Aufarbeitung der Sportgeschichte : Die verlorenen Kinder der DDR-Dopingopfer

Nach der Aufarbeitung von DDR-Dopingopfern öffnet sich jetzt ein neues Kapitel: Auch Kinder von Sportlern leiden unter den Folgen des Zwangsdopings.

Einreihen und durch. Das DDR-Sportsystem schleuste tausende Kinder durch einen unerbittliches Trainings- und Dopingregime.
Einreihen und durch. Das DDR-Sportsystem schleuste tausende Kinder durch einen unerbittliches Trainings- und Dopingregime.Foto: dpa/Steinberg

Mama, warum bin ich anders? Philipp* fragte sie das immer wieder. Dass sie dann weinte, kannte er schon. Doch an diesem Nachmittag war es anders. Sie glaubte nun, die Antwort zu kennen. Es hatte etwas mit ihr zu tun. Er wusste, dass sie mal Sportlerin war. War es zu viel Training? Nein, sagte sie. Es waren Medikamente. Doping verstand er ja noch nicht. Stille. Bin ich deshalb krank? Ihr versagte die Stimme.

„Mein Kind hat mit zwölf Jahren schon die Hölle durchlebt.“ Epilepsie. ADHS. Asthma. Eine feinmotorische Störung. Dazu ihre eigenen Erkrankungen. Sollte all das denn wirklich Zufall sein? Nicole S. glaubt es nicht mehr. S. war Ruderin in der DDR. Doch wenn heute überhaupt von Dopingopfern die Rede ist, dann nur von denen, die gedopt wurden. Vergessen war bislang die zweite Generation, die nicht gedopt wurde und dennoch Opfer ist – weil sie einfach nur geboren wurde.

Auffällig hohe Zahlen an Früh- und Totgeburten

Dabei gab es schon Anfang der 2000er Jahre erste Hinweise. Als „überzufällig“ bezeichnete der Historiker Giselher Spitzer damals die hohe Zahl der Früh- und Totgeburten gedopter Sportlerinnen. Überlebende Kinder kämpften mit Allergien, Haut- und Lungenerkrankungen (25 Prozent). Jedes Zehnte hatte Missbildungen, ebenso viele litten unter Stoffwechselkrankheiten. Sechs Prozent von ihnen waren geistig behindert. Jedes siebte Kind hatte Störungen der Psyche. Für Spitzer war das Urteil klar: Die Kinder der Geschädigten sind ebenso Opfer des Dopings der SED-Diktatur.

Für Nicole S. begann alles als Mädchen, in Magdeburg an der KJS ab der siebten Klasse. Mittags gab es dickflüssige Shakes aufs Tablett. Schön austrinken. Der Trainer kontrollierte. Das sind Kohlenhydrate und Eiweiße, damit du Kraft hast beim Training. Dazu blaue Pillen, vermeintliche Schweißregulierer. In die Teekanne wurde zudem ein Pulver gekippt. „Die Tütchen durften wir auch mit nach Hause nehmen“, erinnert sich S. Ein Vitaminpulver, hieß es. Vermutlich versetzt mit Schmerzmitteln. „Für uns war es wie Brausepulver. Wir haben den Finger reingesteckt und abgeleckt.“ In der Spitze waren es dreißig Tütchen am Tag. „Wir waren wie zugedröhnt. Verletzungen haben wir manchmal gar nicht mitbekommen.“

Den Drill und die Quälerei aber schon. Irgendwann war es zu viel. Nicole S. sollte in den Olympiakader. Doch sie wollte nicht mehr. Auch Elterngespräche und Drohungen halfen nicht. Sie räumte ihren Spind. Dann kam die Wende. Sie holte ihr Abitur nach, lernte Industriekauffrau. Dann begann die Krankengeschichte. Herzprobleme mit 20 Jahren. Lebertumore mit 23. Über ein Dutzend verschiedener Leiden. Erklären konnte sich S. all das nie. Heute ist sie seit fast zwei Jahren krankgeschrieben. Die Tumore haben wieder begonnen zu wachsen.

Vor ein paar Wochen dann rief eine Freundin aus Kindheitstagen an. Erzählte vom Antrag auf Entschädigung. Von der Anerkennung als Dopingopfer. Die gleiche Kindheit. Die gleichen Qualen – auch die der Kinder. Siehst du es nicht? Nicole S. begann zu recherchieren. Über den Politbeschluss. Die Medikamente. Über Ehemalige mit der gleichen Geschichte. Es waren so viele. Damals und heute. Plötzlich passte alles zusammen. Aus dem Rätsel wurde Gewissheit, aus Selbstzweifel Wut. Und aus Wut wieder Verzweiflung. War sie nun Schuld an den Leiden ihres Jungen? Schuldgefühle kamen auf. „Seine Probleme sind durch mich entstanden. Das ist für uns beide schwer zu ertragen.“

Entschädigung gibt es nicht

Naiv nennt sie die, die behaupten, sie hätte doch Nein sagen können. Naiv nennt sie auch sich, weil sie keine Fragen gestellt hatte. Aber sie war eben ein Kind. Und der Trainer war nicht die Person, die man hinterfragte, geschweige denn öffentlich in Zweifel zog. „Wenn mein Trainer, mein Vorbild, sagte, das sind Eiweiße, dann waren das Eiweiße.“

Schmerz schwingt in der Stimme mit, wenn sie sich erinnert. Belogen. Um die Zukunft betrogen. Nicht nur um die eigene – auch ein Stück weit um die ihres Sohnes. Und um die der Kinder, die sie vielleicht gehabt hätte. Vier Fehlgeburten hat sie erlitten. „Ich kenne keine aus meiner Trainingsgruppe, die keine hatte.“ Der lebende Nachwuchs ist zum Teil körperlich oder geistig behindert. Warum spricht niemand darüber? Aus Scham, vielleicht. Sie wollte es sich ja selbst lange nicht eingestehen.

Viele öffnen erst langsam die Augen. Die Stasi wusste damals längst Bescheid. Briefwechsel belegen das: Bloß nicht schwanger werden, heißt es da unter Ärzten. Auch von Zwangsabtreibung ist die Rede. Doping war seit 1974 Staatsangelegenheit. Die systematische Zwangsmedikation hatte nur ein Ziel: Medaillen um jeden Preis. Gold erringen für den Sozialismus. Zur Schaustellung des überlegenen Systems. Was ist schon eine Kindheit dagegen? Schätzungen gehen von etwa 15 000 betroffenen Sportlern aus. Viele von ihnen waren Kinder oder Jugendliche. Sie ahnten nicht, was sie zu sich nahmen – geschweige denn welche Konsequenzen dies haben würde.

Beim Doping-Opfer-Hilfe e.V. (DOH) in Berlin betreuen sie heute etwa 1500 Dopingopfer. Weitere sind schon gestorben. Seit 2002 haben Betroffene durch das Dopingopfer-Hilfegesetz (DOHG) ein Recht auf Entschädigung, eine einmalige Zahlung über 10 500 Euro. Doch längst nicht jeder ist anspruchsberechtigt. Anerkennung ist schon für die Eltern schwierig. Für die Kinder ist sie bislang quasi unmöglich. Sie müssen nachweisen, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft gedopt wurde. Gynäkologische oder genetische Langzeitschädigung? Findet keine Berücksichtigung. Anträge auf Entschädigung wurden allesamt abgelehnt. „Mangels des gesetzlich geforderten Zusammenhangs zwischen der Verabreichung von Dopingsubstanzen und der Schwangerschaft“, wie es in der Begründung heißt. Handlungsbedarf – etwa in Form einer Gesetzesanpassung – sieht die Bundesregierung laut einer Anfrage nicht. Dabei sind dem DOH aktuell fast 200 betroffene Kinder von Dopingopfern bekannt – auch bereits Kindeskinder aus der dritten Generation.

Gewalt im DDR-Elitesport ist kaum aufgearbeitet

Ines Geipel und der DOH helfen, wo es geht, bei Unterlagen und Attesten. Staat und organisierter Sport unterstützen die Opfer dabei nicht. Als das Gesetz im Sommer auszulaufen drohte, verlängerte man es zwar bis 2018. Eine Entfristung aber wurde abgelehnt. Es ist ein Dilemma, wo doch viele erst jetzt den Zusammenhang sehen – oder den Mut fassen, ihn sich einzugestehen. Im Sommer hätten sie fast auf der Straße gestanden mit der Opferberatung. Inzwischen ist man mit hunderten Akten umgezogen. Es melden sich so viele wie nie zuvor, erzählt Ines Geipel. Umso schlimmer sind die Stimmen, die sie immer wieder vernimmt. Dopingopfer. DDR. Gerede von gestern, irrelevant. Mitnichten. Das Leiden ist heute und vermutlich auch morgen. Es ist der Schmerz im Schatten – der Schmerz einer verlorenen Generation. Wer wird für sie einstehen?

„Unerträglich“, findet Ines Geipel den Zustand. Er bedeute vor allem für die Mütter ein zusätzliches Trauma. „Sie durchleiden mit ihren Kindern das Gleiche nochmal – nur schlimmer wegen der Schuldgefühle.“ Hoffnung auf ein Einsehen der Politik hat sie kaum. „Nichts anderes als diese Absage hatten wir erwartet.“ Dopingopfer hätten keine Lobby, sagt sie. Anders als in der SED-Diktatur politisch Verfolgte oder Heimkinder, für die es ebenso Entschädigungsgesetze gibt, fehlt ihnen die öffentliche Anerkennung. Forscher befürchten, dass auch die nächsten drei Generationen noch betroffen sein werden.

Neue Studien sollen Klarheit bringen. Gemeinsam mit den Trauma-Forschern Harald Freyberger und Jochen Buhrmann arbeitet der DOH zurzeit an mehreren Projekten. Neben den Nachfolgegenerationen geht es auch um psychische, physische und sexuelle Gewalt im SED-Sport. Es gehe ihnen um die Würdigung der DDR-Biographien, sagen die Forscher. Doch sie stehen vor einem Problem: Medizinisch lässt sich jedweder Zusammenhang nach 30 Jahren des Nicht-Dopings nicht mehr zweifelsfrei nachweisen. Der Wille zur Aufarbeitung – er hat bei den Entscheidungsträgern und Geldgebern schlichtweg zu spät eingesetzt.

Fragebögen und Gespräche sollen nun stattdessen Zahlen liefern: zur Art und zum Grad der Betroffenheit, zur Häufigkeit. Statistische Signifikanz – Überzufälligkeit ist das, auf was sie setzen. Beim DOH erhoffen sie sich von den Ergebnissen auch Einfluss auf die Gesetzgebung. Eine dauerhafte Rente haben bislang nur die frühere Ruderin Cornelia Reichhelm und die Kanutin Kerstin Spiegelberg erstritten.

Kinder der zweiten und dritten Generation sind oft stark eingeschränkt

Nicole S. ist heute Mitte vierzig. Sie wird nie wieder arbeiten können. Wegen der Herzschwäche, der Tumore und der Depression – wegen des Dopings aus Kindertagen. Die Entschädigung wäre kaum ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch darum geht es ihr nicht. Das Geld kann ohnehin nichts gutmachen. Die Verbrechen der Täter sind längst verjährt. Sie hoffte dennoch auf Gerechtigkeit. Stattdessen sieht sie, wie ihre alten Trainer noch immer im Bootshaus arbeiten. Auf Empfänge eingeladen werden und sich feiern lassen, weil ihre Sportler bei Olympischen Spielen Medaillen gewinnen – und noch immer Kinder trainieren.

Philipp ist dauerhaft auf Medikamente angewiesen. Die Krankenkasse zahlt sie nur zum Teil. Er braucht einen Fahrdienst und Förderunterricht. Am Schulsport kann er nur eingeschränkt teilnehmen. Mitschüler hänseln ihn dafür. In einem Verein ist Philipp nicht. Würde die Mutter es ihm verbieten? Sie weiß es nicht, sagt sie. Sport sei eigentlich etwas Tolles. Sie hat in den letzten Wochen immer wieder zum Hörer gegriffen. Sie spricht jetzt mit ehemaligen Trainingspartnern. Will aufklären. Bewusstsein schaffen. Auch andere sollen den Mut finden. Die Wut in Energie ummünzen. Ich werde jetzt kämpfen, hat sie Philipp versprochen. Kämpfen für uns beide. Den Schmerz müssen sie gemeinsam ertragen. Doch schweigen will sie darüber nicht mehr.

* Name wurde geändert

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