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Eisschnelllauf bei Olympia : Claudia Pechstein will bis 2022 weitermachen

Claudia Pechstein verfehlt die angepeilte Medaille deutlich und zerreißt nach dem Rennen das Formular zum Dopingtest. Sie will aber noch vier Jahre weitermachen.

Claus Vetter
Foto: dpa

Kurz nachdem Claudia Pechstein das Eis verlassen hatte, war sie noch nicht in der Lage, Contenance zu bewahren. Als die Doping-Kontrolleure auftauchten, verlor sie die Fassung. Pechstein zerriss das Formular für den Dopingtest. „Das kann doch nicht wahr sein. In diesem Moment mit dem Formular zu winken“, sagte sie, die beim Thema Doping sensibilisiert ist, nachdem sie für zwei Jahre gesperrt worden ist, sich aber vom Vorwurf des Blutdopings rehabilitieren konnte. Später holte Pechstein die Dopingprobe nach, entspannter.

Unmittelbar vor der Geschichte mit dem Formular hatte sie auf dem olympischen Eis von Gangneung eine unerwartet klare Niederlage erlitten: Pechstein war losgerast, sie war schnell. Aber sie war anfangs zu schnell, wurde langsamer – und wurde zu langsam. Das Ende war bitter. Wie lange hatte sie auf diesen einen olympischen Moment hingearbeitet, auf ihn hingefiebert und über ihren möglicherweise magisch großen Auftritt in Südkorea gesprochen. Ihre zehnte Medaille bei Olympischen Spielen wollte die Berlinerin holen, mit fast 46 Jahren. Doch dann wurde es am Freitag am Ende – nichts. Pechstein beendete das Rennen über 5000 Meter auf Platz acht.
War das das traurige Finale der größten Eisschnellläuferin aller Zeiten?

Pechstein versuchte das herunter zu spielen. „Ich habe gut angefangen. Ich kann nicht sagen, warum ich das Tempo nicht halten konnte. Siegen oder sterben hieß es für mich, heute war ich eher am Sterben.“ Die Berlinerin wirkte sehr gefasst, als sie das von sich gab. Der Disput mit den Kontrolleuren schien da schon vergessen zu sein. Ihr Mentaltrainer und Lebensgefährte Matthias Große stand neben ihr in den Katakomben der Arena. Doch es dauerte eine knappe Stunde, ehe sie sich nach dem Rennen überhaupt öffentlich äußern wollte.

Olympia, das ist eben ein K.o-Spiel. Ein Sieg im Weltcup, dieser war Pechstein zuletzt im November 2017 gelungen, ist da kein Maßstab. In den Sportarten, in denen es Play-offs gibt, können schwache Teams auch mal in der Vorrunde stärkere Gegner schlagen. Aber in der Vorrunde eben. Freitag wurde es für Pechstein allerdings ernst. Da ging es um alles. Und die Berlinerin hatte absolut keine Chance.

Bleibt ihr ein Happy End verwehrt?

Pechstein und ihre Laufpartnerin Ivanie Blondin rannten los, als wollten sie ganz früh Feierabend machen. Aber das war viel zu schnell, auch für die Kanadierin, die später nur Fünfte wurde. Fünf Runden vor Schluss wurde die Deutsche immer langsamer. Pechstein schien sich über das Eis zu schleppen. Sie wusste längst, dass nichts mehr ging. Die Erschöpfung war ihr anzusehen. Sie hatte es all ihren Kritikern zeigen wollen und dann so etwas: Schon einige Meter vor der Ziellinie ließ sie die Arme hängen und hörte auf zu laufen. Später lege sie sich erschöpft auf eine der Banden.

Achte von zwölf Starterinnen zu werden, das ist an sich ein gutes Ergebnis. Aber für eine Pechstein mit der Vorgeschichte und bei der siebten Olympiateilnahme war es natürlich eine krachende Niederlage. Esmee Visser siegte in der Zeit von 6:50,23 Minuten vor Martina Sablikova (Tschechien) und der Russin Natalia Woronin. Pechstein kam mit 15,2 Sekunden Rückstand auf die Siegerin ins Ziel. Eine Ewigkeit über die 5000 Meter.

Das Eisoval von Gangneung ist sicher eine der architektonisch gelungeneren Wettkampfstätten bei diesen Spielen. Die Arena fasst 8000 Zuschauer, am Freitag war das Stadion gut gefüllt, ausverkauft war es nicht – wie so oft bei diesen Olympischen Spielen. In jedem Fall war es keine gute Kulisse für den Auftritt von Claudia Pechstein. Aber das soll es ja noch nicht gewesen sein für die Berlinerin.

Wie vor vier Jahren in Sotschi, dort schrammte sie knapp an den Medaillenplätzen vorbei, hatte Pechstein noch eine Überraschung parat. Oder war es keine? Sie sagte: „Dann muss es nächstes Mal halt Gold werden.“ In vier Jahren, bei den Olympischen Spielen von Peking 2022 wohlgemerkt. Dann ist Pechstein fast 50. Sie findet: „Wenn ich dann noch gesund bin und mich qualifiziere, wird das kein Problem.“

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Pechstein hat sich von einer olympischen Medaille in einem Einzelrennen also noch nicht verabschiedet. Sie wartet noch. Aber worauf? Angesichts ihres Alters kann man befürchten, dass es kein Happy End mehr geben wird in der Sportlerkarriere der Claudia Pechstein.

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