Gewalt, Sadismus, Hungerkuren : Wie Kinder im DDR-Sport gedrillt wurden

Eine Dokumentation widmet sich dem Schicksal gedrillter Kinderturnerinnen in der DDR. Die Opfer leiden bis heute.

Das Leiden danach. Dörte Thümmler, spätes Opfer des DDR-Sports.
Das Leiden danach. Dörte Thümmler, spätes Opfer des DDR-Sports.Foto: NDR

Unzählige kaputte Knochen und Gelenke – das sind die offensichtlichen Schäden, die Susann Scheller, Manuela Renk, Esther Nicklas und Dörte Thümmler aus ihrer Zeit im DDR-Leistungssport davongetragen haben. Viel mehr noch liegt unter der Oberfläche. Alle vier waren Gymnastinnen und Turnerinnen auf Weltniveau, schon als junge Mädchen. Bis heute haben sie mit den Folgen der Sportkarriere zu kämpfen.

Die vier Frauen stehen für viele Sportgeschädigte aus der DDR. Längst geht es bei der Aufarbeitung nicht mehr nur um Doping. Es geht auch um Gewalterfahrungen und Missbrauch. Viele Betroffene fassen erst jetzt den Mut, sich damit auseinanderzusetzen. Es sind vor allem Frauen der jüngeren Generationen, die die DDR in ihren letzten Zügen, aber mit voller Wucht noch erlebten. Davon handelt der Film „Der Kraftakt“, der am Dienstag im NDR-Fernsehen läuft.

Der Titel könnte nicht treffender sein. Ein Kraftakt ist der Film auch beim Zusehen. Szenen von damals aus Wettkämpfen und Training, kombiniert mit Interviews und einer Begegnung bei einem gemeinsamen Kochabend machen deutlich, was Alltag für die Mädchen damals hieß. Aber auch, was heute Alltag für die Frauen heißt, die aus ihnen geworden sind. Die Ästhetik der gezeigten Übungen steht in schmerzhaftem Kontrast zu den ausgezehrten Kindergesichtern und den Interviews heute.

Verlust des Kindseins

Es geht um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte und wie diese bis in die Gegenwart wirkt. Die Erinnerungen und Eingeständnisse kommen im Austausch erst zögerlich. Es geht um „Gewalt pur“ und Sadismus durch Vertrauenspersonen, aber auch um den Verlust des Kindseins. Nicht singen und nicht malen dürfen, nichts außer Sport. Nur funktionieren und sich dann nicht einmal freuen können über Medaillen, weil es selbst dann nicht genug war. Dazu kamen Gewichtskontrolle und Hungerkuren bei Zehnjährigen. Plätzchen backen in der Kindheit? „Wir hätten die Kekse sowieso nicht essen dürfen“, sagt Manuela Renk.

All das schildern die vier Frauen im Rückblick fast sachlich. Sie formulieren leise, aber schonungslos. Ohne Selbstmitleid oder zu laute Anklage gegen die Täter. Oder auch gegen die eigenen Eltern, die sie in das Sportsystem schickten und darin ließen, und mit denen sie teilweise heute noch nicht offen über die Folgen reden können. Vieles bleibt unausgesprochen und wird dadurch umso deutlicher.

Besonders intensiv ist der Film auch dadurch, dass er ganz ohne Kommentar auskommt. Die Wertung bleibt angesichts der Bilder von damals und der Interviews von heute dem Zuschauer überlassen. Filmautor André Keil bezeichnete die Arbeiten an dem Film als „emotionale Herausforderung“. Die Dreharbeiten dauerten länger als ein Jahr. Herausgekommen ist eine Dokumentation von knapp einer Stunde, die einen ehrlich betroffen zurücklässt. Auch, weil die Frage aufgeworfen wird: Ist all das in den Sportstrukturen von heute noch möglich? Der Film lässt nur eine Antwort zu. Sie lässt einen sehr nachdenklich zurück.
„Der Kraftakt", NDR, 0 Uhr in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch

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