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Lea Schüller (24) steht seit 2020 beim FC Bayern München unter Vertrag und ist außerdem deutsche Nationalspielerin.

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Tagesspiegel Plus

Nationalspielerin Lea Schüller im Interview: „Überall ist der Frauenfußball auf dem Vormarsch, nur in Deutschland nicht“

Lea Schüller und das Nationalteam sind auf WM-Kurs. Im Interview spricht die Stürmerin über ihr Studium, die EM in England und Übertragungen im Fernsehen.

Lea Schüller (24) steht seit 2020 beim FC Bayern München und ist außerdem Nationalspielerin. Die Weihnachtstage hat die Stürmerin bei ihrer Familie in Nordrhein-Westfalen verbracht. Am Telefon klingt sie etwas erschöpft, aber auch sehr vorfreudig. Vor der Winterpause bestritt sie zahlreiche Spiele mit dem Nationalteam und dem FC Bayern, deshalb freute sie sich umso mehr auf die Zeit in der Heimat.

Lea Schüller, im kommenden Jahr steht die Europameisterschaft in England an. Wie sehr freuen Sie sich auf das Turnier, wo jetzt schon so viele Tickets für die Spiele verkauft worden sind?
Ich freue mich total. Es ist cool zu sehen, dass man in anderen Ländern die Aufmerksamkeit bekommt, die man hier nicht hat. Und besonders freue ich mich auf die Spiele, wo viele Zuschauer dabei sein werden. Egal ob Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft, auf solche großen Turniere freut man sich ohnehin und wenn man dann noch hört, wie viel Zuspruch es gibt, ist das umso besser.

Könnten Sie sich ein Wechsel nach England vorstellen, weil Ihnen dort mehr Leute zusehen?
Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht.

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Für das deutsche Nationalteam standen in den vergangenen Monaten wichtige Spiele in der WM-Qualifikation an. Die Bundestrainerin hat dabei regelmäßig von ihnen geschwärmt. Sind Sie auch zufrieden mit Ihrer Leistung beim Nationalteam?
Auf jeden Fall. Die letzten Spiele waren für mich persönlich, aber auch für die Mannschaft erfolgreich. Wir haben uns deutlich gesteigert, trotzdem geht da noch mehr. Wir hatten abgesehen von Portugal nicht die stärksten Gegner. Bei der EM erwarten uns noch ganz andere Kaliber.

Das Lernen fürs Studium tut mir gut, weil man sonst nur Fußball im Kopf hätte.

Lea Schüller

Beim Spiel gegen Serbien haben Sie gleich viermal getroffen. Ihre Kollegin Lena Oberdorf sagte später, dass Sie an der Stürmerkrankheit litten, also ein wenig angestupst werden müssten, damit Sie ihre Läufe machten. Stimmt das?
Von der Krankheit fühle ich mich schon betroffen, ja (lacht). Aber es ist besser geworden: Obi kennt mich noch aus Essen und ich will behaupten, dass ich mich in dieser Hinsicht gesteigert habe. Ich versuche meine Einstellung dahingehend zu verbessern, dass ich der Mannschaft zeige, dass ich voll dabei bin und sie unterstütze. Ich bin die vorderste Spielerin, das heißt alle sehen mich und es ist wichtig, dass ich vorne weggehe und richtig reinhaue.

Gleich nach dem Spiel sind Sie zur Tribüne gerannt und haben Ihre Mutter umarmt. Kommt Ihre Familie regelmäßig zu den Spielen, die ja oft unter der Woche stattfinden?
Meine Mama ist eigentlich bei jedem Spiel dabei. Selbst bei Heimspielen, die für sie natürlich keine Heimspiele sind. Das ist für mich auch eine total wichtige Unterstützung: Es gibt mir viel Rückhalt, wenn ich auf die Tribüne schaue und sie dort sitzen sehe. Und ich weiß, dass es ihr ganz viel Spaß macht dabei zu sein.

Hat man auch manchmal Heimweh, wenn man so häufig unterwegs ist?
Ja schon. Meine Großeltern sehe ich zum Beispiel ganz selten. Nur wenn ich mal in Essen oder Leverkusen spiele und Zuschauer zugelassen sind. Und mein Papa kann auch nicht so oft zu Spielen kommen. Die vermisse ich sehr. Gleichzeitig sind wir so viel mit der Mannschaft unterwegs, dass die Zeit schnell vergeht und schon wieder Weihnachten ist. Da kann ich dann meine ganze Familie wiedersehen.

Bei der WM Qualifikation traf Lea Schüller ein ums andere Mal für das deutsche Nationalteam.

© imago images/Beautiful Sports

Was war für Sie die größte Umstellung, als Sie von Krefeld nach München gezogen sind?
Ich habe schon zwei Jahre in Essen gewohnt, bevor ich nach München gezogen bin, aber die größte Umstellung war mit Sicherheit, dass in München alles teurer ist. Ansonsten ist die Stadt natürlich sehr viel größer und ich kenne hier niemanden, abgesehen von der Mannschaft. Meine Familie ist in weiter Entfernung und ich kann nicht mal kurz am Wochenende kurz nach Hause fahren.

Sie sind nicht nur Profi-Fußballerin, sondern studieren außerdem Wirtschaftsingenieurwesen. Wie kriegt man beides unter einen Hut?
Genau aus diesem Grund mache ich ein Fernstudium. Ich habe das Studium in Präsenz angefangen, aber das hat gar nicht geklappt. Gleich im ersten Jahr hatte ich eine schwere Verletzung und fiel ein Semester lang aus. Danach kam ich in die Nationalmannschaft und es blieb noch weniger Zeit zum Studieren.

Deshalb entschied ich mich dafür, das Studium abzubrechen und stattdessen ein Fernstudium zu machen. Bisher klappt das echt gut. Natürlich wäre es ein sehr optimistisch gedachter Traum, das in Regelstudienzeit zu schaffen. Aber ich mache mir da überhaupt keinen Druck.

Ist das nicht sehr stressig, wenn man neben dem engen Spielplan auch noch lernen muss?
Manchmal stresst es zu wissen, dass man noch nebenbei lernen muss, aber ich habe keine festgelegten Klausurtermine. Wenn ich fertig bin mit dem Lernen, lege ich mir den Termin selbst. Das kann zu einem inneren Konflikt führen, weil man fertig werden will und zugleich keinen Druck hat. Gleichzeitig tut mir das Lernen gut, weil man sonst nur Fußball im Kopf hätte. Gerade während der englischen Wochen lenkt mich das oft ab.

Kann es mental helfen zu wissen, dass es neben dem Fußball einen Plan B gibt?
Wenn man es abgeschlossen hat, ist das mit Sicherheit so (lacht). Aber mir ist bewusst, dass ich viel schneller fertig werden würde, wenn ich nicht den Fußball hätte. Da ist es schon entspannt zu wissen, dass ich nach dem Fußball auch noch etwas anderes machen kann.

Und warum ausgerechnet Wirtschaftsingenieurwesen?
Nach dem Abi wusste ich nicht, was ich machen möchte. Es gab ja immer nur den Fußball. Damals habe ich mit meiner Familie darüber gesprochen, was mich interessieren könnte, und meine Oma hat mich daran erinnert, dass ich als Kind gerne Autos gemalt habe. Ich fahre auch gerne Auto und interessiere mich dafür, so bin ich über ein Praktikum zum Studium gekommen.

Schüller steht seit 2020 beim FC Bayern München unter Vertrag und spielte zuvor in Essen.

© imago images/foto2press

Gerade bei der WM-Qualifikation war es eine Herausforderung die Spiele überhaupt zu verfolgen, da sie nicht im Fernsehen übertragen wurden. Ist das auch ein Thema im Team?
Auf jeden Fall. Das ist etwas, das unsere Delegationsleitung beschäftigt, die alles versucht, damit wir mehr Sendezeit bekommen. Wir wissen selbst, dass wichtige Spiele im Ausland nicht gerade zu den besten Zeiten ausgestrahlt werden. Aber wenn sogar ein Spitzenspiel gegen Portugal nicht ausgestrahlt wird, ist das für mich nicht nachzuvollziehen. Vor allem, wenn die ganze Zeit die Rede davon ist, dass wir Gleichberechtigung anstreben.

Haben Sie den Eindruck, dass der Frauenfußball weltweit zulegt, das Interesse aber in Deutschland stagniert?
Ja das bringt es gut auf den Punkt. Überall ist der Frauenfußball auf dem Vormarsch, nur in Deutschland nicht. Der Fußball entwickelt sich zwar fußballerisch und athletisch immer weiter, aber die Zuschauerzahlen gehen zurück. Das ist schade.

Eine Mannschaft wie Essen kann durch seine Rahmenbedingungen gar nicht die Leistungen erbringen, wie es in Bayern möglich ist.

Lea Schüller

Was könnte denn dazu beitragen, die Präsenz von Frauen im Fußball in Deutschland zu erhöhen?
Zum einen mehr Sendezeit, aber auch mehr Werbung. Das fehlt bisher total. Wenn wir Sonntagmorgen zum Spiel fahren, stellen wir uns manchmal die Frage, warum wir gerade an einer Straße vorbeifahren, wo für Eishockey und für den Männerfußball geworben wird, aber nicht für uns. Da sieht man kein einziges Plakat.

Es wäre meiner Meinung nach auch eine Option, beim Spiel der Männer in der Allianzarena Flyer zu verteilen und auf unser Spiel aufmerksam zu machen. Auch die männlichen Spieler könnten ihre eigene Reichweite dafür nutzen. Es gibt mittlerweile einige Vereine in unserer Bundesliga, die sich bewusst dazu entschieden haben, eine Kooperation mit einer Männermannschaft einzugehen, weil man dadurch einerseits finanziell unterstützt wird, aber auch selbst sichtbarer wird durch deren Reichweite.

Haben Sie das den Spielern beim FC Bayern mal vorgeschlagen?
Nein, wir haben zu denen leider gar keinen Kontakt.

Schüller möchte in den nächsten Jahren Torschützenkönigin werden. 

© imago images/foto2press

Was müsste neben der fehlenden Präsenz noch verändert werden?
Ein weiteres Problem ist, dass die Spanne zwischen den Vereinen sehr groß ist.

Sie meinen in der Bundesliga der Frauen?
Genau. Die Vereine, bei denen eine Männermannschaft dahintersteht, werden finanziell deutlich besser unterstützt. Dadurch gehen die Möglichkeiten der Vereine weit auseinander. Aus Essen nach Bayern zu wechseln, war für mich ein riesiger Unterschied. Eine Mannschaft wie Essen kann durch seine Rahmenbedingungen gar nicht die Leistungen erbringen, wie es in Bayern möglich ist.

Sie selbst sind 2020 aus Essen zum FC Bayern München gewechselt, nachdem sie das Angebot einmal abgelehnt hatten. Warum?
Ich habe mich erst dagegen entschieden, weil ich mich noch nicht bereit gefühlt habe. Mit 19 Jahren wäre ich fußballerisch noch gar nicht so weit, dass ich bei einem Top-Klub an Spielzeiten gekommen wäre. Damals war ich mit meiner Leistung nicht konstant und brauchte die Zeit in Essen, um als Spielerin heranzuwachsen und mich als Person dafür zu entscheiden, so weit weg von Zuhause zu ziehen.

In den sozialen Medien gibt es mittlerweile den Hashtag #Esschüllert- in Anlehnung an Thomas Müller, der ebenfalls beim FC Bayern spielt und sich auf Twitter so nennt. Was hält er eigentlich davon?
Das weiß ich gar nicht, weil wir keinen Kontakt zu den Profis haben und auf einem anderen Platz trainieren. Aber ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hat (lacht).

Und wie finden Sie den Hashtag?
Ich finde das total cool und fühle mich geehrt, dass ich in Anlehnung an einen Spieler wie Thomas Müller einen Hashtag bekommen habe.

Ich hoffe, dass wir Wolfsburg die nächsten Jahre vom Thron stoßen.

Lea Schüller

Was steht denn im kommenden Jahr für Sie an?
Die Champions-League geht natürlich weiter, wo wir immer noch etwas erreichen könnten. Und wir sind noch im Pokal drin. Die deutsche Meisterschaft ist außerdem gerade sehr eng, das ist superspannend. Dann geht mit der Nationalmannschaft die WM-Quali weiter, die wir zwar noch nicht geschafft, aber schon jetzt gut ausgebaut haben. Es kommt also noch einiges, aber die Europameisterschaft ist definitiv ein Highlight.

Und was haben Sie selbst sich für die nächsten Jahre vorgenommen?
Ich würde mit der Nationalmannschaft gern mal ein Turnier gewinnen. Sich als Europa- oder Weltmeister oder Olympiasieger zu küren, ist etwas Besonderes. Gleichzeitig ist es mit einer Mannschaft, wie wir sie in Bayern haben, immer das Ziel Deutscher Meister zu werden. Ich hoffe, dass wir Wolfsburg die nächsten Jahre vom Thron stoßen. Mein persönliches Ziel ist es, in den nächsten Jahren Torschützenkönigin zu werden.

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