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Versuchen sich zu versöhnen: DFB-Chef Theo Zwanziger und sein Vize Rainer Koch.

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Der DFB und die Schiedsrichter-Affäre: Neue Ämter, neuer Ärger, neue Anzeigen

Der DFB wollte seinen Führungsstreit durch eine verblüffende Rochade beilegen. Doch die Entmachtung von Vize Koch führt zu einem neuen Eklat in der Schiedsrichter-Affäre.

Was tut man nicht alles? Rolf Hocke, Funktionär beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), nahm seine Beförderung am Montag nicht gerade euphorisch auf. „Ich mache das, damit hier endlich Ruhe und Frieden einkehrt“, sagte Hocke dem Tagesspiegel. Das – damit meint der 69-jährige Hesse seinen Aufstieg zum Zuständigen für Satzungs- und Rechtsfragen, einer wichtigen Machtposition im DFB. Hier – damit meint Hocke die Verbandszentrale in Frankfurt am Main, in der sich zuletzt DFB-Präsident Theo Zwanziger und sein mächtiger Vize Rainer Koch einen monatelangen Stellungskrieg lieferten. Endlich – damit meint Hocke, was viele Funktionäre denken. Sie sind des Machtgerangels an der DFB-Spitze müde. Dabei ist das noch lange nicht ausgestanden.

Vordergründig ging und geht es in dem Streit um zwei Dinge: im Allgemeinen um die Affäre der möglichen Steuerhinterziehung von Spitzenschiedsrichtern und im Speziellen um den Umgang mit dem früheren Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell, der die Ermittlungen ausgelöst hatte. Hintergründig offenbarte sich das zerrüttete Vertrauen zwischen Zwanziger und dem bisher für Rechts- und Satzungsfragen zuständigen Koch; sie machten sich im Allgemeinen gegenseitig Vorwürfe, wer wen wann nicht informiert hatte und stritten im Speziellen darum, auf wen von beiden die Mediationsversuche in der Schlammschlacht zwischen Amerell und den DFB durch den alten Bischof Wolfgang Huber zurückgehen.

Ein verblüffender Ämtertausch wurde nun als Lösung präsentiert. Koch übernimmt von Hocke den nicht so wichtigen Breitensport- und Integrationsbereich, den diffizileren, gewichtigeren Job bekommt dafür Hocke. Laut offiziellem DFB-Sprech soll so „die vertrauensvolle Zusammenarbeit erleichtert und wiederhergestellt werden“. Eine Frage aber schwingt dabei mit: Bedeutet die Rochade eine Entmachtung Kochs, der Zwanziger in der Hinter-Kulissen-Debatte um seine eigene Nachfolge zu stark geworden war?

Die Mitglieder des DFB-Präsidiums können sich dazu nun Gedanken machen; sie müssen dem Deal Anfang Dezember noch zustimmen. Das dürfte vielen nicht leicht fallen. Denn angesichts der Degradierung Kochs lehnte Amerell am Montagabend das von Zwanziger angestoßene und von Koch vermittelte Mediationsverfahren wieder ab. Grund ist laut Amerells Anwalt, dass „mit dieser Entwicklung dem von Rainer Koch ganz entscheidend vermittelten Mediationsverfahren jegliche Vertrauensgrundlage entzogen wurde“. Das bisschen Frieden, das sich der DFB verordnet hatte, war sofort wieder dahin. Rolf Hocke sagt nur: „Mir hängt die Debatte langsam zum Hals raus.“ Robert Ide

Manfred Amerell wies zuerst auf Steuerbetrug hin. Nun belastet auch ein Anonymus, der wohl Zugang zu Steuerakten hat, drei Unparteiische. Gegen einen wird ohnehin schon ermittelt. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

Die Steuerermittlungen halten viele Schiedsrichter in Atem und treiben den früheren Obmann Manfred Amerell zu immer neuen Volten.

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Die Adresse des Absenders gibt es wirklich, der Name dagegen ist ein Pseudonym. Aus gutem Grund, der Brief ging an die Staatsanwaltschaft Stuttgart, Betreff:: „Anzeige gegen Bundesligaschiedsrichter“. Drei Unparteiische aus Südwestdeutschland sollen Steuern hinterzogen haben. Die drei Namen sind dem Tagesspiegel bekannt.

Einer soll im Sommer im Großraum Stuttgart „ein Freundschaftsspiel“ – es folgen Partie und Datum – „bar abgerechnet und den Betrag nicht versteuert haben“. Es handelt sich um einen Linienrichter aus der Ersten und Zweiten Bundesliga.

Ein anderer Schiedsrichter, in der Bundesliga aktiv, „hat seit Jahren Freundschaftsspiele nicht der Steuer gemeldet“. Und ein Dritter, ein Bundesliga-Linienrichter, soll „internationale Spiele nicht der Steuer gemeldet“ haben. Dieser Linienrichter hatte schon vor zwei Wochen Besuch von Steuerfahndern, er gehört zu den 21 Schieds- und Linienrichtern, gegen die bereits ermittelt wird.

Pikant an der Anzeige ist, dass der Anonymus ein Insider mit Zugriff auf Steuerakten sein muss. Er wusste nicht nur, wer dieses Freundschaftsspiel gepfiffen hatte, er hatte wohl auch gesehen, dass das entsprechende Honorar offenbar nicht versteuert wurde. Schon deshalb ist damit zu rechnen, dass bald weitere Details und Hinweise auf Steuerbetrug an die Staatsanwaltschaft gehen. Manfred Amerell versteckt sich definitiv nicht hinter dem Pseudonym. Das betonte der frühere Schiedsrichter-Obmann des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegenüber dem Tagesspiegel. Amerell hatte den Steuerfahndern das Material überreicht, das zu den bisherigen Razzien führte.

Der dritte Unparteiische, der in der Anzeige erwähnt ist, soll schon vor zwei Jahren einmal aufgefallen sein. Das sagt zumindest Amerell. Damals war der Ex-Schiedsrichterobmann zu einem Vortrag bei der Neujahresfeier jener Schiedsrichtergruppe eingeladen, zu der auch der belastete Unparteiische gehört. Der habe dann Amerell 300 Euro Honorar überreicht, eine Quittung habe er dafür nicht haben wollen. Das sei in der Gruppe so üblich, habe der Linienrichter gesagt. In dem Trubel habe er, Amerell, auch keine Quittung verlangt. So schildert Amerell den Ablauf. Zu Hause kam ihm der Gedanke, dass die Gruppe möglicherweise mit schwarzen Kassen operiere. Einen Beleg dafür gibt es nicht, Amerell betont, er habe das Honorar ordnungsgemäß versteuert. Der betroffene Linienrichter war gestern nicht zu erreichen.

Auch der Anonymus ist nicht greifbar. Für den Fall, dass jemand seine Identität lüftet, hat er schon einmal vorgesorgt. In seiner Anzeige hatte er den Hinweis notiert: „Ab 1.11. im Ausland.“ Frank Bachner

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