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Ausgerechnet Tennis!: Hätte Kai Wegner nicht joggen gehen können?
Berlins Regierender wollte im Stromausfall-Behebungsstress den Kopf freibekommen, schön und gut. Aber doch nicht mit Filzball und Schläger!

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Kurz mal aus der belastenden Situation raus, etwas anderes machen, den Reset-Knopf für Kopf und Körper drücken? Diese Formeln für Stressbewältigung und Work-Life-Balance hat allmählich wohl jede und jeder im Schlaf drauf – und nahezu nichts eignet sich für so einen Power-Break besser als Sport.
Die Hirnforschung kann das sogar belegen. Sie weiß, dass körperliche Bewegung geeignet ist, BDNF zu produzieren. Klingt wie eine Art von Fessel-Sex, steht aber für Brain-Derived Neurotrophic Factor und bezeichnet ein Protein, das als neuronaler Wachstumsfaktor positiv auf Lernen, Gedächtnis und Stimmung wirkt.
Den prinzipiellen Abläufen im Gehirn ist es dabei egal, welche Art von Sport gewählt wird. Aber außerhalb der grauen Masse ist es das natürlich nicht. Da ist Sport keinesfalls gleich Sport.

© privat, Bearbeitung: Tagesspiegel
Und dass es nun Tennis sein musste, das Berlins Regierender Bürgermeister Wegner wählte, um seinen Kopf frei zu kriegen, ist wirklich ein großes Pech.
Tennis hat – ob heute noch zu Recht, sei dahingestellt – einen Ruf, der hartnäckig ist. Es ist nicht nur Filzbälle übers Netz schlagen, es ist der „weiße“ Sport der Oberschicht.
Es steht für einen dickes-Konto-gerümpfte-Nase-der-Pöbel-bleibt-draußen-Snobismus, der für Regierende in Proletenstädten wie Berlin ohnehin schwierig ist. Und zu ordinären Peinlichkeiten wie Stromausfall, Frieren und Suppenküche passt er schon gar nicht.
Tennisspielen muss man im Grunde immer erklären: bin in einem günstigen Verein, habe Rabattkarten, macht halt wirklich Spaß. Schlimmer hätte es nur noch mit Golf kommen können (sorry, Mister President) oder mit Heli-Skiing.
Wie viel erklärlicher wäre es gewesen, wenn Wegner den verständlichen Wunsch nach „Kopf frei“ und „kurz mal raus“ mit einer flotten Joggingrunde hergestellt hätte?
Laufschuhe an, 30 Minuten hurtig durchziehen, zack, Kopf frei, Lunge pumpt, kurz dehnen, duschen, wieder im Büro einschließen. Schnell, hart, einfach. Ja, da hätte Berlin applaudiert!
Joggen ist wegen des kurzen Wegs zum schnellen Start überhaupt die perfekte Adhoc-Maßnahme gegen Adhoc-Stress. Und die BDNF-Proteine können nahezu in Echtzeit durchs Gehirn sprudeln.
Während die Beine von allein laufen, fließen Gedanken, docken gute Ideen für Krisenmanagement an, um nach der Kurzdusche direkt angegangen zu werden. Das ist effizient! Da kann Tennis nicht mithalten.
Hinfahren, umziehen, Bälle auspacken, Schlägerbespannung prüfen, warmspielen, du liebe Zeit, bis es endlich mal losgeht, hätte Berlin eigentlich schon wieder Strom haben sollen.
Wie? Was? Der Regierende joggt einfach nicht gern? Dann hätte er sich aufs Rad schwingen und einmal die Rieselfelder umrunden sollen. Fahrrad hat er auch nicht? Dann ist es höchste Zeit. Und vielleicht reicht die Zeit ja noch, um das zu ändern und nachzuholen.
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