"Ich ließ mich auf den Handel mit dem Teufel ein."

Seite 2 von 3
Abrechnung mit dem DDR-Sport : Olympiasieger Aschenbach: Vom Held zum Verräter

Sein Ehrgeiz treibt Aschenbach zum Sport, er wird mit zwölf Jahren ins Sportinternat aufgenommen. „Kinderkaserne“ nennt er das Internat heute. „Ausgebildet wurde ich nach militärischen Maßstäben – meine Waffen waren meine Skier. Die Sportler der DDR waren keine Diplomaten. Wir waren Krieger, eingesetzt an der politischen Front, kämpfend für die Unsache des Sozialismus.“ Die Logik des Leistungssports sei dieselbe wie die im Kapitalismus, ergänzt um eine Doppelmoral: „Der Sieg gehört dem Volk, der Partei und dient der Allgemeinheit. Der Misserfolg gehört dir allein, und du hast dafür die volle Verantwortung zu tragen.“

Eine Trennung zwischen Spiel und wirklichem Leben gibt es für ihn im Sportinternat nicht. Das System erziehe die Schüler zu Konkurrenten, der Ablauf folge immer demselben Drill: „Immer zur gleichen Zeit aufstehen. Immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen. Immer gute schulische Leistungen erbringen. Immer tolle sportliche Erfolge vorweisen. Immer die gleiche, formelartige Stellungnahme beim Fahnenappell.“ Das Verständnis werde nicht gefördert, dass Niederlagen auch etwas für sich haben können. „Wie sollte ich lernen, Schwächen als etwas Normales zu akzeptieren, wenn es keinen Platz zum Scheitern gab?“

Um damit zurechtzukommen, teilt er einfach seine Persönlichkeit. „Damals begann ich, mir zwei Welten aufzubauen. Zwei parallel benutzbare Leben: Das politisch-gesellschaftliche Leben mit dem Beruf als Skispringer im Armeesportverein, das war die eine Welt. Die andere bestand aus meinen Gefühlen, Gedanken und Fragen, die ich nicht haben durfte.“ Zwischen den Welten hin- und herzuspringen habe er gelernt. „Die Lüge war Teil des Erziehungsprozesses im Sozialismus.“

Mit 18 Jahren wird Aschenbach in den Nationalkader der DDR aufgenommen und zu einem Gespräch geladen mit dem Generalsekretär des ostdeutschen Skiverbands, einem Trainer und einem Arzt. Die drei Herren eröffnen ihm, was die Zugehörigkeit zum Nationalkader noch umfasst: die blaue Pille. Doping. Alles sei wissenschaftlich erforscht und bedenkenlos, erklären sie ihm. Als Aschenbach nachfragt, was denn passiere, wenn er die Pillen nicht schlucke, sagen sie ihm: „Bei Nein geht es heim.“ Aber Aschenbach wollte doch Erfolg haben. „Also ließ ich mich auf den Handel mit dem Teufel ein.“

Fünf Prozent – mehr habe Doping nicht bewirkt, manchmal habe es sogar die Form eher noch zerstört, glaubt er heute. Jeder habe die gleiche Ration bekommen, egal wie groß oder klein er war, wie hoch oder niedrig der Hormonspiegel. „Das Einzige, was wirklich zuverlässig bei allen fruchtete, waren die Nebenwirkungen oder Nachteile, weil das Gewicht zunahm, jahrelang trainierte Bewegungsabläufe durch schnellen Muskelwuchs verstellt wurden.“

Aschenbach wird zum erfolgreichsten Skispringer der Welt, er gewinnt die wichtigsten Titel, er wird gefeiert, geehrt, belohnt. Und er bekommt eine Perspektive für die Zeit nach dem Sport. Er studiert Medizin, promoviert, und wird schließlich als Arzt der Nationalmannschaft der Skispringer eingesetzt. Doch er fühlt sich wie in einem goldenen Käfig. Und er sieht aus seinem Leben nur einen Ausweg: die Flucht in den Westen. Er plant sie gemeinsam mit einem Freund, der sich schon in den Westen abgesetzt hat. Bei einem Mattenspringen im August 1988 im Schwarzwald schüttelt er vor dem Mannschaftshotel seinen Aufpasser von der Stasi ab, steigt in das wartende Auto des Freundes und braust mit ihm davon. „Ich zerriss mir das Herz. Ich nahm meinen Koffer und gab alles auf, was ich besaß und war. Wie ich das schaffte, weiß ich heute nicht mehr.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!