Nach Berufung in die Nationalmannschaft : Hertha BSC und der Prototyp Niklas Stark

Der Weg von Niklas Stark in die Nationalmannschaft soll stellvertretend für Herthas Personalpolitik werden. Doch das birgt auch ein Problem.

Neues, altes Trikot. Niklas Stark von Hertha BSC ist schon mit der deutschen U 19 und U 21 Europameister geworden.
Neues, altes Trikot. Niklas Stark von Hertha BSC ist schon mit der deutschen U 19 und U 21 Europameister geworden.Foto: Woitas/dpa

Es ist nicht bekannt, was genau Niklas Stark zwischen Samstagabend und Montagmorgen gemacht hat. Vermutlich aber hat er einen nicht unerheblichen Teil seiner freien Zeit am Smartphone mit der Pflege seiner sozialen Kontakte verbracht. Der Verteidiger von Hertha BSC hat am Samstag nach dem Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund erzählt, dass er seit Freitag eine Menge Nachrichten empfangen habe – dass er die aber bis dahin weitgehend ignoriert habe. Am Freitag hat Stark erfahren, dass Joachim Löw ihn erstmals in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft berufen hat. Entsprechend groß war in seinem privaten Umfeld die Aufregung. Aber am Samstag stand für Stark eben auch das Topspiel gegen den BVB an. Und dem galt seine komplette Aufmerksamkeit.

Das sagt einiges über den 23-Jährigen und erklärt auch, warum er jetzt den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft hat. Niklas Stark, der in jungen Jahren auch mal ein paar Wackler in seinem Spiel hatte, vermag es mehr und mehr, den Fokus auf das Wesentliche zu richten. „Er spielt jetzt fehlerfrei, nachdem er anfangs noch Lehrgeld gezahlt hat“, hat sein Vereinstrainer Pal Dardai vor kurzem gesagt.

Völlig aus dem Nichts kam Nominierung nicht

Fokussiert und kompromisslos, dazu schnell, zweikampf- und kopfballstark – so hat sich Stark zuletzt präsentiert. Auch Bundestrainer Löw, dem oft vorgeworfen wird, dass sein Blick auf den deutschen Fußball etwas zu südwestlastig sei, hat die Leistungssteigerung des Verteidigers registriert. Vollkommen aus dem Nichts kam die Nominierung für die Länderspiele gegen Serbien an diesem Mittwoch und am Sonntag gegen Holland jedenfalls nicht. Ob Stark auch zum Einsatz kommt, ist die andere Frage. Nach vier Monaten ohne Länderspiel und mit einer veränderten Mannschaft könnte Löw den Test gegen Serbien vor allem zum Einspielen für den Auftakt der EM-Qualifikation gegen die Holländer nutzen. Konkrete Aussagen zu seinen Personalplanungen tätigte der Bundestrainer am Dienstag nicht.

Stark hat bei der Nationalmannschaft die Rückennummer 17 zugewiesen bekommen, die bisher Weltmeister Jerome Boateng getragen hat. Das heißt nicht, dass der Berliner nun nahtlos dessen Position einnehmen wird. Obwohl Löw künftig auf Boateng und Mats Hummels verzichtet, verfügt er mit Niklas Süle, Antonio Rüdiger, Matthias Ginter, Jonathan Tah, Thilo Kehrer und eben Stark über sechs Kandidaten für zwei oder maximal drei Plätze in der Innenverteidigung. Herthas Abwehrspieler ist aktuell nicht erste Wahl; mittel- und langfristig aber ist seine Perspektive durchaus vielversprechend.

„Er ist auch beim DFB hoch geschätzt“, sagt Pal Dardai über seinen Verteidiger, der sowohl mit der U 19 als auch mit der U 21 Europameister geworden ist. „Durch seine Größe und seine Schnelligkeit hat er eine gute Grundlage. Deshalb haben wir ihn geholt.“ Drei Millionen Euro haben die Berliner 2015 an den Zweitligisten 1. FC Nürnberg überwiesen. Stark musste damals oft auf der Position des Rechtsverteidigers aushelfen und spielte insgesamt eine eher untergeordnete Rolle. Vielleicht hatte Hertha auch nur deshalb eine Chance, ihn überhaupt zu bekommen. „Wir sind schlau gewesen“, sagt Dardai.

Stark ist typisch für Herthas Personalpolitik

Starks Verpflichtung ist typisch für Herthas Personalpolitik. Der Verteidiger ist nicht das erste Talent, das die Berliner in einer Phase verpflichtet haben, in der dessen persönliche Entwicklung ein wenig ins Stocken geraten war – und er wird vermutlich auch nicht das letzte gewesen sein. Marvin Plattenhardt holte Hertha für eine halbe Million Euro ebenfalls aus Nürnberg, als der Club gerade in die Zweite Liga abgestiegen war. Das Gleiche gilt für Lukas Klünter vom 1. FC Köln, der zu Saisonbeginn für zwei Millionen Euro gekommen ist und langsam Anschluss an die erste Elf findet. Und Davie Selke entschied sich für Hertha, als er in Leipzig nur noch auf der Ersatzbank saß.

Dieser Weg macht sich für die Berliner zunehmend bezahlt. Im Kader der beiden wichtigsten DFB-Teams, der A-Nationalmannschaft und der U 21, stehen aktuell fünf Herthaner. Nur die Bayern stellen ebenso viele Spieler. Danach kommen Leipzig, Leverkusen und Mönchengladbach mit jeweils drei Spielern.

Niklas Stark hat seinen Marktwert längst vervielfacht. Zuletzt wurde kolportiert, dass in seinem Vertrag eine Ablöse von 25 Millionen Euro festgeschrieben sei und dass Bayern und Dortmund an ihm interessiert seien. Es ist schön für Hertha, einen Kader mit viel Talent und Perspektive zu haben; aber auch anderen Klubs ist das nicht verborgen geblieben. Pal Dardai hofft, dass er seine Mannschaft noch ein paar Jahre zusammenhalten kann, dass die Spieler sich weiter entwickeln und vor allem Hertha von dieser Entwicklung profitiert. „Aber wenn einige Nationalspieler werden und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann wird es kompliziert.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar