Kolumne – Auslaufen mit Lüdecke : Hertha, ich habe fertig!

Herthas Mannschaft hat sich beim 0:0 in Frankfurt angestrengt. Na und? In anderen Berufen ist Engagement Voraussetzung, findet unser Kolumnist.

Frank Lüdecke
Ein Gesichtsausdruck, der zu Herthas ganzer Saison - oder besser gesagt: zur schwachen Rückrunde - passt.
Ein Gesichtsausdruck, der zu Herthas ganzer Saison - oder besser gesagt: zur schwachen Rückrunde - passt.Foto: dpa

Sie haben vielleicht gehört, dass sich die Verantwortlichen von Hertha BSC darüber beschwerten, dass immer wieder überhöhte Erwartungen von außen – meist von den Medien – an den Klub herangetragen werden. Die folgenden Zeilen sind ein Musterbeispiel dieses Vorgehens. Auch hier: Überhöhte Erwartungen, herangetragen von außerhalb.

Also: Nach vielen Pleiten holte Hertha auswärts mal wieder einen Punkt, und viele Kommentatoren lobten die Berliner Leistung. Es sei den Spielern anzumerken gewesen, dass sie sich angestrengt hätten. Na immerhin. Vielleicht bin ich schon völlig desillusioniert, aber für mich ist das ein zweifelhaftes Lob. Ist die Anstrengung eines Sportlers nicht eine Selbstverständlichkeit?

Die schlechtesten Laufleistungen – warum eigentlich?

Seit Wochen zeigen die Berliner Spieler die schlechtesten Laufleistungen aller Bundesligisten. Warum eigentlich? Trainer Dardai war mit dem Punkt in Frankfurt zufrieden, weil er gegen eine Mannschaft geholt wurde, die um die Champions League spielt. Na und? Frankfurt war schlecht, richtig schlecht, und offensichtlich gedanklich schon beim Europa-League-Halbfinale gegen Chelsea. Sie spielten haufenweise Fehlpässe und brachten Hertha immer wieder in vielversprechende Kontersituationen. Die aber alle nicht genutzt wurden. Auch wenn das niemanden interessiert: Ich bin mit dem Punkt nicht zufrieden, überhaupt nicht, das Spiel hätte gewonnen werden müssen.

Sie merken schon, ich bin ziemlich angefressen. Weil ich in diesem Team etwas anderes gesehen habe: Ich erinnere mich an den fulminanten Heimsieg gegen Bayern, die überragenden Spiele gegen Gladbach und Dortmund – und jetzt soll ich mich daran erfreuen, dass sich die Spieler Mühe geben? Und was soll das für ein Argument sein, es ginge ja um nichts mehr? Natürlich geht es um etwas.

Guten Fußball? Darf man nur außerhalb Berlins verlangen!

Um mal richtig populistisch zu werden: Es geht zumindest um die Zuschauer, die für ein Spiel 40 Euro und mehr ausgeben, die sie wiederum in Berufen verdient haben, in denen man Engagement schlicht voraussetzt. Zwei Heimspiele gibt es ja noch. Sonst wäre es vielleicht besser zu sagen: Okay, alle haben freien Eintritt, weil es um nichts mehr geht und wir auch nicht garantieren können, dass sich die Spieler noch anstrengen. Guten Fußball zu verlangen, das ist eine unbotmäßige Forderung von außerhalb. Eine Forderung, die nur außerhalb der Stadtgrenzen erfüllt werden kann. In Hoffenheim. In Leipzig, Gladbach, Frankfurt, Dortmund oder München.

Ich habe fertig.

Der Berliner Kabarettist Frank Lüdecke schreibt hier jeden Montag über die Fußball-Bundesliga. Am 4. Mai ist er mit seinem aktuellen Programm „Über die Verhältnisse“ bei den Wühlmäusen zu sehen.

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