Radkolumne „Abgefahren“ : Eine verrückte Heldentour durchs Erzgebirge

Schon einmal vom „Stoneman“ gehört? Falls ja, wissen Sie, was jetzt gleich kommt. Falls nicht, werden Sie vermutlich mit dem Kopf schütteln.

Michael Wiedersich
Anfangs waren es nur Hügel, später wurde es steiler.
Anfangs waren es nur Hügel, später wurde es steiler.Foto: Wiedersich

Michael Wiedersich ist Sportjournalist und Radsporttrainer. Hier schreibt er im Wechsel mit Läuferin Jeannette Hagen.

Radfahrer sind ein wenig verrückt. Anders ist es nicht zu erklären, dass diese Spezies Mensch sich freiwillig und regelmäßig dem Straßenverkehr stellt, sei es, um von A nach B zu kommen oder aus Gründen der eigenen Fitnessverbesserung. Einige meiner Strava-Freunde beeindrucken mich dabei immer wieder aufs Neue mit ausgefallenen Touren. Der Tino zum Beispiel hatte neulich offenbar ein größeres Zeitfenster und ist von Berlin nach Leipzig, Dresden und zurück in die Hauptstadt gefahren. Nonstop versteht sich, 525 Kilometer in einem Rutsch.

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Ein wenig Irrsinn war wohl auch bei meinem Radkumpel Mü und mir dabei gewesen, als wir uns zu unserer dreitägigen Kreditkarten-Fahrt in der letzten Woche verabredeten. Ausgestattet mit der Zahnbürste, der Kreditkarte und einem vorgebuchten Hotel mit zwei Übernachtungen ging es auf unseren hochgezüchteten Carbonpfeilen los.

Das Ziel war der Stoneman, eine 300 Kilometer lange Runde durchs Erzgebirge zwischen Altenberg und Oberwiesenthal. Die Strecke mit über 5600 Höhenmetern wird in Eigenregie wahlweise an einem, zwei oder drei Tagen absolviert. Als Belohnung winkt ewiger Ruhm, festgehalten mit Namen auf einer digitalen „Wall of Fame“ im Internet.

Seit 2018 veranstaltet der Tourismusverband Erzgebirge zwischen Mai und Oktober diese Rennrad-Challenge, die es schon länger als Variante für Mountainbiker gibt. Ehrensache natürlich, dass mein Radkumpel und ich alles an einem Tag erledigen wollten. Und damit es einen Sinn hat, reisten wir am Vortag von Berlin nach Marienberg in Sachsen, wie es sich gehört, mit dem Rad an. Der Wind stand günstig und so vergingen die 240 Kilometer zu unserem Startort fast wie im Fluge.

Fast 800 Kilometer in drei Tagen - kann man mal machen

Nach einer kurzen Nacht machten wir uns morgens früh auf unsere lange Runde durchs Erzgebirge. Offenbar muss ich etwas aufgeregt gewesen sein, denn mir unterliefen trotz akribischer Vorbereitung einige Fehler. Den Startknopf meines Radcomputers hatte ich erst nach sieben Kilometern betätigt. Da ich außerdem bei der Bedienung der Stoneman-App komplett versagte, konnte ich mir den ewigen Ruhm also früh abschminken.

Doch die Gegend dort unten an der Grenze zu Tschechien entschädigte dafür. Die Tradition für Bergbau und Wintersport spürte man bei jeder Ortsdurchfahrt. Und obwohl gegen Ende die Straßen nach meiner Meinung zeitweise gefährlich nass waren, mein Begleiter aber lediglich „etwas ähnliches wie Regen“ feststellte, kamen wir beide pünktlich zum Sonnenuntergang wieder in unserem Hotel in Marienberg an.

Die Rückfahrt per Rad nach Berlin am Tag darauf war eine echte Tour d’Honneur. Die Sonne schien, selbst der Wind spielte wieder mit und geleitete uns sanft schiebend zurück nachhause.

Traumhaft: Mit dem Rad allein unterwegs auf endlosen Straßen.
Traumhaft: Mit dem Rad allein unterwegs auf endlosen Straßen.Foto: Wiedersich

Und ein Happy-End in Sachen ewiger Ruhm gab es für mich doch noch: Meine Beweiskette wäre „nahezu erdrückend“, so die Verantwortlichen des Stoneman und so bekam ich meinen Platz auf der Finisherliste.

Apropos Irrsinn: Einer meiner Kunden ist vor wenigen Tagen das Stilfser Joch in Südtirol, mit 2757 Metern Italiens höchster Gebirgspass, hochgefahren. Natürlich nicht nur einmal, sondern von allen drei Seiten hintereinander. Das wäre auch noch einmal eine Idee.

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