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Urs Fischer ist zurück bei Union. Allerdings als Trainer des FSV Mainz 05.

© dpa/Soeren Stache

Mit Mainz 05 beim 1. FC Union: Der Empfang von „Fußballgott“ Urs Fischer fällt bescheiden aus

Erstmals steht Urs Fischer in der Alten Försterei als Trainer der gegnerischen Mannschaft an der Seitenlinie. Die Union-Fans halten sich mit Emotionen zurück – aus gutem Grund.

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Kurz vor Anpfiff schaute im Stadion an der Alten Försterei noch keiner aufs Spielfeld. Der Fußball, das war von vornherein klar, war an diesem Tag nur zweitrangig. Der Fokus war stattdessen auf die Seitenlinie gerichtet, wo sich ein Dutzend Fotografen am Eingang des Spielertunnels versammelt hatte und nun auf Urs Fischer wartete.

Als der Mainzer Trainer dann endlich die Treppe hochkam, war das alles dann eher unspektakulär. Fast unbemerkt schlich er sich zunächst hinter seinen Spielern und Kollegen aufs Feld und musste dann selbst einige Minuten warten, um seinem Gegenüber Steffen Baumgart die Hand zu schütteln. Der verlorene Sohn war zurück, und nun stand er einfach blöd in der Kälte herum.

So hatte er es aber eigentlich auch gewollt. Die Union-Fans mochten sich wochenlang auf diesen Tag gefreut haben, auf die Rückkehr des Schweizer Fußball-Messias, der ihre größten Träume einst wahr werden ließ. 795 Tage, nachdem er letztmals in Köpenick an der Seitenlinie gestanden hatte, wollten sie ihn auch wieder gebührend empfangen.

Doch Fischer ist eben Fischer. Und vor diesem Spiel hatte er deutlich gemacht, dass er sich lieber auf den Fußball, statt auf das Emotionale konzentrieren wollte. Schließlich liegt seine glorreiche Zeit mit Union mittlerweile zwei Jahre zurück. Er ist nun Trainer von Mainz 05. Und bei Mainz 05 geht es in diesen Tagen um nichts weniger als um das sportliche Überleben.

Es war ein tolles Wiedersehen, ich habe viele Leute getroffen, mit denen ich sehr lange, sehr erfolgreich gearbeitet habe.

Urs Fischer über seine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte

„Es war ein tolles Wiedersehen, ich habe viele Leute getroffen, mit denen ich sehr lange, sehr erfolgreich gearbeitet habe“, sagte Fischer auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und witzelte, dass die Union-Mitarbeiter ihm gezeigt hätten, welche Treppe er jetzt im Tunnel benutzen dürfe. Aber: „Ich muss schon sagen, dass ich mehr den Fokus aufs Spiel hatte.“

Ähnlich bescheiden war auch der Empfang von den Anhängern ausgefallen. Wie Christian Arbeit vor Anpfiff noch einmal betonte, habe man aus „Respekt vor der sportlichen Situation“ der Mainzer auf eine offizielle Zeremonie verzichtet. Stattdessen wurden Fischer und sein Co-Trainer Markus Hoffmann ganz normal als ehemalige Unioner präsentiert und – auch ganz normal – jeweils mit einem lauten „Fußballgott“ von den Rängen begrüßt.

Die Betonung lag aber gefühlt auf „Fußball“ statt auf „Gott“. Nach einer kurzen, warmen Umarmung mit Baumgart kehrte Fischer zurück zu den kleinen roten Stühlen vor der Trainerbank. Und dann blickte er – und alle anderen – doch nur noch aufs Spielfeld.

Fischer blieb selbst bei den Mainzer Toren gewohnt cool

Auch den Fußball verfolgte er dann eher sachlich. Als die Gäste zunächst zum 1:0 und später zum 2:0 trafen, sprang die ganze Mainzer Bank um ihn auf. Fischer hingegen blieb bei beiden Toren mit den Händen in den Jackentaschen stehen und blickte kurz nach unten, als würde er an einem kalten Bahnsteig auf einen verspäteten ICE warten.

Dass er die Gefühle damit unterdrücken wollte, bestritt der Trainer nachher. „Auch zu meiner Zeit bei Union war das mein Standardjubel“, sagte er mit einem Lächeln bei Sky. „Nur beim Aufstieg habe ich wahrscheinlich ein bisschen mehr gejubelt.“

Wahrscheinlich könnte es nur Fischer schaffen, sogar performatives Nichtjubeln derart zu untertreiben. Aber auch für jene extreme Sachlichkeit haben sie ihn in Köpenick damals so geliebt. Und auch heute waren er und die Union-Fans in ihrer fast schon trotzigen Zurückhaltung irgendwie auf einer Wellenlänge.

Emotional wurde es am Ende dann nicht um Fischer, sondern wegen einer ganz anderen Vereinslegende. In der Halbzeitpause wurde der Anfang der Woche verstorbene Andre Rolle mit einer Choreo auf der Waldseite verabschiedet. „Für viele von uns war er die Stimme von Union“, sagte sein Nachfolger Christian Arbeit, als er mit leicht gebrochener Stimme eine Würdigung des ehemaligen Stadionsprechers vorlas.

Dann war es aber zurück zu den albernen, wilden Emotionen des Fußballspiels. Als Union sich zurück ins Spiel kämpfte und den späten Ausgleich erzielte, tobte die Alte Försterei vor Ekstase. Urs Fischer schüttelte nur fassungslos den Kopf.

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