Alba Berlin : Spanier denkt Basketball anders: Die Faszination Aito

Unter Aito Garcia Reneses begeistert Alba mit attraktivem Basketball. Bundestrainer Henrik Rödl nennt Albas Trainer "den ultimativen Lehrer".

Hält die Fäden in der Hand. Aito Garcia Reneses gilt nicht nur in Spanien als Trainerlegende.
Hält die Fäden in der Hand. Aito Garcia Reneses gilt nicht nur in Spanien als Trainerlegende.Foto: Soeren Stache/dpa

Dieser ältere spanische Herr ist schon etwas Besonderes.

Henrik Rödl fährt ja viel durch Deutschland oder sitzt im Flugzeug, um sich Spiele oder Trainingseinheiten von allen möglichen Teams anzuschauen. Er ist Bundestrainer. Er muss sich ein Bild davon machen, welche Spieler für die Nationalmannschaft in Frage kommen, wo sie gerade mit ihren Leistungen stehen, und darüber mit ihren Coaches sprechen. Seine Wege führen dabei nach Ulm und nach Hagen, nach Bamberg oder München, mittlerweile auch mal nach Istanbul, Oklahoma City, Houston oder Los Angeles. Rödl, 49 Jahre alt, hat in seinem Basketballer-Leben jede Menge Coaches mit den unterschiedlichsten Temperamenten und Ideen gesehen. Kann so einen noch etwas zum Staunen bringen?

An einem Sommertag hockt Rödl in Berlin, Schützenstraße, Alba-Trainingszentrum, auf einer Holzbank. Er sieht einen 71-Jährigen mit staksigen Beinen in kurzen Hosen. Der Mann wirkt bisweilen ein wenig gebrechlich, doch wenn er einen Ball in die Hand nimmt, mal mit langen, mal mit Trippelschritten unterschiedliche Laufwege aufzeigt, den Zug zum Korb, den Ansatz eines Wurfes, dann haben seine Bewegungen etwas Tänzerisches. Rödl sieht Alejandro García Reneses, den alle nur „Aíto“ nennen.

Was als erstes auffällt, ist die Ruhe, die Aíto ausstrahlt. Er spricht recht leise und hebt nicht ein einziges Mal seine Stimme. Da herrscht andernorts ein rauerer Ton, auch in Berlin war das bei früheren Trainern so. Trotzdem hört die Mannschaft ihrem Coach aufmerksam zu, die Spieler hängen geradezu an seinen Lippen. Wenn etwas schief geht bei einer Übung, wird niemand hart angegangen, sondern Aíto erklärt es zum zweiten und dritten Mal mit unendlicher Geduld. Es geht ihm immer ums Lernen, wie er selbst sagt, mit jedem Training sollen die Spieler einen Schritt weitergehen, Basketball besser verstehen, besser lesen, besser interpretieren können.

Was ist so speziell an Aitos Wirken?

Irgendwann wird Henrik Rödl den schönen Satz sagen: „Er kommt wie der ultimative Lehrer rüber.“

Das Wort „Lehrer“ nehmen sie alle in den Mund, ob man nun mit Niels Giffey redet oder mit Luke Sikma oder einem aus dem offiziellen Alba-Stab. Dieser spanische Trainer mache „vieles“ anders als alle anderen, sagen sie, manche schwärmen regelrecht, er mache „alles anders“. Ganz so weit würde Rödl nicht gehen; er ist in seinem Amt als Bundestrainer der diplomatischen Neutralität verpflichtet und sowieso ein Typ des nüchternen Betrachtens. Doch was ist denn so speziell am Wirken von Aíto?

Rödl sagt: „Es geht ihm nur um die eigene Mannschaft. Nie um andere, nie um den nächsten Gegner.“ Das ist deshalb verblüffend, weil es im europäischen Basketball extrem verbreitet ist, sich detailliert auf einen Kontrahenten vorzubereiten, den eigenen Spielern dessen Systeme zu erklären, dessen individuelle Stärken und Schwächen. In Berlin dagegen üben sie selbst einen Tag vor einem wichtigen Spiel noch die Grundlagen des variablen Passens. Aítos eigenartiger Ansatz ist Henrik Rödl eher aus seinen vier Jahren am US-College in North Carolina vertraut, dort agierte sein Trainer ähnlich wie der Spanier; allerdings gilt Dean Smith genauso wie Aíto als Legende der Basketball-Zunft.

"Aito denkt Basketball genial"

Durch die Trainingshalle schallt der Lärm quietschender Turnschuhe. Dennis Clifford brüllt und wedelt mit den Armen wie ein Klassenclown, die anderen lachen; da werden Witze gerissen, es wird gealbert. Mit Aíto hat eine unglaublich positive, lockere Atmosphäre Einzug gehalten. Und trotzdem sind alle Beteiligten einhundert Prozent auf die Arbeit fokussiert. Die Disziplin ist so sichtbar wie die gute Laune. Man hat da nie das Gefühl, dass einer Ärger macht oder es größere Probleme gibt. „Diese Balance aus Spaß und Konzentration musst du als Trainer erst einmal hinbekommen“, meint Rödl. Er hat als Spieler bei Alba und in der Nationalmannschaft 13 Jahre mit Svetislav Pesic verbracht, alte Balkanschule, die volle Härte; erfolgreich war das für ihn, sieben Meistertitel in Folge, 1993 sogar Europameister, und doch, das ist dem Tonfall der Erzählung zu entnehmen, nicht immer ein reines Vergnügen.

Aíto lehrt ja eine sehr eigene Art des Spielens. Da werden nicht Systeme starr durchgespielt, da muss jeder sekundenschnell Situationen lesen und spontan improvisieren können; wenn du in einem winzigen Moment die Chance siehst, einen Vorteil zu erringen, dann nutze sie, breche aus dem einstudierten Laufweg aus, attackiere! Er bietet damit seinen Spielern eine Menge Freiheiten, doch die erfordern ständige Wachsamkeit. Das sei schon, sagt Rödl, großer Sport. So lehrt Aíto zwar eine Lösung für eine bestimmte Situation, aber er bietet dazu noch mehrere Optionen. Motto: So, Leute, und jetzt macht etwas daraus! „Er denkt“, meint etwa Manager Marco Baldi, „Basketball genial.“ Und die Spieler spürten das, sonst würden sie nicht derart begeistert mitziehen. Das ist es ja letztlich, was die Faszination Aíto ausmacht.

2008 holte er mit Spanien Silber bei Olympia

Für diesen Stil braucht es eine ganz eigene Auslese an Spielern, das ist der Job von Sportdirektor Himar Ojeda. Sie müssen sehr offen sein, wissbegierig, sie sollten einen hohen Basketball-IQ mitbringen. Das kriegt nicht jeder hin. Manch einer fühlt sich wohler in einem klaren System, der möchte genau gesagt bekommen: Wenn der Gegner das macht, stellt dich so hin, wenn der Gegner dies macht, reagiere so… Das habe, sagt Rödl, nichts mit Kategorien wie gut oder schlecht zu tun. Es gebe nun mal Spieler, die funktionieren in einem engeren Korsett perfekt. „Auch eine große Qualität.“

Dabei darf man sich von all der Lockerheit und Flexibilität nicht täuschen lassen. Auch nicht davon, dass der Coach bei Übungen meist einen spitzbübischen Zug um den Mund hat und ausdauernd lobt, „good“, „very good“. Aíto ist ehrgeizig. Er erwartet im Training und im Spiel maximale Intensität. Sonst hätte er als Trainer nicht neun Mal die spanische Meisterschaft gewonnen und bei Olympia 2008 mit Spanien die Silbermedaille. Sonst hätte er nicht Weltstars geformt wie Ricky Rubio, Kristaps Porzingis, Juan Carlos Navarro oder Pau Gasol. Selbstverständlich hat er durch diese Erfolge längst eine enorme Aura, er genießt höchsten Respekt.

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