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Ensemblemitglied Guido Lambrecht bei "Gemeinsam für das Sprechen. Solidarität für die Ukraine" im Hans Otto Theater.
© Christopher Hanf

Solidaritätsabend für die Ukraine am Hans Otto Theater: „Wir alle sind ab jetzt andere“

Knapp eine Woche nach dem Angriff Russlands hat das Hans Otto Theater eine Solidaritätsveranstaltung für die Ukraine gestemmt - mit Ensemble und Gästen. 

Potsdam - Wann ist am Hans Otto Theater ein Abend mit ähnlich heißer Nadel gestrickt worden? Am Montag war klar, dass er überhaupt möglich sein würde. Am Mittwoch fand er statt. Eine vollständige Probe gab es nicht. Und doch stehen am Ende fünfzehn Ensemblemitglieder und Gäste auf der Bühne der Reithalle und singen „Imagine“ von John Lennon. Für die Ukraine.

Resonanzraum für die eigenen Ohnmachtsgefühle sein

„Gemeinsam für das Sprechen“ war diese Solidaritätsveranstaltung mit der Ukraine überschrieben. Der Eintritt war frei – aber am Ausgang konnte wer wollte für das Internationale Rote Kreuz spenden. Dieser Abend könne nur ein ohnmächtiger Versuch sein, der eigenen Fassungslosigkeit Ausdruck zu verleihen, sagt der Dramaturg Christopher Hanf eingangs. Was das Theater bieten könne: Resonanzraum für die eigenen Ohnmachtsgefühle sein. Ihnen künstlerisch Ausdruck verleihen. Wie nötig das ist, zeigten nicht nur die auf der Bühne, sondern auch der fast vollständig gefüllte Saal.

Hanf betreut das Festival Next Stage Europe, das für enge Bande zwischen dem Theater und osteuropäischen Ländern sorgt – auch bedrückend aktuelle Stückauszüge werden an diesem Abend vorgetragen. Im September noch waren russische und ukrainische Autor:innen zu gemeinsamen Workshops in Potsdam. Sie stritten, aber sie schwammen auch nachts gemeinsam im Heiligen See. In hoffnungsarmer Zeit ist auch eine Anekdote wie diese willkommener Grund für Hoffnung: dass der Dialog trotz allem nicht abbricht. 

Der Krieg ist schrecklich und falsch, die Welt aber nicht nur schwarz-weiß

Darum sind auch nicht nur ukrainische Stimmen zu hören an diesem Abend. Sondern auch der Text einer russischen Autorin – deren Ehemann, sagt Hanf, ein Putin-Funktionär sei. Der Krieg ist schrecklich und falsch, aber die Welt nicht nur schwarzweiß. Das ist das Credo von Kunst, darauf beharrt auch dieser Abend.

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Wie vielgestaltig dieser so ad hoc bereitgestellte Resonanzraum war, verdient alle Bewunderung. Ensemblemitglieder lesen aus Kriegstagebüchern, die  in den letzten Tagen erschienen und weiter erscheinen. Der Autor Juri Durkot beschreibt den Ausbruch des Krieges in Lemberg, eine Sechzehnjährige berichtet am Sonntag auf „Zeit Online“: „Noch werden wir nicht angegriffen“. Die kindliche Stimme von Greta Muthwill, die das vorträgt, jagt einem Schauer über den Rücken. Von Frauen in Bunkern ist zu hören, von einem jungen Mann in Kiew, der sich mit dem Hund im Badezimmer verschanzt. Von einer Historikerin, die Folter fürchtet. Von einem Jugendlichen, der schreibt: „Vielleicht werde ich Putin nie sterben sehen.“

Songs von Pete Seeger, Element of Crime, Leonhard Cohen

Den erschütternden Quellen zur Seite stehen assoziative Zugaben der Beteiligten. Steffen Schröder (Soko Leipzig) leiht mehreren Passagen seine Stimme. Rita Feldmeier, bis 2020 im Ensemble, singt „Sag mir, wo die Blumen sind“, Nina Gummich singt ein Hohelied auf die Liebe von Element of Crime. Josephine Schumann, derzeit im „Kohlhaas“ zu sehen, singt „Soldaten“ von Bettina Wegner. „Kohlhaas“ Arne Lenk singt Leonhard Cohens „Story of Isaac“. 

Jörg Dathe fragt mit dem Dichter Jewgeni Jewtuschenko: „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ Und der syrische Schauspieler Jalal Mando, der 2015 nach Deutschland flüchtete und 2017 in „Gehen und Bleiben auf der Potsdamer Bühne stand, beschreibt, wie ihn die Flüchtlingsströme, die nun aus der Ukraine kommen, an den eigenen Weg erinnern – und daran, dass Russland auch im Syrienkrieg Aggressor gewesen war. 

„Wir sind ja alle aufgewacht“

Das alles ist disparat und überbordend und darin genau richtig. „Wir sind ja alle aufgewacht“, wird die Autorin Sasha Marianna Salzmann aus einem Interview zitiert, das sie vor wenigen Tagen erst gab. Sie hat ukrainische Wurzeln, aber als Präsident Selensky 2019 gewählt wurde, unterstützte sie ihn nicht. „Sehen Sie, ich weiß gar nicht, wer dieser Mensch Sasha Salzmann ist, der sich jetzt über Waffenlieferungen freut. Wir alle sind ab jetzt andere.“

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