Bahnrad-WM in Berlin : Wie sich der Radsport verändert hat

Robert Bartko hat auf der Bahn alles gewonnen. Die aktuelle WM verfolgt er als interessierter Beobachter - und sieht gravierende Unterschiede zu früher.

Michael Wiedersich
Gewinner-Typ: Robert Bartko bei den Weltmeisterschaften im Jahr 2005.
Gewinner-Typ: Robert Bartko bei den Weltmeisterschaften im Jahr 2005.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Heute fährt Robert Bartko kaum noch mit dem Rennrad. Doch früher war der gebürtige Potsdamer ziemlich schnell auf den schmalen Reifen unterwegs. Sogar so schnell, dass er zwischen 1998 und 2007 zu den weltbesten Verfolgern auf der Bahn gehörte. Seine Titelsammlung kann sich sehen lassen: Doppel-Olympiasieger von Sydney 2000 in der Einerverfolgung und mit dem Bahnvierer, dreimal Weltmeister in der Einerverfolgung und einmal Weltmeister mit den Bahnvierer.

Dazu holte er noch zahlreiche weitere Medaillen, nationale Meisterschaften und gewann 21 Sechstagerennen. An Bartko kam damals kaum einer vorbei. Vor über 20 Jahren, bei der Bahn-WM in Berlin 1999, ging sein Stern als 23-Jähriger auf. „Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Atmosphäre im Berliner Velodrom. Die Halle war jeden Abend ausverkauft, die Stimmung war super und dann noch zuhause, was wollte man mehr?“, schwärmt Bartko noch heute von seinem Heimspiel an der Landsberger Allee.

Einen wie Bartko könnte das deutsche Team bei der heute beginnenden Bahn-WM im Velodrom sicher gut gebrauchen, denkt man. Doch die Zeiten haben sich im wahrsten Sinne des Wortes geändert. Bei seinem Titelgewinn 1999 in Berlin fuhr Bartko die 4000 Meter in 4:18,18 Minuten. Seit dem letzten Jahr steht der Deutsche Rekord bei 4:09,091 Minuten. Aufgestellt hat ihn Domenic Weinstein. Der Bad Dürrheimer wurde damit in Polen Vize-Weltmeister und gehört in Berlin nach überstandenen Knieproblemen zum erweiterten Favoritenkreis.

„Das ist eine ganz normale Entwicklung“, lautet die nüchterne Analyse von Bartko. „Alles hat sich weiter verbessert. Die Bekleidung und das Material sind aerodynamischer, die Trainingsmethodik ist noch spezifischer geworden.“ Mit einher ging dabei auch die Wahl der größeren Übersetzungen an den Rädern. „Wir waren damals vielleicht etwas mutiger gewesen als andere, was die schweren Gänge anging. Aber das ist kein Vergleich zu dem, was heute getreten wird.“ Er sieht dabei Parallelen zur Entwicklung vom Olympiasieg Gregor Brauns 1976 in Montreal zu seinem WM-Titel 1999: „Der Unterschied von Braun zu mir war ähnlich wie der von mir zu heute“.

Als Rad-Profi hat er alles erlebt

Ansonsten hält sich Bartko in Bewertungen der aktuellen Situation im Bahnradsport zurück. „Dafür bin ich einfach zu lange raus aus dem Bereich.“ Als Rad-Profi hat er alles erlebt und fuhr dabei nicht nur auf den Radrennbahnen der Welt im Kreis herum. Beim Team Telekom und der niederländischen Mannschaft Rabobank war er zwischen 2001 und 2004 in den Straßen-Klassikern hauptsächlich Helfer seiner Kapitäne.

Anschließend folgte die Rückkehr auf das Lattenoval und zurück in die Weltspitze der Einerverfolgung. Mit dem Sieg beim Kopenhagener Sechstagerennen 2014 beendet er seine Profi-Karriere und zog gleichzeitig einen Schlussstrich unter dem Radsport. „Ich hätte mir früher ein Leben ohne Radsport nicht vorstellen können, aber es fühlt sich nach wie vor okay an“.

Er schloss ein Studium in Sportmanagement ab und wurde Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft. Nach den Olympischen Winterspielen 2018 beendete er dort seine Tätigkeit. Seit dem letzten Jahr ist er beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für die Verbandsberatung und Sportförderung zuständig.

„Der Sport ist weiterhin Mittelpunkt in meinem Leben, aber die Perspektive hat sich geändert. Ich habe nun einen Überblick über den gesamten Sport und lerne jeden Tag etwas dazu“, so Bartko, zu dessen Aufgaben auch die Umsetzung der Leistungssport-Reform und Beratung der Spitzenverbände zählen.

So ganz vom Radsport hat sich Bartko aber wohl doch noch nicht verabschiedet. Bei den Berliner Sixdays ist er gern gesehener Gast und auch bei der Bahn-WM will er vorbeischauen. Zuhause in Jütchendorf südlich von Berlin, wartet ein fahrbereites Rennrad auf den inzwischen 44-Jährigen. „Und ich habe mir vor kurzem noch eine frische Rad-Montur zugelegt.“ Vielleicht sieht man ihn demnächst dann doch mal wieder auf dem Rennrad.

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