• Neuer HSV-Trainer Christian Titz: In der Liebe und im Abstiegskampf ist alles erlaubt

Neuer HSV-Trainer Christian Titz : In der Liebe und im Abstiegskampf ist alles erlaubt

Der Hamburger SV hofft nach dem erneuten Trainerwechsel auf die Wende – schon am Samstag gegen Hertha BSC.

Jetzt geht’s los! Christian Titz freut sich auf sein spätes Debüt in der Bundesliga.
Jetzt geht’s los! Christian Titz freut sich auf sein spätes Debüt in der Bundesliga.Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Rückholaktionen stehen bekanntlich beim Hamburger SV hoch im Kurs; vielleicht wird im Sommer sogar Thomas Doll neuer Trainer mit der Mission Wiederaufstieg. Bis es soweit ist oder sein könnte, versuchen andere, den Rückstand zu Mainz und Wolfsburg zu verringern und doch noch die Relegation zu erreichen, diese Hamburger Spezialität. Mohamed Gouaida könnte einer von ihnen sein, und bei diesem Namen dürften Fußballfreunde mit gutem Gedächtnis aufmerken. Denn der jetzt 25 Jahre alte Tunesier wurde schon einmal ins kalte Wasser geworfen. Ein paar Wochen lang wirkte es damals im September, Oktober 2014 so, als starte der schnelle Rechtsaußen zu einer bemerkenswerten Karriere durch.

Trainer Josef Zinnbauer hatte ihn in der zweiten Mannschaft des HSV entdeckt, die damals wie heute an der Spitze der Vierten Liga stand. Als Zinnbauer von Mirko Slomka übernahm, stand plötzlich Gouaida auf dem Platz und flitzte die rechte Außenbahn entlang. Das wirkte zunächst erfrischend, dann aber zunehmend sinnfreier. Torgefährlich war sein Handeln nämlich höchst selten, und als Zinnbauer gehen musste, sank auch Gouaidas Stern. Ausleihen nach Karlsruhe und St. Gallen folgten (wo ihn Zinnbauer trainierte).

Seit dieser Spielzeit stürmt Mohamed Gouaida wieder für den HSV, Abteilung Nachwuchs, und diesmal hat er Christian Titz von seinen Qualitäten überzeugt. Als Titz, der neue Cheftrainer, am Dienstag sein erstes Training leitete, standen 33 Profis auf dem Platz am Volksparkstadion. Darunter: Mohamed Gouaida und fünf andere aus der U21/U19. Konkurrenzkampf anheizen, nennt man das, oder auch: Verzweiflung.

Titz hat diese Woche ein Casting geleitet, um am Samstag gegen Hertha BSC die bestmögliche Mannschaft auflaufen zu lassen. Der HSV hat seit Ende November nicht gewonnen, da ist alles erlaubt, auch der nächste Neubeginn – diesmal am 27. Spieltag. Titz, vor 46 Jahren in Mannheim geboren, Familienvater, gelernter Verwaltungs-Fachangestellter, Betriebswirt und Autor vieler Fußball-Lehrbücher, arbeitet im dritten Jahr für den HSV – auf Empfehlung von Lewis Holtbys, der ihn einst als Privattrainer engagierte.

Christian Titz legt viel Wert auf Ballbesitz

Holtby war begeistert, sprach beim HSV vor, und dort fand man Titz und seine Art gut. Er trainierte die U17 mit den späteren Profis Fiete Arp und Tatsuya Ito. Schon da funkte er mit Bernhard Peters auf einer Wellenlänge, dem „Direktor Sport“ beim HSV. Im Sommer beförderte Peters den Ballbesitz-Prediger zum Trainer der zweiten Mannschaft. Die spielt schön, schießt Tore und führt die Regionalliga Nord an. Als sich abzeichnete, dass unter Hollerbach der ganz rasante Absturz drohte, griffen der neue Präsident Bernd Hoffmann und Vorstand Frank Wettstein ein. Der Nächste, bitte! Titz ist der 16. HSV-Cheftrainer seit 2008. Ein Feuerwehrmann ist er nicht. Eher ein Aufbauhelfer.

Es ist ja nichts Ungewöhnliches, dass Trainer mit verschlungenen Berufs-Biographien wie Titz (Aachen, Passau, Viktoria Köln, Homburg, USA) aufsteigen. Fehlende oder geringe Profi-Erfahrungen sind seit Thomas Tuchel und Domenico Tedesco in der Bundesliga kein Makel mehr. Hier reiht auch Titz sich ein, der schon zum Ende der Hinrunde noch unter Markus Gisdol auf Schwächen im Hamburger Spiel hingewiesen hatte, mehr noch: Er bot an, es besser zu machen. Das war für einen alten Fahrensmann wie den inzwischen entlassenen Heribert Bruchhagen ein No-Go. Wettstein, sein Nachfolger als Vorstandschef, fand Titz’ Mut eher erfrischend – und da ist er also.

Alles, was mit Stetigkeit zu tun hat, besitzt beim HSV der Jahre 2006 ff einen schweren Stand. Warum also nicht mal Christian Titz ausprobieren? Als Retter 3.0? Jenen Trainer, der noch kein Bundesligateam betreut hat und es mit Ballbesitzfußball schaffen will, den HSV auf Rang 16 zu hieven? Fragen nach der Zukunft beantwortet gerade niemand. Mit Titz in die zweite Liga? Wohl kaum. Dann soll ein Arrivierter übernehmen, einer wie Hannes Wolf, Thomas Doll, Roger Schmidt. Sollte Titz den Dinosaurier-Status zementieren, dürfte er natürlich bleiben – zutrauen dürfte er sich das auf jeden Fall.

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