Kolumne „Auslaufen mit Lüdecke“ : Hertha grüßt das Murmeltier

Unter Jürgen Klinsmann gewinnt Hertha jetzt auch wichtige Spiele. Leider bleibt dabei das Spektakel auf der Strecke, was unseren Kolumnisten ein wenig bedrückt.

Frank Lüdecke
Jürgen Klinsmann hat gut lachen. Der zahlende Zuschauer bei Hertha eher noch nicht.
Jürgen Klinsmann hat gut lachen. Der zahlende Zuschauer bei Hertha eher noch nicht.Foto: dpa

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga.

Eines ist schon mal sicher: das Hertha-Gen fehlt Jürgen Klinsmann. Denn immer wenn von den Berlinern die Parole ausgerufen wurde: „Dieses Spiel muss gewonnen werden!“ – dann wurde es mit ziemlicher Sicherheit verloren. Denn für entscheidende Spiele fehlt dem Hertha-Gen das Sieger-Chromosom.

Aber das alles interessiert den neuen Hertha-Trainer überhaupt nicht. Er gewinnt auch ohne dieses Erbgut. Aber fragen wir nicht, wie! Das ist egal, weil man dringend Punkte braucht, um den Untergang abzuwehren. Jürgen Klinsmann bat um zahlreiche Unterstützung im Stadion. Man würde versuchen über „Kampf, Kompaktheit und Kameradschaft“ zum Spiel zu finden. Und tatsächlich, man fand Kampf, Kompaktheit und Kameradschaft – ich glaube, heute sagt man eher „Teamgeist“ – aber der letzte Teil der Ankündigung, das Spiel, misslang erschreckend.

Unterhaltenden Mehrwert sucht man bei Hertha derzeit vergebens

Ich finde ja, für ein zahlendes Publikum ist das Versprechen, dass man sich anstrengt, ohnehin zu wenig. Ich leite ein Theater in Berlin und käme nicht auf die Idee, die Zuschauer mit dem Hinweis zu ködern, dass wir alles daran setzen, dass die Schauspieler ihren Text können. Man darf als Zuschauer durchaus davon ausgehen, dass das eine Selbstverständlichkeit ist. Es muss hier irgendeinen unterhaltenden Mehrwert geben, aber den sucht man bei Hertha derzeit vergebens.

Es ist für ein Publikum wenig erbauend, gegen Bezahlung erwachsene Männer dabei zu beobachten, wie sie unter großen Anstrengungen versuchen, das Fußballspielen wieder neu zu erlernen. Verkaufstechnisch ist das eine ganz blöde Ausgangslage. Man zahlt lieber für ein Spektakel. Das ist aber keine Kritik am derzeitigen Trainerteam, denn sie müssen jetzt Punkte holen. Wenn das Schiff leck läuft, ist es allemal sinnvoller das Wasser mit Eimern aus dem Rumpf zu schippen, als in der Küche Gläser zu polieren.

Hertha BSC steht jetzt ungefähr da, wo man vor fünf Jahren stand. Ein alter Trainer wurde entlassen (Luhukay), ein neuer kam (Dardai). Man befand sich auf Platz 17 und die Abwehr musste stabilisiert werden. Diesmal stand man auf Platz 16 und Jürgen Klinsmann kam für Ante Covic, um erst mal die Abwehr zu stabilisieren.

Hertha hat jetzt Geld, aber das allein macht nicht unglücklich

Das ist Herthas Murmeltier-Dynamik. Der Unterschied: Diesmal hat Hertha Geld. Aber Geld allein macht nicht unglücklich. Man muss auch unfähig sein, es sinnvoll einzusetzen. Im Sommer kommt vielleicht ein neuer Trainer. Wenn wir Glück haben, ist die Abwehr bis dahin stabilisiert. Wenn nicht, geht alles wieder von vorne los.

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