Moderator der Turn-WM : Philipp Boy hat ein neues Feuer in sich entfacht

Der ehemalige Turner Philipp Boy hat sein enttäuschendes Karriereende hinter sich gelassen und seine Leidenschaft für Sport neuentdeckt.

Cäcilia Fischer
Er ist wieder da. Lange Zeit wollte Philipp Boy nichts mehr vom Turnen wissen, jetzt soll er bei der WM in Stuttgart das Publikum als Moderator begeistern.
Er ist wieder da. Lange Zeit wollte Philipp Boy nichts mehr vom Turnen wissen, jetzt soll er bei der WM in Stuttgart das Publikum...Foto: imago/Eibner

Wenn am kommenden Freitag in Stuttgart die Turn-Weltmeisterschaft beginnt, ist auch der ehemalige Profi Philipp Boy dabei. 2007 holte er hier im Mannschaftsfinale der Turn-WM Bronze, nun wird er die Hallenmoderation übernehmen und gute Laune verbreiten. Die hat Boy, der im Dezember 2012 seine Sportkarriere beendete, aktuell zur Genüge. Gerade erst ist er aus den Flitterwochen zurückgekehrt und will nun in seiner Wahlheimat Berlin einen Sportpark eröffnen.

Es ist viel passiert bei dem 32-Jährigen. Boy blickt mit gemischten Gefühlen auf das Ende seiner erfolgreichen Zeit als Turner zurück. „Ich bin damals komplett aus dem Sport raus, quasi von hundert auf Null“, sagt der zweifache Europameister und WM-Zweite von 2010 und 2011. „Das Feuer war irgendwie weg nach den ganzen Verletzungen und Enttäuschungen.“ Das habe lange angehalten – wohl auch, weil Boy verärgert darüber war, wie die Olympischen Spielen 2012 ausgegangen waren. Damals hatte er alle Einzelfinals verpasst.

„Ich war sauer. Es war klar, wenn ich mein Programm in London nur halbwegs abspiele, dann gewinne ich eine Olympia-Medaille“, sagte er. „Die war die einzige, die noch fehlte. Aber es sollte nicht sein.“ Vier Jahre bis Rio de Janeiro wollte er nicht warten, also hörte er auf. Plan B stand da bereits fest: „Ich bin Versicherungsfachmann geworden, habe jetzt mein eigenes Büro in Berlin und ein Backoffice mit 30 Mitarbeitern. Diesen Job mach ich auch immer noch gern.“

Dass Philipp Boy wieder zum Sport zurückfand, ist dem Fernsehen geschuldet. Durch die Tanzshow „Dance Dance Dance“ habe er 2016 wieder ein paar Körperkonturen an sich im Spiegel gesehen – eine Initialzündung. „Ich hatte ja seit meinem Karriereende kaum mehr mit Sport zu tun, und wieder in Form zu kommen, fand ich natürlich gut“, sagt er. Es folgten weitere TV-Shows.

In einer Turnhalle war Boy 2017 das erste Mal wieder. Eine Agentur hatte ihn gefragt, ob er bei der Eröffnungsfeier des Deutschen Turnfestes in Berlin mitmachen wolle, inklusive Doppelsalto. Auch wenn der nicht mehr drin war – als ehrgeiziger Sportler trainierte Boy wieder an den Turngeräten. Damals wohnte er seit fünf Jahren in Berlin und arbeitete zwischendurch ein Jahr in Stuttgart.

Boy will einen großen Sportpark eröffnen

Seit Januar 2017 lebt Boy mit seiner Frau und ihrer sechsjährigen Tochter in Schöneberg. Jetzt will er sich vor allem um eine Herzensangelegenheit kümmern, die im Herbst starten soll: der 360 Quadratmeter große Sportpark „B-Part Sports by Philipp Boy“. 2016 hatte ein Freund Boy gefragt, ob er sich an einem Berliner Park-Projekt am Gleisdreieck einbringen will. Neben einem Multifunktionsgebäude finden hier auf 1000 Quadratmetern auch Co-Working, Kunst, Kultur, Gastronomie und nun auch Sport statt. „Meine Workout-Fläche mit Geräten und Freiflächen für Bodyweight Fitness ist offen für alle, diebstahlsicher und für den Rückbau geeignet“, sagt Boy. Er selbst hat sich vorgenommen, oft als Betreuer oft vor Ort sein. Und auch außerhalb Berlins will Boy das Konzept seines Sportparks umsetzen, zum Beispiel in Stuttgart, wo er in der Vergangenheit bereits bei einem Projekt am Schlossplatz mitwirkte.

Die Stadt ist also nicht nur nur durch die WM für ihn ein Thema. In das aktuelle deutsche Turngeschehen sei er jedoch nicht involviert, sagt Boy. Nur so viel will er sagen: „Ich habe das Gefühl, dass im bestehenden System viel gemacht und verändert werden muss. Man sollte sich einige andere Länder anschauen und sich fragen, warum die so viel besser sind als Deutschland.“ Vielleicht tauscht er sich darüber auch mit seinem früheren Teamkollegen Fabian Hambüchen aus, dem Botschafter der Turn-WM in Stuttgart. Mit dem Ende seiner eigenen Karriere hat sich Philipp Boy inzwischen jedenfalls versöhnt.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!