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Für den verwandelten Matchball ließ Timothée Carle sich von den Fans feiern.
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Zum zwölften Meistertitel der BR Volleys: Der deutsche Volleyball hat endlich eine eigene Community

Erst verlieren die Volleys die Meisterschaft aus den Augen, dann reißen sie das Ruder noch herum. Aber nicht nur sie erreichen ihr großes Ziel. Ein Kommentar.

Es waren emotionale Bilder: Kaum war der entscheidende Matchball verwandelt, stürmte Kapitän Sergej Grankin ins Publikum, hielt Ausschau nach seiner Frau und küsste sie inmitten der Fans. Auch Trainer Cédric Énard lief unmittelbar nach der Siegerehrung zu seiner Familie und schloss seine Töchter in die Arme.

Der Rest der Mannschaft behängte sich währenddessen mit selbstgebastelten Bonbon-Ketten, trank Bier aus Turnschuhen und begoss Geschäftsführer Kaweh Niroomand mit einem extragroßen Bierglas. Von Benjamin Patch und Grankin gab es sogar zwei dicke Schmatzer auf jede Wange, die Niroomand noch breiter strahlen ließen als er es nach dem Sieg der Meisterschaft ohnehin schon tat.

Gerade so haben die Volleys am Samstagabend noch einmal die Kurve bekommen: Nachdem sie zwei Spiele gegen den VfB abgeben mussten, konnten sie die Finalserie als erste Mannschaft in der Geschichte des Deutschen Volleyballs doch noch drehen. Das plötzliche Schwächeln überraschte ein wenig, schließlich hatte sie sich zuvor noch gegen europäische Spitzenteams wie St. Petersburg behauptet.

Aber genau darin lag auch das Problem: Die Champions-League wurde übersteuert, weil die Volleys dort plötzlich eine reelle Chance auf das Halbfinale hatten, und die Meisterschaft dabei ein wenig aus den Augen verloren.

Am Ende reichte es dennoch für den Titel und nun blickt der Verein auf eine erfolgreiche Saison zurück, deren Höhepunkt er zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie wieder vor ausverkauften Zuschauerrängen feiern durfte.

Starker Kader

Sowohl in der Bundesliga als auch in der Königsklasse steigerten die Volleys sich erheblich, was maßgeblich dem überragenden Kader und der Erfahrung von Spielern wie Grankin und Patch zu verdanken war. Einen ziemlichen Dämpfer erfuhr das Team, als es ausgerechnet im Pokal-Halbfinale die erste Niederlage einstecken musste und ausschied.

Dass die Volleys zusätzlich nicht das Champions League-Halbfinale erreichten, minderte die Motivation und Spielfreude vieler Führungsspieler. Und so war es vor allem den Spielern aus der zweiten Reihe und deren Kampfgeist zu verdanken, dass sie die Finalserie gegen den VfB doch noch drehten und sich zum Meister kürten.

Der Titel wurde plötzlich nicht mehr als Selbstverständlichkeit gewertet, sondern als echter Erfolg und erstrebenswertes Ziel.

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Die Volleys bejubeln den zwölften Sieg der Deutschen Meisterschaft.
Die Volleys bejubeln den zwölften Sieg der Deutschen Meisterschaft.
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Ein Erfolg für die gesamte Liga

Aber nicht nur die Volleys haben in dieser Saison ihr Ziel erreicht, sondern die gesamte Liga, der es erstmals gelungen ist, eine eigene Community aufzubauen. Seit Oktober werden alle Spiele über den Kanal "Spontent" auf Twitch übertragen – die wohl beste Entscheidung, die die Liga hätte treffen können.

Zugegeben: Am Anfang überwog die Skepsis an dem neuen Format, das scheinbar mehr Wert auf das Privatleben der Spieler legte als auf die Spielanalysen. Aber die neue Herangehensweise hat sich bewährt, während der Playoff-Spiele schalteten mehr als 16.000 Menschen ein, von denen einige zuvor noch nie ein Spiel geschaut hatten und nun sogar eher Feierabend machten, um die Matches zu verfolgen.

Das Format überzeugt, weil es nicht nur Volleyball-Nerds einbezieht, sondern auch jene, die im Chat vermeintlich offensichtliche Fragen („Wieso trägt der eine Spieler ein anderes Trikot?“ Antwort: „Weil das der Libero ist“) stellen können. Dieser Spagat gelingt durch zusätzliche Videoformate, in denen einerseits die Spieler aus dem Nähkästchen plaudern und andererseits die sportlichen Highlights der Woche gekürt werden.

Die neue Plattform dürfte nicht nur den Altersdurchschnitt der Fans gesenkt, sondern außerdem eine einzigartige Nähe zwischen Liga und Fans hergestellt haben. Diese Nähe war auch beim großen Finalspiel zu beobachten, als Volleys-Spieler Georg Klein verkündete: „Die Sponsoren sind wichtig. Aber am allerwichtigsten sind unsere Fans, ohne die wir das nicht geschafft hätten.“

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