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Mats Hummels, 23, wurde in der Jugendabteilung des FC Bayern groß, absolvierte aber für die Münchner nur ein Bundesligaspiel. Vor drei Jahren wechselte der Innenverteidiger nach Dortmund, zunächst Jahr auf Leihbasis, ein Jahr später dann komplett. Am 6. Mai 2010 bestritt er gegen Malta sein erstes von bisher zwölf Länderspielen.

© AFP

Interview mit Dortmunds Nationalverteidiger: Mats Hummels: "Ich spüre jetzt das Vertrauen"

Nationalverteidiger Mats Hummels spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Bundestrainer Joachim Löw, seine Qualitäten als Spielmacher und verbotene lange Bälle aus der Abwehr.

Herr Hummels, wir wollten Ihnen ein Kompliment machen.

Ein Kompliment? Wofür?

Weil Sie es geschafft haben, Joachim Löw im Spiel gegen Holland sogar beim Stand von 3:0 noch zur Weißglut zu treiben.

Ja, mit einem langen Ball in der 90. Minute. Das weiß ich noch. Der Ball an sich war einfach schlecht gespielt, da hätte ich mich als Trainer auch aufgeregt. Aber wenn es bei einem in 90 Minuten bleibt, ist das nicht allzu verwerflich.

Beim Bundestrainer stehen lange Bälle aus der Abwehr auf dem Index.

Das weiß ich. Aber mich erstaunt ehrlich gesagt, wie lange sich dieses Thema jetzt schon hält. Selbst nach einem Jahr bekomme ich immer noch zu hören, dass ich zu viele lange Bälle spiele. Wissen Sie, wie viele es in den letzten fünf Länderspielen waren? Exakt drei. Am Anfang war das anders, weil ich es aus dem Verein einfach gewohnt war. Da sollen wir sogar lange Bälle spielen. Die anderen Spieler wollen das, sie rechnen auch damit. In der Nationalmannschaft funktioniert das nicht, und darauf habe ich mich eingestellt. Es kann ja nicht sein, dass die anderen zehn sich an mein Spiel anpassen müssen.

Ist die Umstellung schwierig?

Nein, das geht mittlerweile ganz einfach. Ich habe zwei, drei Spiele gebraucht, danach war es kein Problem mehr. Auch weil ich zuletzt öfter bei der Nationalmannschaft dabei war und regelmäßig gespielt habe. Außerdem schlagen wir die Bälle in Dortmund ja auch nicht immer lang und weit nach vorne.

Mit dem BVB rocken Sie jetzt schon im zweiten Jahr die Bundesliga. In der Besetzung der Nationalmannschaft spiegelt sich das allerdings nicht unbedingt wieder. Können Sie das erklären?

Das liegt daran, dass der Fußball in Dortmund nicht ganz der gleiche ist wie in der Nationalmannschaft. Nehmen Sie Marcel Schmelzer. Der marschiert beim BVB als Linksverteidiger die Linie rauf und runter und reißt die Kilometer ab, hier wird ein bisschen weniger Laufarbeit verlangt. In Dortmund dürfen wir auch riskantere Bälle spielen, Joachim Löw legt mehr Wert auf Sicherheit im Passspiel. Daran muss man sich erst gewöhnen, und deshalb sind von uns auch nicht ganz so viele Spieler in der Nationalmannschaft dabei wie von den Bayern.

Der Ansatz der Dortmunder ist erst einmal defensiv. Ist das der große Unterschied zur Nationalmannschaft?

Die Nationalmannschaft wird da vielleicht ein bisschen verklärt. Auch hier wird viel Wert auf die Defensive gelegt, wir üben das sogar teilweise mit sehr ähnlichen Übungen wie in Dortmund. Dass die Nationalmannschaft offensiver spielt, liegt auch daran, dass wir es zuletzt in der EM-Qualifikation mit deutlich schlechteren Gegnern zu tun hatten, gegen die wir 80 Minuten lang das Spiel machen müssen.

Aber Joachim Löw nimmt bei der Defensive sogar bewusst Abstriche in Kauf, weil ihm die Offensive wichtiger ist. Ärgert das einen Verteidiger?

Für einen Verteidiger ist es immer einfacher, wenn alle elf mit nach hinten arbeiten. Das kann man sich ja denken. Sonst sieht es so aus wie gegen die Ukraine, als wir in der Defensive oft zu dritt gegen drei Stürmer gestanden haben. Wenn dann schnelle Angriffe auf dich zukommen, wird es schwierig. Aber dazu hat man diese Testspiele ja auch - damit man genau erkennt, was man noch verbessern muss. Gegen Holland hat man gesehen, wie es funktioniert, wenn alle konzentriert defensiv und offensiv arbeiten.

Ob sich Mats Hummels schon als Stammspieler fühlt?

Robin Dutt, der Trainer von Bayer Leverkusen, hat Sie als eigentlichen Spielmacher von Borussia Dortmund identifiziert. Ist diese Qualität in der Nationalmannschaft nicht gefragt?

Erst einmal ist es natürlich ein Kompliment, wenn ein gegnerischer Trainer meint, er müsste mich als Innenverteidiger in Manndeckung nehmen. Das lässt auf eine gewisse Qualität im Spielaufbau schließen. Generell ist es so, dass ich in Dortmund versuche, eine noch dominantere Rolle einzunehmen, seitdem Nuri Sahin weg ist. In der Nationalmannschaft gibt es mehrere Spieler, die das Spiel lenken. Deshalb muss ich das nicht. Und vor allem habe ich mir noch nicht die Position erarbeitet, die ich inzwischen in Dortmund besitze.

Nehmen Sie sich in der Nationalmannschaft bewusst ein bisschen zurück?

Das ist doch normal. Man braucht einfach das Vertrauen seiner Mitspieler und seines Trainers, damit man selbstbewusst auftreten kann. So etwas dauert naturgemäß ein bisschen. Es hat auch in Dortmund eine Weile gedauert, obwohl es natürlich schneller geht, wenn man jedes Wochenende ein Spiel hat und nicht nur alle drei Monate. Mittlerweile ist es für mich auch sehr angenehm, in der Nationalmannschaft zu spielen.

Sie gelten vielen schon länger als bester Innenverteidiger der Bundesliga – der Bundestrainer scheint ein bisschen länger für diese Erkenntnis benötigt zu haben.

Ich habe schon immer eine gewisse Zeit gebraucht, um meine Trainer zu überzeugen. Das war in der Jugend so, das war auch bei Thomas Doll in Dortmund so. Es gibt immer Spielertypen, die ein Trainer sofort mag. Bei anderen braucht er ein paar Tage oder Wochen. Deswegen habe ich mir nie große Gedanken gemacht, dass ich Joachim Löw nicht überzeugen könnte.

Aber die Wertschätzung des Bundestrainers hat zuletzt schon zugenommen, oder?

Auf jeden Fall. Ich fühle mich in der Nationalmannschaft richtig gut, spüre mittlerweile auch dieses Vertrauen. Im letzten Jahr bin ich mit meinen Einsatzzeiten in der Nationalmannschaft sehr zufrieden gewesen. Ich habe irgendwo gelesen, dass ich am viert- oder fünftmeisten gespielt habe. Man sieht also, dass der Bundestrainer mir eine Chance gibt, und ich hoffe, dass ich diese Chance in der EM-Vorbereitung, wenn sich die Stammelf herauskristallisiert, auch nutzen kann.

Große Duelle mit Frankreich in unserer Bildergalerie:

Fühlen Sie sich im Moment als Stammspieler?

Ich glaube, bei uns können von den Feldspielern nur Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm behaupten, dass sie absolute Stammspieler sind, Mesut Özil vielleicht noch. Auf allen anderen Positionen haben wir so viel gleichwertige Konkurrenz, dass es verfrüht wäre, so etwas zu denken. Die Qualität in Deutschland ist mittlerweile – zum Glück – so hoch, dass man alles aus sich rausholen muss, damit man spielt. Das ist eine sehr gute Situation, weil es normalerweise zu noch besseren Leistungen führt.

Hat der Bundestrainer Ihnen Hoffnung für die EM gemacht?

Er sagt, dass ich große Qualität in die Mannschaft bringe und auch eine Chance habe zu spielen. Aber letztlich liegt es an mir. Es kommt darauf an, wie ich mich in den nächsten Wochen in der Bundesliga beweise, im Trainingslager vor der EM und in den letzten beiden Testspielen gegen die Schweiz und Israel.

Freuen Sie sich schon auf die sagenumwobene Vorbereitung vor der Europameisterschaft?

Ich finde das in der Tat richtig spannend, weil ich das noch nie mitgemacht habe und bisher nie länger als sieben, acht, neun Tage am Stück bei der Nationalmannschaft war. Im Sommer sind wir mehrere Wochen zusammen, da kann man sich noch besser einfinden und die anderen Jungs noch besser kennen lernen. Das wird, glaube ich, eine richtig gute Zeit.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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