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Der bislang letzte Trauertag: Fans und Spieler nach dem verlorenen Relegationsspiel gegen Hertha im Mai.
© Imago / Jan Huebner
Tagesspiegel Plus

Immer noch Zweite Liga: Von der Bürde, ein HSV-Fan zu sein

Der Hamburger SV geht in seine fünfte Zweitliga-Saison – und die Fans gehen notgedrungen mit. Doch mit welchen Gefühlen? Ein Betroffener berichtet.

Ein Zwischenruf von Lion Grote

Da gehen sie also, die Aufsteiger der vergangenen Jahre: Köln, Paderborn, Union, Bielefeld, Stuttgart, Bochum, Fürth, Schalke und Bremen. Der HSV bleibt. Und ich bleibe beim HSV – auch fernab meiner Heimatstadt. Vom Bundesliga-Dino zum Dino der Zweiten Liga.

In den Jahren zwischen 2014 und 2018, als der HSV in der Bundesliga immer wieder tief in den Abgrund des Abstiegs schaute und schließlich fiel, gab es eine beliebte These unter den Fans der Raute. Heute könnte man sagen, es war eine Verschwörungstheorie. Sie wird noch immer in abgewandelter Form bei strauchelnden Traditionsvereinen rumerzählt. Die These geht so: Der Abstieg in die Zweitklassigkeit würde dem Verein guttun. Der Druck des ewigen Erstligisten wäre weg, Selbstreinigungskräfte würden den Klub stärken.

Immer nur zu sagen: „Aber wir sind doch der große Hamburger Sport-Verein“ – das reicht nicht. 

Tagesspiegel-Redakteur Lion Grote

Es ist eine Lüge. Nichts ist besser in der Zweite Liga. Jedenfalls nicht für den HSV. Klar, die Liga ist spannend. Viele Spiele haben ein gutes Niveau, die Stadien sind modern und ab und zu gewinnt man sogar mal. Das Problem des Vereins aber war nie die Liga, in der er spielte. Das Problem des HSV war immer der HSV.

Trainerwechsel, Streit in der Vereinsführung, miese Stimmung in der Mannschaft, öffentliche Kritik von Außenstehenden. All das gab es auch in den vergangenen vier Jahren. Das Schlimmste an der Zweiten Liga sind für mich nicht die Auswärtsspiele in Sandhausen oder Niederlagen gegen Pauli. Das Schlimmste ist für mich das ständige Gefühl, betrogen zu werden.

Und zwar betrogen um Erfolg. Oder wenigstens um schöne Fußballstunden. Ein Klub mit einer solchen Infrastruktur, so vielen Fans, dieser Historie und einer Millionenstadt im Rücken soll es nicht schaffen, in der Bundesliga zu spielen? Das kann ich nicht verstehen. Und nicht akzeptieren.

Wenn Schalke und Bremen den direkten Wiederaufstieg schaffen, wenn Frankfurt den Europapokal gewinnt und Freiburg um die Champions League spielt, dann leide ich immer auch ein bisschen. Ich frage mich: Warum kann das der HSV nicht?

Tim Walter geht beim HSV in seine zweite Saison. Das gelang zuletzt nicht vielen Trainern.
Tim Walter geht beim HSV in seine zweite Saison. Das gelang zuletzt nicht vielen Trainern.
© IMAGO / Michael Schwarz

Aber natürlich ist mir sehr bewusst, dass das Hadern mit der Entwicklung, das Erinnern an alte Größe und Träumen von Erfolgen auch ein Teil des Problems ist. Immer nur zu sagen: „Aber wir sind doch der große Hamburger Sport-Verein“ – das reicht nicht. Und mit jedem Jahr Zweitklassigkeit wird die Distanz zur Bundesliga größer. Beim finanziellen Spielraum, der Attraktivität für Fans und Sponsoren und der Bekanntheit.

Doch eine entscheidende Sache hat sich geändert in vier Jahren Zweite Liga. Der Hass ist einem Mitgefühl gewichen – um nicht zu sagen Mitleid. Ob das besser ist, ist eine andere Frage. Ich erinnere mich noch gut, welche Abscheu die berühmte Uhr im Volksparkstadion einst auslöste. Sie zeigte an, seit wie vielen Jahren, Tagen, Stunden und Minuten der HSV bereits in der Bundesliga spielte. Für mich war sie eher eine amüsante Requisite. Für viele Fußballfans in Deutschland ein Hassobjekt. Als sie endlich stillstand, war die Freude groß.

Wenn ich mich als gebürtiger Hamburger und HSV-Mitglied hier in Berlin und woanders heute über Fußball unterhalte, gibt es meist Beileidsbekundungen. Was da los sei, fragen sie und sagen, dass es doch diesmal klappen muss mit dem Aufstieg. Natürlich ist es immer noch nicht cool, HSV-Fan zu sein. War es eigentlich nie. Selbst in meiner Anfangszeit rund um die Jahrtausendwende, als Yeboah noch stürmte, Stig Töfting schimpfte und ein bescheidender Techniker wie Jörg Albertz ein Stareinkauf war. Als HSVer wurde man schon immer ein bisschen so behandelt, wie das Kind, das bei Klassenreisen immer vorne bei den Lehrern geht. Man war langweilig – um es freundlich zu sagen.

Doch jetzt gaben selbst Hertha-Fans rund um die diesjährigen Relegationsspiele zu, dass der HSV eigentlich in die Bundesliga gehöre – nur eben erst im nächsten Jahr.

Ob es so kommen wird? Ich weiß es nicht. Dass man ausnahmsweise mal beim selben Trainer geblieben ist und viele Stammspieler halten konnte, mag ein gutes Zeichen sein. Dass in den Tagen vor dem Saisonstart Sportdirektor Michael Mutzel entlassen wurde, spricht jedenfalls nicht für Harmonie. Als HSV-Fan aber hat man eine Gewissheit: Man kann sich nie sicher sein. Alles ist möglich. Ich werde hoffen – und stoisch auch diese Saison ertragen. Egal, wie sie endet.

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