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Michael Groß kann sich ein Engagement beim DSV vorstellen - unter gewissen Bedingungen.
© dpa

Michael Groß über das Schwimmen in Deutschland: „Es muss akut gehandelt werden und ich möchte helfen“

Im deutschen Schwimmsport herrscht Chaos. Olympiasieger Michael Groß will helfen. Aber will sich auch der DSV helfen lassen? Ein Interview.

Michael Groß, 56, gewann dreimal Olympisches Gold im Schwimmen. Er war viermal deutscher Sportler des Jahres und ist Mitglied in der Hall of Fame des deutschen Sports.

Herr Groß, Athleten und Trainer des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) haben, zuletzt in einem offenen Brief, wiederholt vom Verband gefordert, Sie als Leistungssportdirektor zu engagieren. Bisher ist nichts passiert. Wie lange wollen Sie noch warten?
Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass ich mit diesem Brief nichts zu tun hatte. Ich erwarte aber, dass es vor der nächsten Präsidiumssitzung am Freitag zu einem Gespräch mit mir über meine Person und mögliche Aufgabenfelder im Verband kommt.

Warum ist das nicht schon längst geschehen? Am vergangenen Wochenende fanden die Olympia-Qualifikationswettkämpfe statt und in etwas mehr als drei Monaten beginnen die Sommerspiele in Tokio.
Diese Frage müssen Sie nicht mir stellen, sondern den Verantwortlichen im DSV. Es hat ja schon vor zwei Wochen intensive Gespräche zwischen mir und dem DSV gegeben.

Offenbar wenig konkrete.
Nun ja, ich habe damals deutlich gemacht, welche Aufgabenfelder ich sehe. Und das ist nicht nur das Abschneiden bei Olympia. Es geht vor allem um den Wiederaufbau des Leistungssports im Schwimmen nach der Corona-Pandemie. Hallen- und Freizeitbäder waren flächendeckend geschlossen, eine ganze Schwimm-Generation könnten wir verlieren. Schwimmen muss man im Gegensatz zum Laufen oder Springen lernen, das kann man nicht einfach so machen. Und wenn es keine Becken dafür gibt, dann hat man ein Problem. Daher gibt es nun viel zu tun.

Aber Sie interessieren sich auch immer noch für die Besten, oder?
Natürlich. Aber da mache ich mir beim Deutschen Schwimm-Verband keine Sorgen. Das Niveau ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das sieht man nicht nur an Top-Schwimmer wie Florian Wellbrock oder Sarah Köhler, sondern auch an den Leuten dahinter. Das alles hat damit zu tun, dass der DSV auf einem guten hauptamtlichen Fundament aufbaut.

Das lässt sich über das ehrenamtliche Personal wie DSV-Präsident Marco Troll nicht sagen. Im Verband herrscht Chaos. Leute werden gefeuert, angeheuert, wieder gefeuert und nun steht man ohne Sportdirektor da.
Ich kenne solche negativen Eigendynamiken aus Unternehmensprozessen. Diese können durch Ungeschicklichkeiten an der Spitze entstehen und schnell sind dann die Besten als Erste weg, weil sie sich fragen, warum sie sich das antun.

Gute Frage, warum wollen Sie sich das beim DSV antun?
Das ist rein aus der Sache heraus begründet. Ich sehe das deutsche Schwimmen durch die Corona-Situation in einer exzeptionellen Lage. Es muss akut gehandelt werden und ich möchte helfen. Ich will das natürlich nicht wegen, sondern trotz der chaotischen Situation im DSV tun.

DSV-Präsident Marco Troll ließ jüngst durchblicken, dass er gerne eine dauerhafte Lösung in der Position des Leistungssportdirektors hätte. Sie würden den Job aber nur interimsmäßig antreten wollen.
Letzteres ist richtig. Ich fände es im Übrigen ungewöhnlich, wenn der DSV seinen Schwimmern und Trainern nun auf die Schnelle einen festen Leistungssportdirektor vorsetzen würde, ohne das vorher mit dem Team abgestimmt zu haben. Zu modernen Unternehmensstrukturen gehört, seine Mitarbeiter einzubinden.

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Der DSV hat sich an der Spitze zuletzt eher dilettantisch denn modern präsentiert. Auch jetzt ist ja die Frage, ob ein Leistungssportdirektor so kurz vor Olympia überhaupt noch was bewirken kann.
Bis Olympia ist alles recht sportlich getaktet, das stimmt. Dennoch ist der Aufgabenbereich für einen Leistungssportdirektor machbar. Die Strukturen funktionieren, eben weil die Hauptamtlichen ihr Handwerk verstehen. Und das grobe Ziel für Olympia ist einfach: Wir wollen gesund nach Tokio fahren und wieder gesund nach Hause kommen. Und in Tokio möchten wir möglichst erfolgreich sein. Und es geht wie gesagt darum, den Wassersport im Leistungssportbereich nach Corona schnell wieder in die Gänge zu bekommen.

Typisch nicht nur für Sportverbände ist, dass sich bei einem Machtvakuum viele Akteure in die Entscheidungsprozesse drängen. Beim DSV könnte es sein, dass auch die Landesverbände stärkeren Einfluss ausüben wollen, auch auf einen Bereich, der dem Leistungssportdirektor zufällt.
Das könnte sein, ist aber Spekulation. Ich jedenfalls lasse mich nicht auf Deals ein und würde den Job auch nur dann antreten, wenn ich mein Aufgabenfeld so angehen kann, wie ich mir das vorstelle.

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