Fußball-EM nicht anerkannter Staaten : Der kleine Traum im Kaukasus

In Bergkarabach beginnt am Samstag die Fußball-Europameisterschaft der nicht anerkannten Staaten und Regionen. Politisch ist das durchaus heikel.

Marco Zschieck
Überall rollt der Ball. Im Stadion des Städtchens Schuschi in Bergkarabach kicken Kinder unterhalb der Ghasantschezoz-Kathedrale.
Überall rollt der Ball. Im Stadion des Städtchens Schuschi in Bergkarabach kicken Kinder unterhalb der Ghasantschezoz-Kathedrale.Foto: Zuma Press/Imago

Das Grün des Rasens ist so satt wie das Grün an den Berghängen der Umgebung. Im Stadion von Stepanakert, der Hauptstadt von Bergkarabach, trainiert gerade die D-Jugend des lokalen Fußballklubs Lernayin Artsakh. Passübungen, Torschüsse, zum Schluss ein Trainingsspielchen. „Das ist unsere Zukunft“, sagt Slava Gabrielyan. Er trainiert die Männermannschaft und schaut von der überdachten Haupttribüne aus zu.

Doch auch die Gegenwart ist für den Fußball in der Region äußerst spannend. Von diesem Samstag an wird dort die Europameisterschaft der nicht anerkannten Staaten ausgetragen (Livestream auf mycujoo.tv). Mit dabei sind unter anderem Sardinien, die Grafschaft Nizza sowie Abchasien und Südossetien. Ausrichter ist die Conifa – ein Verband, der nach eigener Darstellung nationalen Minderheiten und Gebieten mit unklarem Status ermöglichen will, an Fußballwettkämpfen teilzunehmen. Gabrielyan soll dann die Auswahl von Karabach trainieren. „Dieses Turnier ist für uns ein kleiner Traum“, sagt der 61-Jährige.

Auf der Gegengeraden des Stadions leuchten die Farben der Schalensitze: Rot, Blau und Aprikot – wie in der armenischen Flagge. Außerdem zieht sich ein weißer Winkel durch die Farbstreifen. Zusammen ergibt sich daraus die Flagge von Bergkarabach. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre wurde über die Region oft in Deutschland berichtet. Während des Zerfalls der Sowjetunion lieferten sich Aserbaidschan und Armenien einen Krieg um die Bergregion. Mehr als 20 000 Menschen sollen dabei gestorben sein. Hunderttausende flüchteten. Armenier aus Aserbaidschan, Aseris aus Armenien.

Militärisch setzte sich 1993 das kleinere Armenien durch und besetzte auch eine sogenannte Sicherheitszone um das eigentliche Karabach. Seitdem gibt es einen brüchigen Waffenstillstand und immer wieder Tote an der Demarkationslinie. Bergkarabach hatte sich 1991 formal für unabhängig erklärt, anerkannt ist das nur von Armenien. Völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbaidschan. Auch der Fußballverband gehört nicht zur Fifa, weshalb die Teams nicht an offiziellen Wettbewerben teilnehmen können.

3000 bis 4000 ausländische Gäste erwartet

Für die Region mit nur rund 150 000 Einwohnern ist das EM-Turnier der Conifa eine Chance. Die Stadien in Stepanakert, Askeran, Martakert und Martuni haben jeweils eine Kapazität von 6000 Plätzen. Die Organisatoren erwarten vor allem einheimisches Publikum. Das Außenministerium rechnet mit 3000 bis 4000 ausländischen Gästen – allerdings sind Besucher aus dem armenischen Mutterland schon mitgezählt. Bergkarabach erhofft sich einen Impuls für den Tourismus und internationale Aufmerksamkeit: Es will sich als gastfreundliches und offenes Land präsentieren.

Touristenvisa werden gebührenfrei an der Grenze ausgestellt. Die Anreise ist allerdings etwas umständlich: Karabach ist nur über zwei Straßen durch die Berge des kleinen Kaukasus mit Armenien verbunden. Bestenfalls dauert die Fahrt auf den kurvigen Straßen rund sechs Stunden aus der rund 320 Kilometer entfernten armenischen Hauptstadt Jerewan. Dort befindet sich der nächstgelegene internationale Flughafen.

In Stepanakert gibt es es zwar auch seit 2011 einen Flughafen. Verkehrsmaschinen sind dort allerdings noch nie gelandet. Die Einflugschneise verlaufe in Reichweite der Flugabwehr Aserbaidschans. In der Vergangenheit habe es Drohungen gegeben, Flugzeuge abzuschießen. Das erzählen die beiden Lotsen im Tower, die seit Jahren Schach spielen – und auf einen der seltenen Hubschrauberflüge warten.

Europameisterschaft ist nicht unumstritten

Doch unumstritten ist das Turnier nicht. Die Botschaft Aserbaidschans in Berlin hatte sich schon nach der Vergabe bei der Conifa beschwert, sagt dessen Generalsekretär Sascha Düerkop. Politisch heikel ist auch, dass Teams der von Russland in der Ostukraine geschaffenen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk zu den zwölf Teilnehmern zählen. Dies sei ein weiterer Versuch, diese Strukturen zu legitimieren, kritisiert das ukrainische Außenministerium.

Gabrielyan ficht all das nicht an. Er sieht durchaus Chancen, dass Bergkarabach um den Turniersieg mitspielen kann. Die meisten Spieler haben zwar noch nie gegen Mannschaften außerhalb der Region gespielt. Aber andere haben mit Bergkarabach schon an früheren Conifa-Turnieren teilgenommen. Außerdem dürfe man eines nicht unterschätzen: den Heimvorteil. „Für uns“, sagt er, „ist es das Größte, vor unseren Fans zu spielen.“

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