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Lothar Bellin in seiner Kneipe 140. Der Betreiber hofft, ein Nachfolger führt den Betrieb weiter.  
© Andreas Klaer,PNN,Tsp

"Einmal muss man aufhören": Steht Werders letzte Raucherkneipe vor dem Aus?

Die Kneipe 140 musste fast die Türen schließen. Kneipier Lothar Bellin geht in Rente. Nun zeichnet sich ein Lichtblick ab.

Werder (Havel) – An seinen ersten Tag in der eigenen Kneipe erinnert sich Lothar Bellin noch sehr genau. "Ich habe die Kneipe am 1. Dezember 1995 um 17 Uhr übernommen." Damals - vor mehr als 26 Jahren - hatte der heute 66-Jährige seine Erfahrungen in der Gastronomie bislang nur als Angestellter gesammelt. Nun sollte er selbst eine Kneipe führen – Die Kneipe 140 in Werder. Die Gastwirtschaft, damals noch mit Verkostung, hatte es dem Hobby-Bootsfahrer angetan.

"Die ersten zehn Jahre liefen super", erinnert sich Bellin. Dann kam ein Einbruch. "Ich war drauf und dran, die Kneipe abzugeben." Er habe sich schon auf Jobsuche begeben. Dann plötzlich füllten sich die Räume mit der rustikalen Einrichtung wieder mit Kundschaft. "Auferstanden, wie Phönix aus der Asche", sagt Bellin, "wie ein Urknall".

Der Kneipier führt die Wirtschaft im Ein-Mann-Betrieb, steht sechs Tage die Woche selbst hinter dem Tresen. Unter die Arme greifen dem 66-Jährigen in Hoch-Zeiten die Nächsten: "Das ging nur mit meiner Frau und den Kindern", sagt er. Zu seinen Stammkunden zählte Bellin auch eine Dartmannschaft und eine Skatrunde. "Manche begrüße ich wöchentlich, manche sogar täglich."

Auf der Corona-Liste stehen 160 verschiedene Namen

Auch, als er während der Corona-Pandemie mehrere Monate die Türen geschlossen lassen muss, bleibt ihm seine Stammkundschaft treu. "Auf der Liste, die ich wegen Corona führen musste, habe ich 160 verschiedene Namen" – die Gaststätte bietet 50 Plätze; einen Schankraum, einen Dartraum sowie einen weiteren Nebenraum. Auch Urlauber kämen vorbei.

2007, das Nichtraucherschutzgesetz tritt in Kraft. Bellin beschließt, das Essen einzustellen und den Laden als Raucherkneipe fortzuführen. "Ich hab 95 Prozent Raucher." Das, so sagt er, sei ihm jetzt - 26 Jahre später und kurz vor seinem Ruhestand - fast zum Verhängnis geworden. "Die Leute wollen Speisen anbieten." Lange Zeit suchte er einen Nachfolger, einen, der die Kneipe so weiterführt, wie bisher. 

Bellin in seiner Kneipe. Bald will er hier nur noch Gast sein. 
Bellin in seiner Kneipe. Bald will er hier nur noch Gast sein. 
© Andreas Klaer,PNN,Tsp

Er schaltete auch eine Anzeige bei Ebay. "Gemütliche erfolgreich bewirtschaftete Kneipe in Werder", heißt es auf dem Online-Marktplatz. Beim Preis steht "VB" er ist verhandelbar. Noch am Montag spricht Bellin vom "letzten Tag der Kneipe". Der Kneipier ist deprimiert. Doch kurz vor Schluss - Bellin hat sich seinen letzten Zapftag am Samstag gesetzt - melden sich Interessenten aus Falkensee und Spandau. Noch am Montagabend soll der Vertrag für die Übernahme unterzeichnet werden. Nach Auskunft von Bellin wollen die neuen Betreiber die alte Kneipe in Werder so weiterführen, wie bisher. Rauchen erlaubt. Dann, so Bellin, wolle auch die Dartmannschaft wiederkommen.

"Ich habe genug zu tun"

"Ich habe mich wahnsinnig gefreut", sagt der graublonde Mann mit Brille und Bart. Jetzt freue er sich auf seinen Ruhestand. "Einmal muss man aufhören." Bellin hat sich ein Boot gekauft. Darauf hätten ihn die Kinder gebracht. Außerdem müsse er sich um sein Grundstück kümmern. "Ich habe genug zu tun." Seine "Abschlussparty" hatte der Kneipenwirt schon im Mai gemacht.

Bellin schließt den Betrieb nach mehr als 26 Jahren ordentlich ab: Für seinen letzten Arbeitstag am Samstag hat er genau noch ein letztes Bierfass. "Man will ja nichts übriglassen." Dann fügt er hinzu: "Für den Notfall habe ich aber ein paar Kisten Bier." Ganz den Rücken kehren will Bellin der "140er" wie er sagt, allerdings nicht. "Ab und an schaue ich mal vorbei." Dann will er aber vor dem Tresen bleiben.

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