Petr Cech : Helmpflicht im Tor

Nach einem Schädelbruch trägt Tschechiens Torhüter Kopfschutz – und zwei Metallplatten unter der Haut

Dagny Lüdemann
Nicht ohne meinen Helm. Petr Cech geht in Sachen Gesundheit auf Nummer sicher.
Nicht ohne meinen Helm. Petr Cech geht in Sachen Gesundheit auf Nummer sicher.Foto: dpa

Es gab Tage im Leben des Petr Cech, da war er richtig unglücklich. Als Kind träumte er von einer Karriere als Eishockeytorwart. Doch seinen Eltern war die Ausrüstung zu teuer. Der kleine Petr musste Fußball spielen – obwohl er wie fast jeder Junge in der damaligen CSSR Eishockeystar werden wollte. Im Alter von zwölf Jahren lief er als Mittelstürmer aufs Feld. Doch dann prallte er mit dem Torwart des Gegners zusammen, zog sich einen schmerzhaften Beinbruch zu und wechselte die Position. „Geh ins Tor, da bist du sicher“, soll einer seiner Jugendtrainer zu ihm gesagt haben. Seitdem ist Cech Torwart – mittlerweile einer der besten der Welt. Er ist Stammkeeper beim FC Chelsea und die Nummer eins im Tor der Tschechen, die an diesem Samstag in der EM-Qualifikation die deutsche Nationalmannschaft empfangen. Aber eigentlich ist es ein Wunder, dass Cech überhaupt spielt. Denn Sicherheit hat ihm die Torwartposition nicht gebracht, das sieht man schon am Maskenhelm, den er auch am Samstag in Prag wieder tragen wird. Petr Cech hat einen Schädelbruch überstanden.

„Manchmal ist es für mich sehr schwierig“, sagt Cech. „Man wacht auf und hat wahnsinnige Kopfschmerzen. Man muss Medikamente nehmen, die sehr stark sind.“ Jetzt, fünf Monate nach der Operation, sind aber keine weiteren Folgeschäden mehr zu erwarten. „Wenn er bis jetzt keine Hirnhautentzündung oder Blutungen bekommen hat, ist es unwahrscheinlich, dass so etwas noch passiert“, sagt Theodoros Kombos, Neurochirurg an der Berliner Charité. Auch mit psychischen Folgen wie Depressionen oder Angstzuständen, wie sie manchmal nach einem Schädel-Hirn-Trauma auftreten, sei jetzt nicht mehr zu rechnen. „Das hätte man bereits gemerkt“, sagt Kombos.

Das Unglück geschah am 14. Oktober 2006. Die Partie gegen den FC Reading ist erst ein paar Sekunden alt, als Stephen Hunt den Torwart von Chelsea am Kopf trifft. Cechs Schädelknochen wird eingedrückt. Es besteht Lebensgefahr, weil das Gehirn anschwillt, sagen die behandelnden Ärzte, bevor Cech in der Radcliffe Infirmery Klinik in Oxford operiert wird. Zwei Metallplatten werden ihm eingesetzt. Seine Frau, die er schon seit Schulzeiten kennt, zieht zu ihm in die Klinik. Cech kämpft. Und wird gesund. Auf dem Weg dahin fühlt er eine überwältigende Müdigkeit. „Man wird so schnell müde, du versuchst wach zu bleiben, fernzusehen oder spazieren zu gehen“, erzählte er damals. „Aber du bist nach 15 Minuten am Ende.“ Cech brauche vielleicht ein Jahr, bis er wieder ins Tor zurückkehrt, prophezeien Ärzte damals. Doch „Mister Perfect“, so wird Cech in England genannt, arbeitet besessen an seiner Rückkehr, steht nur drei Monate nach dem Unfall wieder zwischen den Pfosten. „Ich habe den schwierigsten Moment meines Lebens überstanden. Jetzt genieße ich jedes Spiel noch viel mehr“, sagt er.

Cech sagt, dass ihn der Helm beim Spielen nicht behindert

Wenn Cech heute Fußball spielt, sieht er nicht mehr aus wie früher. Die Verletzung ist kaum erkennbar, aber auf seinem Kopf sitzt ein Helm. Er besteht aus 80 Gramm dichtem Schaumstoff mit einem stabilen Karbonrahmen. Ein neuseeländischer Rugby-Ausrüster hat ihn angefertigt. Cech setzt ihn nur ab, wenn kein „anderer in der Nähe ist beim Training und ich alleine aufs Tor schieße“. Sonst besteht für ihn Helmpflicht bis Ende der Saison. Dann wird es eine neue Untersuchung geben. „Der Schädelknochen ist ein komischer Knochen, der eigentlich nie wieder richtig zusammenwächst, wenn er einmal gebrochen ist“, sagt Neurochirurg Kombos. Deshalb auch die Metallplatten zur Stabilisierung. Die Gefahr, sich wieder an derselben Stelle zu verletzen, sei durchaus größer als bei Menschen mit unversehrter Schädeldecke. „Nach drei Jahren ist aber alles so weit verheilt, dass man gefahrlos ohne Helm spielen kann“, sagt Kombos.

Cech sagt, dass ihn der Helm beim Spielen nicht behindert. „Ich habe auch einmal im Training einen Kopfschutz ausprobiert“, erzählt der deutsche Nationaltorwart Jens Lehmann, der beim FC Arsenal spielt. Er fand das „sehr gewöhnungsbedürftig“. Die Engländer haben sich an den Anblick gewöhnt – und feiern das Comeback des Chelsea-Torhüters. „Der tapfere Tscheche ist wieder da“, titelten die Zeitungen. Negative Reaktionen gab es nicht. Nur Ausrüster Adidas stritt sich mit dem neuseeländischen Hersteller des Kopfschutzes über die Werbung, die darauf zu sehen war. Nach einigen Wochen einigten sich beide Firmen auf einen Kompromiss: Der Name des Herstellers wird nicht mehr groß gedruckt.

Cech selbst ist das egal, wenn er am Samstag gegen Deutschland im Tor steht. Nach dem Schädelbruch hatte er auch noch Schmerzen in beiden Schultern und wurde erneut operiert. Jetzt ist er endlich wieder in bestechender Form. „Eishockeytorhüter spielen ja auch mit Helm“, sagt er und lacht. Eishockeytorwart? Wollte er das nicht immer werden?

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