Kolumne: Auslaufen mit Lüdecke : Der HSV und seine Propheten

Andere Vereine steigen ab und: Zack! Weg sind sie. Der Hamburger SV steigt seit Jahren ab und versucht es jeden Monat mit einem neuen Trainer. Man muss auch mal loslassen können, findet unser Kolumnist.

Christian Titz ist schon der dritte Trainer in diesem Jahr.
Christian Titz ist schon der dritte Trainer in diesem Jahr.Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Seit einigen Jahren steigt der Hamburger SV aus der Bundesliga ab. Anderen Klubs gelingt dieser Prozess innerhalb einer Saison. Zack! Weg sind sie. Und messen sich fortan mit Sandhausen und Regensburg. Bei den Hamburgern gestaltet sich dieses Vorhaben wesentlich komplexer. Es ist wie bei der modernen Apparatemedizin, wo mancher bereit wäre, zu gehen, aber die Technik lässt es nicht zu. Die Hamburger haben in zehn Jahren 18 (!) Trainer verbraucht, neun Aufsichtsratsvorsitzende, fünf Vorstandsbosse und sechs Sportchefs. Sie haben mal diesen Spieler suspendiert, mal jenen. Und ganz wichtig für Hamburg: Alles ohne irgendein erkennbares Konzept. Dieses Jahr haben sie es wirklich auf die Spitze getrieben: Jeden Monat ein anderer Trainer! Im Januar Gisdol, für den Februar Hollerbach und im März Herr Titz. Ich bin auf den April gespannt. Sie werden bestimmt noch die Not-Not-Not-Lösung hervorzaubern.

Aufgebrachte Fans wollten am Sonnabend sogar die Kabine stürmen. Find’ ich nicht gut. Ich finde, man muss auch mal loslassen können. Hamburg hat 14 Spiele in Folge nicht mehr gewonnen. Im Heimspiel gegen Hertha sah es in den ersten 45 Minuten eigentlich recht gut aus. Aber beide Trainer waren sich nachher einig, der Bruch sei in der Halbzeitpause gekommen. Was ist da passiert? Was hat Hertha-Trainer Dardai seinen Mannen mit auf den Weg gegeben? Hat das vielleicht jemand mitgeschrieben? Und könnte man das den Herthanern demnächst eventuell schon vor dem Anpfiff übermitteln? Vor allem in Heimspielen, gegen vermeintlich schwächere Gegner?

Ich finde es immer wieder erstaunlich, welche Wirkung die Kraft des Wortes erzielen kann. Auch im Sport. Bei der WM 2006 teilte Jürgen Klinsmann seiner Mannschaft vor dem ersten Spiel Folgendes mit: „Wir gehen jetzt raus und hauen die Scheiße weg! Wir knallen die Polen durch die Wand! Und wenn was passiert, Brust raus! Und eins auf die Fresse geben! Nur wer den Krieg will, geht als Sieger vom Platz!“ Verblüffend. Aber dann sind die Spieler raus – und haben die Polen durch die Wand geknallt! Es ist wahrscheinlich so: Der Deutsche ist immer dann am leistungsfähigsten, wenn man ihn anbrüllt. Was aber den HSV angeht, bin ich mir sicher: Die Kraft des Wortes verblasst, wenn jeden Monat ein anderer Prophet kommt. Dann glaubt irgendwann keiner mehr an die Auferstehung.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga. Am 24. März ist er mit seinem aktuellen Programm „Über die Verhältnisse“ bei den Wühlmäusen zu sehen.

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