• Fußball-WM 2018 in Russland: Mesut Özil hat es nicht leicht gegen Typen wie Mario Basler

Fußball-WM 2018 in Russland : Mesut Özil hat es nicht leicht gegen Typen wie Mario Basler

Immer dieselbe Diskussion um Mesut Özils Körpersprache. Jetzt mischen sich auch Mario Basler und sogar Oliver Pocher ein. Was müssen wir noch ertragen? Ein Kommentar.

Zwischen allen Linien: Mesut Özil.
Zwischen allen Linien: Mesut Özil.Foto: dpa/Christian Charisius

Mesut Özil hat mal gesagt, er lese nicht, was über ihn in der Zeitung steht, und das ist dieser Tage vermutlich eine gute Idee. Nach der berechtigten Kritik an seinem Treffen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist die Diskussion nun beim Özil-Klassikerthema „Körpersprache“ angekommen. Immer die hängenden Schultern, immer diese Kein-Bock-Haltung. So geht es, seit Özil professionell Fußball spielt. Dieses Mal hat Mario Basler, ehemals Drittplatzierter bei „Promi Big Brother“, die Diskussion gestartet. Am Montag saß er in der TV-Talkshow „Hart, aber fair“ und sagte, Özil habe eine Körpersprache wie ein toter Frosch. „Das ist jämmerlich.“

Einen Tag später erschien ein Video, in dem sich der angehende Dschungelcamp-Kandidat Oliver Pocher über Özil lustig macht. Pocher hat sich dafür Glupschaugen auf die echten Augen geklebt. Er versucht, besonders dümmlich auszusehen und zu sprechen. Man kann sich das Video nur unter körperlichen Schmerzen länger als zwei Sekunden anschauen. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis, dass sogar Mickie Krause oder Cindy aus Marzahn neben Pocher wie Feingeister der Unterhaltungsindustrie wirken.

Für Pocher und Basler ist es nicht das erste Mal, dass sie sich über Özil auslassen. Pocher macht die Glupschaugen-Show seit 2010, Basler nörgelte schon bei der EM 2016 an dem deutschen Nationalspieler herum. Nach dem 0:0 im Vorrundenspiel gegen Polen twitterte er: „Hätte ich die Ecken früher so geschossen wie der Özil, dann hätte ich mit 14 aufgehört.“

Im März gab Özil nach 141 Spielen für Arsenal seine 50. Torvorlage

Man könnte den ganzen Özil-Experten einfach ein paar Statistiken vorlegen. Ein Beispiel: Während der EM 2016 schrieb die „Sportbild“, er würde blass spielen. Später fand die Datenfirma „Impect“ heraus, dass es während des Turniers keinen Mittelfeldspieler gab, der sich mehr anbot und häufiger angespielt wurde als Özil. In England wird die Diskussion interessanterweise ganz anders geführt. Der TV-Sender „Sky“ nennt Özil etwa den kreativsten Spieler in der Geschichte der Premier League. Im März dieses Jahres gab er, nach 141 Spielen für Arsenal, seine 50. Torvorlage. So schnell war nie ein Spieler vor ihm, nicht Dennis Bergkamp, nicht Eric Cantona, nicht David Beckham.

Sein Förderer Norbert Elgert, der Özil in der Jugend des FC Schalke trainierte, ist die Diskussion lange leid. Er sagt: „Mesut war schon immer ein Spieler, der sich frei schleicht. Der sich zwischen den Linien anbietet, ohne dass seine Gegenspieler es mitbekommen.“ Außerdem sage ein Wert wie „Laufleistung“ bei Özil wenig aus. Es komme schließlich immer auf die Anzahl und Qualität der Sprints an. „Schauen Sie doch mal Messi an, der lässt auch die Schultern hängen und explodiert dann.“

Die Sache ist nur: Der deutsche Messi darf nicht so spielen wie der echte Messi. Denn der deutsche Messi ist den vielen deutschen Fans über all die Jahre ein Rätsel geblieben. Und jetzt erklärt er sich nicht mal. Er ist doch ein Profi!, sagen sie. Einer, der mehrere tausend Scheine in der Stunde macht! So einer muss doch die Brust so weit rausstrecken, dass es selbst ein XXL-Trikot zerreißen würde! So wie Ballack! So wie Effenberg! Das darf doch nicht wahr sein!

Es gibt Menschen wie Mesut Özil, die lieber schweigen

Am Ende hilft vielleicht einfach eine Binse: Menschen sind unterschiedlich. Es gibt Trainer, die nach Spielen aussehen, als hätten sie 90 Minuten im Backofen verbracht. Die an der Linie auf und ab wetzen wie Jürgen Klopp oder Christian Streich. Es gibt andere, die haben in ihrer gesamten Karriere gefühlt weniger als 100 Sätze gesprochen, so wie Manfred Kaltz oder Ernst Happel.

Es gibt Menschen wie Mario Basler, die bellen herum, als würden sie ständig am Tresen stehen. Und es gibt Menschen wie Mesut Özil, die lieber schweigen. Die wirken, als hätten sie Angst vor dem gesprochenen Wort. Die fast nach innen sprechen, wenn sie ein Mikrofon sehen. Als wären sie, wenn sie die ordnenden Linien des Fußballfeldes verlassen, orientierungslos. Vielleicht hat er deshalb in den vergangenen Jahren einen großen Beraterkreis um sich geschart. Wie ein großes Schutzschild.

Özil hat es gerade nicht leicht, und mit der Erdogan-Geschichte hat er sich die ganze Chose zum Teil auch selbst eingebrockt. Bei einem guten Spiel gegen Schweden am Samstag wird die Hysterie wieder abflauen. Bis dahin wärmen seine Kritiker noch ein paar Geschichten auf, die schon vor fünf Jahren überholt wirkten. Alfred Draxler, „Sportbild“-Chefredakteur, twitterte am Sonntag: „Bei Mexiko singen alle Spieler die Hymne mit! Bei uns nicht alle!“ Und Stefan Effenberg machte im „Doppelpass“ mit: „Wenn er zu Deutschland steht, dann muss er auch die Hymne mitsingen.“ Auch Oliver Pocher soll sich wieder geäußert haben. Was er sagte? Wissen wir nicht. Aber es war sicherlich das Falsche.

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