Paralympics ohne Segeln : „Eine irrsinnige Entscheidung“

Lasse Klötzing segelte am Wochenende bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft auf dem Wannsee. Er sorgt sich um die Zukunft seines Sports.

Pauline Faust
Mit Blei im Kiel gegen den Wind. Lasse Klötzing an Bord seines Bootes. Foto: Sven Darmer
Mit Blei im Kiel gegen den Wind. Lasse Klötzing an Bord seines Bootes. Foto: Sven DarmerFoto: Sven Darmer

Der Kran lässt ein Segelboot zu Wasser. Während es an den Seilen baumelt, wirkt es wie ein Spielzeug. Die anderen Yachten hier am Wannsee lassen sie klein erscheinen. Dabei bringen die Kielboote einiges auf die Waage: 254 Kilogramm Gewicht hat jedes der etwa vier Meter langen Fahrzeuge. Es ist viel Blei im Kiel, damit es nicht umkippen kann. Während die ersten zu Wasser gelassen werden, macht Lasse Klötzing die letzten Vorbereitungen an seinem Wettkampfboot. Der 27-Jährige segelte 2016 bei den Paralympics in Rio de Janeiro mit. Nun ist er in der Heimat: Der Potsdamer Yacht Club veranstaltete an diesem Wochenende die Internationale Deutsche Meisterschaft der Klasse 2.4mR. Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich die Gattung der Einmann-Kielboote aus der Familie der Metre-Rule-Yachten.

Trotz des irreführenden Namens ist der Potsdamer Yacht Club in Berlin zu Hause. Hinter dem großzügigen Vereinshaus am Wannsee liegt der Heimathafen. Einige Dutzend Leute werkeln hier an Booten herum. 43 Teilnehmer waren gemeldet, auch aus Tschechien und dem Vereinigtem Königreich. Während Klötzing mit seinem Rollstuhl durch den Hafen fährt, trifft er viele bekannte Gesichter. Die Community ist auch recht klein. Rund 80 Segelboote soll es in Deutschland geben, damit die größte Flotte weltweit. „Lasse, du kommst wieder in die Zeitung, was?“, fragt ein Mann im Vorübergehen. Der Segler lächelt.

Lasse Klötzing ist mit sieben Jahren seine erste Regatta gefahren: „Segeln war schon immer eine gute Sportart für mich, da ich schon früh nicht gut laufen konnte“, sagt Klötzing. Der Berliner leidet an HMSN, einer chronisch voranschreitenden Nervenkrankheit, deshalb sitzt er im Rollstuhl. „Ich konnte Fußballspielen, aber eben nicht wie die anderen“, sagt er.

Bei der Regatta gibt es keinen Wertungsausgleich. Geschlecht, Alter, Gewicht und ob die Teilnehmer eine Behinderung haben, spielen keine Rolle. Wie das funktionieren kann? Die Boote werden so ausgebaut, dass sie zu jedem und jeder passen. Klötzling hat auf seinem Boot eine Selbstwendefock installiert. Ihm fehlt die Kraft, um bei den Wendemanövern das Vordersegel neu auszurichten. Auf Schienen am Boot fährt das Segel von selbst in die richtige Position.

Bei nächsten Paralympics 2020 in Tokio ist das Segeln nicht mehr vertreten

Die 2.4mR ist leicht zu fahren, schwierig ist das Tempo. „Das Boot kann sehr schnell sein, dafür braucht man das richtige Fingerspitzengefühl“, sagt Klötzing. Dem stimmt der Hamburger Heiko Kröger zu. „Man muss präzise und intuitiv agieren“, sagt Klötzings Konkurrent. Als der 52-Jährige vor zwanzig Jahren anfing die Bootsklasse zu segeln, war sie gerade neu in Deutschland. Kurz darauf, im Jahr 2000, wurde Segeln dann paralympisch, mit der 2.4mR als einer der drei vertretenen Bootsklassen. Bei den Spielen in Sydney holte Heiko Kröger Gold, 2012 in London Silber. Vier Jahre später segelte Klötzing in Rio mit, blieb aber ohne Medaille.

Bei nächsten Paralympics 2020 in Tokio ist das Segeln nicht mehr vertreten. „Eine irrsinnige Entscheidung“, findet Lasse Klötzing. „Beim Segeln sind die körperlichen Unterschiede egal. „Man sieht von außen nicht, wer eine Behinderung hat. Hier kann das Prinzip der Inklusion wirklich umgesetzt werden.“

Bei der Regatta auf dem Wannsee ist die Teilnehmerliste überaus bunt und prominent: Neben Klötzing und Kröger sind auch der schon 78 Jahre Olympiateilnehmer Ullrich Libor und die britische Weltmeisterin Megan Pascoe am Start. Am Ende triumphiert Heiko Kröger, Lasse Klötzing segelt auf einen guten siebten Platz.

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