mayfield noch nachvollziehbar erscheinen, bei Adel Hassan Hamad müssen wir kapitulieren. Dessen Hilferuf erreichte Steven T. Wax Ende 2005 in Form eines Haftprüfungsantrages aus dem berüchtigten Militärgefängnis Guantánamo Bay auf Kuba. Im März 2006 reiste Wax mit Kollegen zum ersten Mal in das Gefängnis, um seien Mandaten zu treffen, der zu diesem Zeitpunkt schon 44 Monaten dort einsaß.
Adel Hassan Hamads Albtraum hatte am 18. Juli 2002 begonnen, als er in der pakistanischen Stadt Peschawar im Rahmen einer Hausdurchsuchung festgenommen wurde. Seit 1986 war Adel Hassan Hamad in Pakistan und Afghanistan für eine international kuwaitische Hilfsorganisation tätig. Und wie Brandon Mayfield ging auch Adel Hassan Hamad davon aus, dass die Verhaftung ein Irrtum war, der sich schnell aufklären würde. Doch für Adel Hassan Hamad beginnt eine monatelange Odyssee durch Gefängnisse in Pakistan, dem Luftwaffenstützpunkt Baghram in Afghanistan bis hin nach Guantánamo Bay. Rechtlos, namenlos, existenzlos ist das, was Adel Hassan Hamad erleben muss, dem in den ständigen Verhören immer wieder vorgeworfen wird, für Al Qaida zu arbeiten. Erst im Dezember 2007 konnte er durch die Bemühungen von Steven T. Wax und seinen Mitarbeitern als freier Mann in seine Heimat Sudan, zu seiner Frau und den beiden Töchtern zurückkehren. Ohne eine Entschädigung natürlich.
„Kafka in Amerika“ ist kein Buch, das zwischen zu Recht oder zu Unrecht inhaftierten Verdächtigen unterscheidet. Steven T. Wax zeigt, wie selbstverständlich und gleichzeitig pervertiert Machtmissbrauch der Exekutive in einer scheinbar fortschrittlichen Demokratie funktionieren kann. So selbstverständlich, dass Menschen als rechtloses Etwas einfach verschwinden können. Gleichzeitig ist es ein Plädoyer für das Unrechtbewusstsein bestimmter Institutionen und deren Vertreter; und deren Kampfeswillen, diese Gesetzesbrüche durch die Exekutive nicht widerspruchslos hinzunehmen. Im Vorwort zu „Kafka in Amerika“ schreibt Wax, dass er sich als junger Mann für das Jurastudium entschieden hatte, „weil das Gesetz für mich ein Instrument der Gerechtigkeit war, das zum Schutz der Schwachen und Unterdrückten diente.“ So pathetische solche Worte auch klingen mögen, Steven T. Wax zeigt an den Schicksalen von Brandon Mayfield und Adel Hassan Hamad und den Kampf für ihre Freiheit, wie wichtig diese Worte sind. Nie dürfen Freiheit und bürgerliche Grundrechte zugunsten einer fadenscheinigen Sicherheit geopfert werden. Guantánamo Bay, dieses Synonym für ein pervertiertes Rechtsverständnis, ist in der aktuellen Tagespresse oft nur noch eine Randnotiz wert. Doch Wax zeigt mit seinem Buch, wie aktuell das Thema noch immer ist. „Sie sind eine Warnung für uns alle“, wie er am Ende von „Kafka in Amerika“ schreibt.
Steven T. Wax: Kafka in Amerika. Wie der Krieg gegen den Terror Bürgerrechte bedroht. Hamburger Edition 2009, 496 Seiten, gebunden, 29,90 Euro. Heute stellt Steven T. Wax um 19 Uhr im Einstein Forum, Am Neuen Markt 7, sein Buch vor
Dirk Becker
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