Comeback nach langer Verletzungspause : Severin Freund ist auf dem Sprung

Severin Freund war Weltmeister, Olympia- und Weltcupsieger. Dann fiel er lange verletzt aus. Nun hat sich der Skispringer zurückgekämpft.

Erik Otto
Wieder da: Severin Freund kehrte in Rasnov zurück.
Wieder da: Severin Freund kehrte in Rasnov zurück.Foto: Urs Flueeler/dpa

Severin Freund hat in seiner Skisprung-Karriere wirklich schon fast alles erlebt. Rasnov, eine 15 000 Einwohner-Stadt in Rumänien, ist jedoch auch für den einst erfolgsverwöhnten Flieger neues Terrain. „Das ist eine Station, auf der ich noch nie war“, sagte er vor dem Weltcup: „Das wird sicher extrem spannend und aufregend.“

Diese Einschätzung hat allerdings nichts damit zu tun, dass hier in Transsilvanien Graf Dracula der Legende nach daheim gewesen sein soll. Vielmehr hat der große Severin Freund hier bei den beiden Normalschanzenspringen in der Skisprung-Provinz am Freitag und Samstag ein Comeback gestartet. Im Alter von bald 32 Jahren sein vielleicht letzter Versuch, wieder in der Weltspitze Fuß zu fassen. Die Ergebnisse waren allerdings eher ausbaufähig, am Freitag wurde er 32., am Sonntag sprang er auf Platz 29 – Stefan Kraft aus Österreich gewann. Der Allgäuer Karl Geiger, Sieger am Vortag, wurde immerhin Zweiter.

In Rasnov kehrte Severin Freund zurück

Fast 14 Monate sind seit dem letzten Weltcup-Auftritt des Bayern Freund beim Neujahrsspringen 2019 vergangen. Vor großer Kulisse in Garmisch-Partenkirchen landete Severin Freund damals beim bekanntesten, alljährlichen Skisprung-Event der Welt nur auf Platz 41 und flog wegen Formschwäche anschließend aus dem deutschen Team.

In der siebenbürgischen Provinzstadt Rasnov, die von den deutschsprachigen Einwohnern Rosenau genannt wird, ist er nun zurückgekehrt. Mehr als ein Platz im Mittelfeld durfte man für den 32. der Qualifikation vom Donnerstag nicht erwarten – dennoch ist das für den Siegertypen von einst nach langer Leidenszeit einer der größten Erfolge seiner wechselvollen Karriere.

„Ich freue mich einfach wahnsinnig, wieder beim Team dabei zu sein. Seit dem letzten Wettkampf ist so viel Zeit vergangen“, erzählt er. In dieser neuerlichen Zwangspause musste er sich im Februar 2019 – zeitgleich mit der Eröffnung der Nordischen Ski-WM, bei der sein Teamkollege Markus Eisenbichler dreimal Gold gewann – erneut am Knie operieren lassen. Als er sich dann nach einer langen Vorbereitung wieder ans deutsche Skisprung-Team herangekämpft hatte, zwickte der Rücken.

Auf der Bank: Severin Freund war lange nicht auf der Schanze.
Auf der Bank: Severin Freund war lange nicht auf der Schanze.Foto: Daniel Karmann/dpa

Ende November war erneut eine Operation notwendig. Nun hat es Severin Freund wieder einmal geschafft. Nach einer starken letzten Trainingseinheit in Planica berief ihn Bundestrainer Stefan Horngacher überraschend ins Weltcup-Team. Das Risiko eines missglückten Comebacks oder gar einer neuerlichen Verletzung von Freund erschien dem Chefcoach auf der kleinsten Schanze im gesamten Weltcup-Kalender vergleichsweise gering.

Außerdem wollte Horngacher ein Signal aussenden, dass er dem Routinier Severin Freund auch in Zukunft eine faire Chance in einem starken Team geben wird: „Es wird sicher noch eine Zeit dauern, bis er ein gewisses Level hat. Aber obwohl Severin in den jüngsten Jahren so viele Verletzungen gehabt hat, kämpft er immer weiter. Und er ist definitiv einer der besten Skispringer der Welt.“

Severin Freunds letzter Sieg ist lange her

Es ist allerdings schon eine ganze Weile her, dass der Olympiasieger von 2014, dreimalige Weltmeister und Gesamtweltcupsieger das zeigen konnte. Den letzten seiner 22 Weltcup-Siege feierte Severin Freund am 26. November 2016 im finnischen Kuusamo. Damals hatte er sich nach einer Hüftoperation, die nach einer beim Vierschanzentourneespringen in Innsbruck erlittenen Verletzung nötig wurde, gerade wieder herangekämpft.

Doch seine Leidenszeit hatte gerade erst begonnen: Freund erlitt danach zwei Kreuzbandrisse in Folge, verpasste die Olympischen Winterspiele 2018 und musste insgesamt fast zwei Jahre aussetzen. Es folgte ein kurzes Comeback und die neuerliche 14-monatige Pause bis zur Rückkehr nun in Rasnov.

Da fliegt er: Severin Freund in seinem Element.
Da fliegt er: Severin Freund in seinem Element.Foto: Alexandra Wey/dpa

Andere hätten längst aufgegeben, doch Severin Freund hat einfach immer weitergemacht. Das liegt ganz sicher daran, dass sich der intelligente Mann in seinem Flieger-Leben schon immer alles hart erkämpfen musste. Den großen Durchbruch schaffte Freund erst vergleichsweise spät mit 25 nach dem Team-Olympiasieg 2014. Und er möchte einfach nicht als einer abtreten, dem Verletzungen das Ende seiner Karriere aufgezwungen haben. „Ich spüre, dass da noch etwas auf mich wartet und bin immer noch hungrig auf Skispringen“, hat er einmal gesagt.

Die Skiflug-WM dürfte für Severin Freund noch zu früh kommen

Die ursprünglich einmal angepeilte Skiflug-WM im März in Planica, dürfte für Severin Freund noch zu früh kommen. Aber spätestens bei der Heim-Weltmeisterschaft im nächsten Winter in Oberstdorf möchte er „konkurrenzfähig auf dem Balken sitzen“. Den Respekt der gesamten Skisprung-Szene und insbesondere seiner Teamkollegen hat der Kämpfer in jedem Fall sicher.

Sportlich sind in den letzten Wintern der derzeit verletzte Olympiasieger Andreas Wellinger, der dreimalige Weltmeister Markus Eisenbichler und speziell in den jüngsten Wochen der neue deutsche Vorflieger Karl Geiger für ihn in die Bresche gesprungen, mit seinem Sieg am Sonnabend in Rasnov nun noch mehr.

Im Teamgefüge steht Severin Freund wegen seiner Erfahrung und menschlichen Kompetenz trotzdem gleich wieder mit ganz oben. Und falls es mit dem Comeback des Bachelors für Internationales Management nicht so richtig funktioniert, wird das Leben für Severin Freund auch gut weitergehen. Er ist mit seiner langjährigen Freundin Caren verheiratet und vor fast eineinhalb Jahren Vater geworden. Direkt nach der Geburt hatte Severin Freund ein Foto einer kleinen Hand seiner Tochter gepostet. Mit dem Hashtag „Was wirklich zählt“.

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