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Von Gerold Paul: „Kommt doch rein“

Eine Woche lang stand Werder im Zeichen eines Künstler-Pleinairs – die Einwohner öffneten ihre Türen

Werder (Havel) - Das 1. Internationale Pleinair in Werder, das gestern zu Ende ging, hat nicht nur die dortige Kunstszene und etliche unbescholtene Bürger in Bewegung gesetzt, auch ein ganzes Rathaus, worüber man sich noch immer nicht genug wundern kann. Nun sind wirklich alle mit Verlauf und Ergebnis dieser Arbeitswoche zufrieden, Bürgermeister und Kulturbeirat, „Kunstgeschoss“ und Künstler, Kurator Frank W. Weber und viel Volk auf der Straße.

Wenn die künstlerischen Ergebnisse ab Sonntag öffentlich gemacht werden, wird nicht jeder Betrachter entdecken, was die zehn Maler aus Litauen, Polen und Deutschland in diesen Tagen erlebt haben. Vielleicht sind der Schwan in Werders Zauselwind oder der rasch skizzierte Reflex auf die Bluesnacht im Scala (die Pleinair-Leute erhielten spontan freien Eintritt) noch am leichtesten zu dechiffrieren. Aber der springende Punkt des Werderaner Konzept ist ja nicht allein das „Pleinair“, es geht vor allem auch um die Pflege der Städtepartnerschaften.

Künstler vor Ort haben mit Künstlern von fern eine Woche gearbeitet und unter einem Dach gelebt, im „Großraumatelier Kunstgeschoss“ miteinander gearbeitet, Exkursionen von Ferch bis Berlin mitgemacht. Es waren Begegnungen von Mensch zu Mensch, oder, na ja, von Künstler zu Mensch, Leben eben.

Schöpfte einer auf dem Inselmarkt an seinem Werk, so sah ihm ein Schulbub zu. Diesem nun gereichte es zur Ehre, dem Herrn Maler das Bild „nach Hause“ tragen zu dürfen. Auch anderen geschah Sonderbares: Ganz unerwartet öffnete sich, gleichfalls bei den Insulanern, eine Tür dort, wo man dann den Bergamottebirnbaum fand. „Kommt doch rein!“ lud Fischer Wegner die Fremden ein. Sie entdeckten Hof und Hinterhof, sahen und malten nie entdeckte Idyllen, und den Fischer aus Dankbarkeit gleich in ein Diptychon hinein. Zwei Details aus einer langen Geschichte, die einer nur erdacht, viele aber umgesetzt haben. Frank Weber nennt sich nicht umsonst „konzeptioneller Künstler“. Seine Ideen, wirklich verrückt, haben eine ganze Stadt aufgeweckt, und er malt daheim an einem „Narrenbegräbnis“!

Abgabetermin zum Pleinair war gestern, ihm blieb also nur ein Tag, aus den vielen neuen Bildern seine Ausstellung im Kunstgeschoss zu formen, aber das kann er ja. Die Bergamotte also, eine bisher unerkannte „Liebeslaube“, Straßenveduten, gar in „Fehlfarben“ gesehen, die großflächige Entdeckung von Kirsche und Linde als stadtprägendes Grün in grafischen Konstruktionen, farbige Landschaften um und in Werder noch malfrischem Öl. Bilder, die bewusst dem Postkartenblick entfliehen und die Positionen von Mühle und Kirche rasch mal vertauschen. Eine heimische Malerin hat dank dieses Pleinairs sogar ihr langgesuchtes „persönliches“ Werderbild gefunden, darin sich der Horizont im neunten Zehntel des Bildes zeigt, sonst sehr viel Wasser.

Neues war wiederzuentdecken, Bekanntes neu zu sehen. Der Titel „Werder - Stadt und Mensch in Bewegung“ hätte also ortslebendiger gar nicht gemacht werden können; dass man dabei, ganz unauffällig, auf den Spuren des Ur-Werderaners und frühen Pleinair-Malers Karl Hagemeister tappte, nur nebenbei. Nebenbei auch, dass sich zu den zehn Kunstschaffenden aus Tczew, Polen, Birzai, Litauen, aus Oppenheim und Werder eine Stahlbildhauerin aus Borkwalde zugesellt hat, welcher dieser Pleinair-Ausstellung exklusiv brandneue Werke zugesagt hat.

Was der Besucher also ab Sonntag im Schützenhaus zu sehen bekommt, Realistisches und Verfremdetes, Farbsattes und Sparsames, Gemaltes und Graphisches, zeigt nicht nur unterschiedlichste „Kunstweisen“, es ist gelebte Städtepartnerschaft, wie sie vielleicht nur durch Künstler möglich ist. Könnten Schützengilde oder Heimatforscher so viel Öffentlichkeit mobilisieren?

Zur heutigen Ausstellungs-Weihe hat sich der Bürgermeister von Birzai persönlich angesagt, Frank Weber wird verkünden, ob eine Weiterführung der Pleinair-Idee aus dem Topf der Städtepartnerschaften möglich ist. Werder, so hörte man, wirkte tagelang wie eine Stadt der glücklichen Menschen – ja, ja, aber doch bitte mit „Narrenbegräbnis“!

bis 26. Juli Donnerstag, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr im Kunstgeschoss, Uferstraße 10 ; Vernissage am heutigen Samstag um 19 Uhr. Der Gewerbeverein ließ sich durch das Pleinair zu einem Handwerkermarkt am Wochenende auf dem Insel-Marktplatz anregen, bis 20. August sind Werke Werderaner Künstler in Geschäften, Restaurants und Cafés ausgestellt.

Gerold Paul

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