Jan Vandrey hofft auf Tokio : Die Last eines Olympiasieges

Der Potsdamer Kanute Jan Vandrey holte 2016 in Rio überraschend Gold. Er genoss den Triumph, der aber auch zum Problem wurde.

Tobias Gutsche
Auf zu neuen Ufern. Der Kanute Jan Vandrey will in diesem Jahr noch einmal angreifen. Ziel sind die Sommerspiele in Tokio.
Auf zu neuen Ufern. Der Kanute Jan Vandrey will in diesem Jahr noch einmal angreifen. Ziel sind die Sommerspiele in Tokio.Foto: Manfred Thomas/PNN

Es ging alles ganz schnell. Von null auf hundert. Jan Vandrey war bis 2016 noch nicht einmal in der A-Nationalmannschaft des Deutschen Kanu-Verbands (DKV), da durfte er gleich zu den Olympischen Spielen. Und in Rio gelang dem Canadierfahrer des KC Potsdam mit seinem Vereinskollegen Sebastian Brendel sogar die sensationelle Zweier-Siegesfahrt über 1000 Meter. „Es war ein Moment, der alles verändert hat“, sagt Vandrey in der Rückschau. „Aber er hat es mir nicht unbedingt leichter gemacht.“

2016 präsentierte sich der gebürtige Schwedter als Neuling im Weltcup gut. Aber ein Startplatz für die Sommerspiele war zunächst nicht sicher. Erst wegen Dopingvergehen anderer Kanu-Nationen rückte Vandrey mit Brendel im Zweier kurzfristig nach. Und plötzlich stand der 1,88 Meter große Athlet gemeinsam mit der Canadier-Ikone im goldenen Scheinwerferlicht. „Die Aufmerksamkeit war riesig – und ich habe es genossen“, sagt er. Den Triumph feierte Vandrey ausgiebig. Er habe „alles mitgenommen, was ich kriegen konnte“. Denn er sei „ehrlich zu mir selbst“ gewesen. „Mir war klar: Vielleicht klappt es nicht nochmal mit so einem großen Erfolg – dann möchte ich den einen aber richtig ausgekostet haben.“

[Mehr guten Sport aus lokaler Sicht finden Sie - wie auch Politik und Kultur - in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Hier kostenlos zu bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Tatsächlich lief es anschließend nicht wie gewünscht. „Auch, weil im Training manchmal die letzten Prozentpunkte fehlten – da bin ich ebenfalls ehrlich.“ Zwar holte er 2017 WM-Gold und 2019 -Silber, aber nur im nichtolympischen Canadier-Vierer, in dem er 2018 zudem Rang vier bei den Welttitelkämpfen belegte. Im so lieb gewonnenen Duett mit Dreifach-Olympiasieger Brendel konnte Vandrey international nicht mehr antreten, weil sich im DKV-internen Vergleich stets Peter Kretschmer/Yul Oeltze durchsetzten. „Es ärgert mich, dass ich und Basti seit Rio immer nur die Nummer zwei im eigenen Land waren“, sagt der Oberbrandmeister der Brandenburger Feuerwehr-Sportfördergruppe.

Die Unbeschwertheit ging verloren

In dieser Saison wolle er aber einen neuen Angriff starten. Der Grundstein muss nächsten Monat bei den nationalen Sichtungen gelegt werden. Danach entscheidet der Weltcup im Mai über die Nominierung für Tokio. „Die Konkurrenz ist hart“, sagt der Potsdamer. Kretschmer/Oeltze wurden 2017 und 2018 jeweils Weltmeister. Voriges Jahr reichte es mit deutlichem Rückstand aber nur zu WM-Rang vier. „Wir glauben an unsere Chance, Deutschlands Beste zu werden“, sagt Vandrey.

Der schnelle Aufstieg seines Schützlings vor vier Jahren habe Herausforderungen mit sich gebracht, erzählt Trainer Ralph Welke. Auf einmal hätten alle in Vandrey bloß noch den Olympiasieger gesehen. „Entsprechend war die Erwartungshaltung im Training und Wettkampf“, sagt der Coach. Wenn es dann nicht rund lief, geriet Vandrey in die Kritik, musste sich rechtfertigen, warum er als Olympiasieger nicht ganz vorne mit dabei sei. „Vorher war für ihn alles unbeschwert, jetzt stand er immer auf dem Prüfstand. Das war für ihn schwierig.“ Auf öffentlichen Veranstaltungen gibt Vandrey gerne den Komiker, den Entertainer, der mit lockeren Sprüchen für Stimmung sorgt. „Auch im Training tut Jan damit allen gut. Aber durch den Druck ist er inzwischen schon etwas ruhiger geworden, nachdenklicher“, berichtet Welke.

Doch habe sich der Rechtspaddler gerade durch viel Selbstreflexion persönlich weiterentwickelt. „Er ist wesentlich gereifter als damals“, findet der Canadier-Bundestrainer aus Potsdam. Er attestiert Vandrey auch, mittlerweile die Trainingsinhalte „mehr und besser“ umzusetzen. Trotzdem werde der Kampf ums Olympiaticket „sehr, sehr schwer“. Nur noch der Einer und Zweier über je 1000 Meter gehören bei den Canadier-Männern zum Programm der Sommerspiele. „Wenn wir wie beim Kajak auch noch einen Vierer hätten, wäre Jan voll im Plan“, sagt Welke. „Aber so ist es eben leider nicht.“ Darum wird Vandrey Top-Leistungen brauchen. „Ich werde alles dafür geben“, bekräftigt er. Und sein Trainer hofft: „2016 hat Jan uns alle überrascht – 2020 lassen wir uns gerne wieder überraschen.“

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!