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Grüner wird's nicht im Olympiastadion : Ein Herzrasen für das Derby Hertha gegen Union

Nach zwei Monaten ist mal wieder was los im Berliner Olympiastadion. Hertha spielt im Derby gegen Union. Ein Sieger steht schon vorher fest.

Leonard Brandbeck
Grüner wird's nicht im Olympiastadion. Schon gar nicht nach dem Derby.
Grüner wird's nicht im Olympiastadion. Schon gar nicht nach dem Derby.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Der Krisengewinner ist ein Zugezogener. Erst Anfang Januar ist er nach Berlin gekommen. Aus der österreichisch-slowakischen Grenzregion hat es ihn in jenen Ortsteil verschlagen, dessen Name schon vom westlichen Ende der Stadt kündet (Spandau zählt ja nicht). Einen schmucken Altbau hat er dort bezogen, sogar einen unter Denkmalschutz. Der Vormieter wurde dafür einfach rausgeschmissen. Etwa 130.000 Euro hat das gekostet. Und jetzt macht er sich dort auch noch auf gleich 8000 Quadratmetern breit. All das bringt die Mannschaft von Hertha BSC zum Rasen.

Genauer gesagt zum Rasen der Gattung Poa Pratensis, dem Wiesen-Rispengras, das seit Jahresbeginn als Spielfläche im Berliner Olympiastadion ausliegt. Im Januar sind die ungefähr 550 Segmente Rollrasen von etwa 1,20 Metern Breite und bis zu 14 Metern Länge in Westend eingetroffen und haben den vorherigen Grünteppich abgelöst, der – nicht als Einziger – stark unter Herthas Hinserie in der Bundesliga gelitten hatte. Mit dem neuen Geläuf sollte in der Rückrunde alles besser werden. Auch unter schwierigen Bedingungen. Bei Hertha wurde ja nicht nur der Rasen gewechselt.

Frank Neubauer, leitet die Technik-Abteilung des Olympiastadions und hört zuweilen sogar die Grashalme wachsen.
Frank Neubauer, leitet die Technik-Abteilung des Olympiastadions und hört zuweilen sogar die Grashalme wachsen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Aber es kam anders. Schon nach fünf Spielen war wieder Schluss. Immerhin eins mehr als Alexander Nouri. Das 2:2-Unentschieden gegen Werder Bremen Anfang März war für beide – Nouri und den Rasen – die bis dato letzte Partie in Herthas Diensten als Oberhaupt beziehungsweise Untergrund. Mit dem Unterschied, dass Nouri nach seiner Ablösung als Cheftrainer in der Spielpause durch Bruno Labbadia mittlerweile wohl eher als Krisenverlierer gelten muss, während der Rasen des Olympiastadions mehr als zwei Monate später eindeutig zu den Krisengewinnern gehört.

Den einen geht die Krise an die Existenz, den anderen ist sie eine willkommene Auszeit und Gelegenheit zur Kontemplation und Erholung. Für das Grün in Berlins größtem Stadion gilt eindeutig Letzteres. „Wir hatten viel Zeit zum Regenerieren“, sagt Frank Neubauer – und mit „wir“ meint er weniger die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Technik-Abteilung des Olympiastadions, die er mit seinem Kollegen Christian Kunter leitet, sondern die Grashalme im Innenraum der Arena. Denn die wurden auch während der Saisonunterbrechung weiterhin fein säuberlich gepflegt.

Und das hat sich offenbar gelohnt. „Wir haben den Rasen auf Topniveau gepäppelt“, sagt Neubauer und lässt seinen Blick sichtbar stolz über die makellose Grünfläche schweifen, die sich beim Ortstermin am Mittwochnachmittag nur wenige Schritte von ihm entfernt ausbreitet. „Wenn Sie eine Headline brauchen: Perfekter Rasen.“

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Etwas mehr als 48 Stunden sind es da nur noch bis zum ersten Bundesliga-Einsatz seit beinahe elf Wochen für das frisch frisierte Geläuf: Am Freitagabend (20.30 Uhr/Dazn) kommt dann ja sogar der 1. FC Union zum Stadtduell ins Olympiastadion. Auf ein rasantes Derby zwischen zwei Rivalen deutet an diesem sonnigen Nachmittag jedoch noch gar nichts hin.

Keine elektronischen Werbebanden, keine Kameras, keine Spielerbänke, nicht einmal die beiden Tore sind aufgebaut. Das passiert erst am Spieltag selbst, so will es der Denkmalschutz. Auch sonst sind keine Menschen zu erblicken. „Ein paar sind heute oben und reinigen das Dach“, sagt Christoph Meyer, der Veranstaltungsdirektor des Olympiastadions, und weist empor: „Nicht wundern, dass das Flutlicht an ist. Das ist nur ein Test, das machen wir sonst nicht bei Tag.“

Ein paar Stunden zuvor ging es in der Arena noch lebhafter zu. Da waren Bruno Labbadia und seine Spieler im Stadion zu Gast und trainierten auf dem feinen Rasen, um sich auf die Atmosphäre des Geisterderbys einzustellen – zum dritten Mal in den vergangenen beiden Wochen. „Beim ersten Mal sind die Spieler hier angekommen und haben gesagt: Wow, was ist denn hier los?“, erzählt Frank Neubauer. Ein so herrliches Grün hatten sie im Olympiastadion schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen: Liebe auf den ersten Kick, ein echter Herzrasen.

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„Für die Qualität war die lange Pause förderlich“, sagt Neubauer, Stichwort Regeneration. In der Zwischenzeit gab es keine anderen Veranstaltungen im Stadion, der Rasen musste auch nicht abgedeckt werden und bekam deshalb viel Licht ab. Vor allem aber hatte er nach seinem Eintreffen zu Jahresbeginn nun ausgiebig Zeit, um ordentlich im Boden anzuwachsen – ohne ständig von groben Fußballtretern malträtiert zu werden. Der Rasen hat dadurch in der pandemiebedingten Pause an Kraft gewonnen und ist jetzt widerstandsfähiger als je zuvor. „Nature is healing“, könnte man sagen. Neubauer wählt lieber einen Vergleich: „Das ist wie beim Immunsystem.“

Außerdem – so erklärt er es dann noch – war nun endlich einmal Zeit dafür, neue Rasensprenger einzubauen. Ein paar leichte bräunliche Verfärbungen unter den drei Grüntönen des Schachbrettmusters auf dem Rasen deuten auf die entsprechenden Stellen. Die alten Regner brauchten etwa zwei bis drei Minuten, um sich einmal um 360 Grad zu drehen und die gesamte Grünfläche zu benetzen. Die neuen schaffen das in 20 bis 30 Sekunden und verhindern damit, dass das Wasser in den Boden einsickert. Dann wird es nämlich rutschig. Nur die Oberfläche soll benetzt werden, damit der Ball schneller läuft.

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So verlangt es zumindest Bruno Labbadia. „Das ist auch ein bisschen taktischer Natur“, sagt Neubauer. Gegen spielstärkere Teams lässt man den Rasen auch gerne mal ein bisschen trockener, um den Kombinationsfluss des Gegners ein wenig zu bremsen. „Grundsätzlich will Hertha aber einen schnellen Rasen“, ergänzt Neubauer noch. In dieser Saison sagt man das vielleicht lieber dazu. Gerade wenn der 1. FC Union kommt.

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