Biathlon : Michael Rösch genießt in Ruhpolding sein letztes Hoch

Der 35 Jahre alte Biathlet Michael Rösch hört in Ruhpolding auf. Dass der Sachse dies im belgischen Trikot tut, sagt viel über seine Karriere.

Und Schluss. Michael Rösch bestreitet am Donnerstag sein letztes Einzelrennen.
Und Schluss. Michael Rösch bestreitet am Donnerstag sein letztes Einzelrennen.Foto: AFP

Sogar all die Schneemassen, die derzeit in Ruhpolding liegen, wecken bei Michael Rösch Erinnerungen an 2006. An jene Tage vor 13 Jahren, als so vieles dafür sprach, dass ihm eine überragende Biathlon-Karriere bevorstehen würde. „Damals lag hier auch so viel Schnee und ich bin mit meinem Teamkollegen Alexander Wolf durch den Tiefschnee gesprungen“, sagt Rösch. 2006 gewann er in Ruhpolding sein erstes Einzel-Weltcuprennen. Es folgten viele Höhen und viele Tiefen – und wenn an diesem Donnerstag der Sprint der Männer (11 Uhr/ARD) stattfindet, wird Rösch sein letztes Einzelrennen bestreiten. Am Freitag startet er dann noch einmal in der Staffel.

„Der Gedanke an den Leistungssport ist ab Freitag vorbei“, sagt Rösch. Seinen Rückzug hatte er am vergangenen Samstag in Oberhof verkündet. Er werde im März zum ersten Mal Vater. Das sei für ihn der Hauptgrund, seine große Liebe Biathlon zu verlassen. Dass nach dem Abgang einer Lawine in der Nähe von Ruhpolding der Sprint von Mittwoch auf Donnerstag verschoben wurde nimmt Rösch gelassen. „Meine Galgenfrist hat sich also noch einmal verlängert“, sagt er und lacht.

Rösch bedeutet ein sechster Platz mehr als Olympia-Gold

Allein, dass der 35 Jahre alte Sachse aus Altenberg seine Karriere allerdings im Trikot Belgiens beenden wird, zeigt, wie turbulent sie verlaufen ist. Nach seinem Sieg 2006 in Ruhpolding gewann er kurz darauf mit der deutschen Staffel bei den Olympischen Winterspielen in Turin die Goldmedaille. Und er galt endgültig als die nächste große Nummer im deutschen Biathlon. Doch mit dem Deutschen Ski-Verband (DSV), für den in Ruhpolding Arnd Peiffer, Benedikt Doll, Philipp Horn, Johannes Kühn, Philipp Nawrath und Roman Rees starten, machte Rösch in der Folge keine guten Erfahrungen. „Bis 2010 lief es noch gut, dann begann die Kacke“, erzählt er.

Zunächst waren seine Leistungen nicht einmal mehr gut genug für den zweitklassigen IBU-Cup. Als Rösch sich dann 2012 wieder zurückgekämpft und für die WM qualifiziert hatte, wurde er vom DSV ausgemustert. Davon erfuhr er über das Internet. Das traf ihn so sehr, dass er sich in immer weitere Streitigkeiten mit dem DSV verwickelte. Schließlich entschloss er sich für einen Nationenwechsel und beantragte die belgische Staatsbürgerschaft, auch wenn Belgien im Biathlon eher ein Entwicklungsland ist.

Doch das Prozedere zog sich bis zum Januar 2014 hin. „Diese Zeit war die Hölle für mich. Ich war ausgebrannt und fertig“, sagt Rösch. Um sein Sportlerleben zu finanzieren, verkaufte er sogar sein Haus und zog zwischenzeitlich wieder bei den Eltern ein. „Es waren nicht alles Glanzleistungen von mir, aber das hat mich stärker gemacht“, sagt Rösch. „Ich habe so viele Emotionen aufgebaut, das hat mir enorm geholfen und hilft mir immer noch.“ Er kämpfte sich zurück in den Weltcup, schaffte es 2016 in Pokljuka auf den sechsten Platz: „Das ist für mich ein größerer Erfolg als die Goldmedaille bei Olympia. Da steckte viel mehr drin nach all den Rückschlägen.“

Im vergangenen Jahr nahm Rösch sogar zum zweiten Mal an Olympia teil. Dank einer Crowdfunding-Aktion erhielt er rund 24 000 Euro an Spenden und konnte sich so den Aufenthalt in Pyeongchang leisten. Platz 23 bei der Verfolgung war dort sein bestes Ergebnis. Danach war er im Weltcup ebenfalls nur noch auf den hinteren Rängen zu finden.

Auch deshalb hört er nun auf. Von März an werde er sich erst einmal eine zwei- bis dreimonatige Auszeit gönnen, um dann ganz für sein Kind und seine Freundin da zu sein, sagt Rösch. Danach kann er sich vorstellen, als Trainer oder TV-Experte zu arbeiten: „Denn ganz ohne Biathlon kann ich nicht sein.“

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