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Ungewohnte Technik. In dieser Spielzeit verblüfft Hertha, hier Valentino Lazaro, das Publikum mit besonderen Fertigkeiten und Einlagen.
© Odd Andersen/AFP

Punktgleich mit Bayern München: Hertha BSC verdreht Berlin den Kopf

Hertha BSC ist die Überraschungsmannschaft der Bundesliga-Saison. Und das hat gute Gründe. Wir haben sie zusammengefasst.

Hertha BSC ist nach dem Sieg über Bayern München auf Tabellenplatz drei gesprungen und ist punktgleich mit dem Rekordmeister. 13 Punkte – das ist eine Marke, die Berlins Bundesligist zum vergleichbaren Zeitpunkt in den vergangenen zehn Jahren erst einmal erreicht hatte. Das war in der Spielzeit 2016/17, an deren Ende Hertha mit 49 Punkten auf Platz sechs und damit in der Europa League landete. Worin liegen die Gründe für das derzeitige sportliche Hoch des Berliner Bundesligisten?

Der Trainer

Hinter Pal Dardai und seiner Mannschaft liegt eine ungewöhnlich lange Vorbereitungszeit auf die Saison. Der 42-jährige Ungar hat zusammen mit seinem Trainerteam die Zeit genutzt, um die Mannschaft in kleinen Schritten taktisch und spielerisch weiter zu entwickeln. Das hat dazu geführt, dass die Mannschaft mutiger und risikobereiter nach vorn spielt und insgesamt ansehnlicheren und attraktiveren Fußball bietet, was auch eine klare Zielsetzung vor der Saison war. Und an dieser Aufgabe wächst auch Dardai.

Neue Systemflexibilität

In der Vorsaison galt Hertha als ausgelesen von der Gegnerschaft. Man wusste, wie die Berliner spielen, in einem recht starren 4-2-3-1-System. In der Vorbereitung wurde ein System mit einer variablen Abwehrreihe studiert, in dem man von Dreier- auf Fünferkette umschalten kann. Beim Auswärtssieg in Gelsenkirchen etwa startete Hertha in einem 4-1-4-1-System, stellte später auf ein 3-4-2-1 um. Damit sind die Berliner für die Konkurrenz unberechenbarer geworden. Zudem bietet der Kader mehr Variabilität.

Neues Personal und Konkurrenzkampf

In Sachen Transfers hat Hertha auch in diesem Jahr nicht am großen Rad gedreht, sondern nach dem Verkauf von Mitchell Weiser (12 Millionen Euro) und Genki Haraguchi (4,5) noch einen Transferüberschuss von rund fünf Millionen Euro erwirtschaftet. Während die Zugänge Pascal Köpke und Lukas Klünter (je 2 Millionen Euro) noch keine Rolle spielen, überzeugten der Leihspieler Marko Grujic und vor allem Javairo Dilrosun, die technische wie körperliche Qualitäten mitbringen, die im Kader nicht vorhanden waren.

Die Chancenverwertung

In dieser Spielzeit ist die alte Effizienz im Torabschluss zurückgekehrt. Hertha ist die Mannschaft, die ligaweit die wenigsten Chancen für einen Torerfolg benötigt. In der Torschützenliste führt Ondrej Duda mit fünf Treffern vor Vedad Ibisevic, der gemeinsam mit Marco Reus (Dortmund) und Alassane Plea (Gladbach) auf vier kommt. In der Scorer-Wertung (Tore/Torvorlage) liegen in Duda, Ibisevic und Javairo Dilrosun drei Berliner auf dem geteilten dritten Platz. Diese Marken konnten erreicht werden, weil Hertha mehr Spieler aufbietet, die zunehmend offensiv denken und auf Grund ihrer Ballfertigkeit auch dazu in der Lage sind. Hertha agiert viel reifer im eigenen Ballbesitz und ist stärker im Positionsspiel – zwei Trainingsinhalte, an denen im Sommer viel gearbeitet wurde und seitdem immerfort gearbeitet wird.

Das Aufblühen altbekannter Spieler

Am auffälligsten ist die Entwicklung des Slowaken Duda. Zwei Jahre fand er so gut wie überhaupt nicht statt, nun aber prägt er das Offensivspiel der Berliner als Einfädler und Vollstrecker gleichermaßen. Dardai hat Duda in der Vorbereitung stark gemacht und ihm Vertrauen geschenkt. „Ich habe ihn seitdem nicht einmal ausgewechselt, jetzt ist er fit und selbstbewusst“, sagt Dardai, „so einen Spieler lässt du im Spiel in Ruhe.“ Auch Valentino Lazaro hat einen Sprung gemacht – und das auf einer Position rechts hinten, die er gar nicht liebt. „Er ist eigentlich ein Künstler, aber er hat verstanden, was und wo ihn die Mannschaft braucht“, sagt Dardai, „jetzt ist er ein Mix aus Arbeiter und Künstler.“ Vor allem blüht auch Salomon Kalou auf, dem es sichtlich gefällt, begabte Mitspieler um sich zu haben, die ihre Sportart verstehen.

Die Mischung aus Jung und Alt

Bei keinem anderen Bundesligisten gibt es im Kader derzeit eine solche Altersspreizung wie bei den Berlinern. Dennoch harmoniert das Team, weil Dardai ein Mischung gefunden hat, die sich befruchtet und anstachelt. Die furchtlose Jugend von Dilrosun, Arne Maier, beide 19, oder Dennis Jastrzembski, 18, paart sich mit der Erfahrung und Cleverness von Ibisevic, Rune Jarstein, beide 34, oder Salomon Kalou, 33. Zusammen mit Fabian Lustenberger, 30, und Per Skjelbred, 31, führen die Routiniers ein gutes Dutzend Spieler im Kader, die 23 Jahre alt oder jünger sind. „Die erfahrenen Spieler sind im Moment die Säulen in unserem Spiel“, sagte unlängst Manager Michael Preetz. „Das fängt mit Rune Jarstein im Tor an und hört mit unseren beiden Großvätern im Sturm (Ibisevic und Kalou, d. Red.) auf. Und die Jungen drumherum machen einen tollen Job.“

Umgang mit jungen Spielern

Eigengewächs Arne Maier ist derjenige, der aus der großen Gruppe der jungen Spieler herausragt. Aber auch andere Nachwuchsspieler, die schon in der Vorsaison zum Profikader zählten, haben sich entwickelt. Was auch daran liegt, dass Dardai seit Jahren regelmäßig Talente hochzieht, um das Niveau im Profitraining kennenzulernen. „Gutes Timing ist wichtig“, sagt Dardai. „Sebastian Deisler musste früher immer spielen. Ich nehme die Jungen auch immer mal wieder raus.“

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