Radkolumne „Abgefahren“ : Das Virus hat mich erwischt – aber digital

Ein Systemausfall hat den Radcomputer unseres Kolumnisten lahmgelegt. Der mögliche Datenklau treibt ihn weniger um – aber das Fehlen liebgewonnener Funktionen.

Michael Wiedersich
Radcomputer können fast alles: Nur bezahlen muss man auch mit den eigenen Daten. 
Radcomputer können fast alles: Nur bezahlen muss man auch mit den eigenen Daten. Foto: Imago

Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

In der vergangenen Woche hielten große Teile der kleinen Welt des Radsports den Atem an. Ein böses Virus soll Ärger verbreitet haben. Und damit ist ausnahmsweise einmal nicht das Coronavirus gemeint. Die US-Firma Garmin, einer der größten Anbieter für GPS-basierte Fitnesstracker, Sportuhren und Fahrradcomputer, hatte mit einem massiven Systemausfall zu kämpfen.

In Sachen Radfahren weiß Garmin vermutlich alles über mich

Läufer, Walker, Reiter, Golfer, Radfahrer, alle mussten fast eine Woche lang ihren Sport plötzlich ohne höchstmögliche technische Unterstützung ausüben. Die Geräte an sich zeichneten tapfer weiter alles auf, sogar die Navigation hat passabel funktioniert. Aber das automatische Hochladen der Trainingsdaten klappte nicht mehr wie gewohnt. Dieses wohlige Gefühl nach dem Sport, wenn man sich regenerativ an seiner erbrachten Leistungen weidet und überlegt, wo man noch hätte besser sein können, es kam nicht auf.

Aber auch viele weitere liebgewonnene Funktionen, die das Radfahrerleben so schön gemacht haben: einfach nicht mehr vorhanden. Fast genauso schlimm wie der Systemausfall waren die mitleidigen Blicke der Radkollegen, die Fahrradcomputer von Wahoo, Sigma, Polar oder Lezyne nutzen und natürlich nichts davon bemerkt hatten. Warum ich das alles weiß? Ich bin Betroffener gewesen.

Seit über zehn Jahren bekommt Garmin fast täglich von mir meine Sportdaten, kostenfrei, einfach so. Herzfrequenzen, Wattwerte, Kilometer, Strecken – in Sachen Radfahren weiß das amerikanisch-schweizerische Unternehmen vermutlich alles über mich. Und ich bin nicht allein. Millionen weiterer Sportbegeisterter machen es ähnlich. Was mit den Daten passiert, steht zwar in den Datenschutzrichtlinien, aber wer genau mit „andere Dritte“ gemeint sind, weiß man nicht.

[Mehr zum Thema Fahrrad, Verkehrspolitik und Radstrecken sowie zum Material lesen Sie in unserem Radblog.]

Als Gegenleistung dürfen, ebenfalls kostenfrei, die hauseigene Online-Software Garmin Connect sowie die Cloud-Infrastruktur und deren Dienste genutzt werden. Im Laufe der Jahre bin ich sensibler geworden, was die Nutzung meiner persönlichen Informationen betrifft. Ich habe sogar versucht, die Radcomputer-Marke zu wechseln, leider erfolglos. Denn immer, wenn ich gedacht habe, so jetzt ist aber Schluss, ich will keine Datenschleuder mehr sein, entwickelte der Navigationsriese eine neue Funktion, die es mir antat.

Donnerwetter: Der Radcomputer hat unseren Kolumnisten oft vor Nassen Füßen bewahrt.
Donnerwetter: Der Radcomputer hat unseren Kolumnisten oft vor Nassen Füßen bewahrt.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Denn der Radcomputer an sich ist inzwischen ein echtes Kommunikationswunder geworden. Schickt mir jemand eine SMS, muss ich nicht mehr anhalten und das Smartphone aus der Trikottasche ziehen, sie wird einfach auf dem Radcomputer angezeigt.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können. ]

Ebenfalls praktisch für alle, die wie ich einen leichten Hang zur Unpünktlichkeit bei Verabredungen haben, ist die Live-Tracking-Funktion. Hier kann man auf der, zugegebenermaßen sehr kleinen, Navigationskarte sehen, ob die Sportsfreunde auch unpünktlich sind und wenn ja, wo sie sich gerade befinden. Voraussetzung ist natürlich, dass sie ebenfalls Jünger des Navigationsgeräte-Imperialisten sind.

Nun lief tagelang nichts mehr. Und obwohl auch die Gefahr eines Datenklaus im Raume stand, beschäftigte mich etwas anderes viel mehr. Neben allen Funktionen habe ich besonders den Ausfall der Wetter-Apps auf meinem Radcomputer vermisst. Das Wetter war zuletzt nicht mehr sehr stabil.

Ein Blick auf die Apps sagte mir nicht nur, wann der Regen kommt, sondern auch, wo er fallen wird. Das hat mich in der Vergangenheit oft vor nassen Füßen bewahrt. Am vergangenen Wochenende während des Systemausfalls war ich vollkommen orientierungslos und bin gleich dreimal eingeregnet. Das ist mir so zuletzt vor über zehn Jahren passiert.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!